Capri

Die Wohnung in Neapel kann man ansehen als einen Versuch der Festmachung, als ein Surrogat für Verlöbnis oder Ehestand. – Hans Werner Henze

„Sag mal, was hälst Du davon, wenn wir heiraten?“. Markus zuckte kurz mit dem Kopf, galt die Frage etwa ihm? Hatte Sibylle ihn gerade gefragt, ob sie nicht heiraten sollten? Aber niemand sonst saß am Frühstückstisch auf der Terrasse, mit dem verboten schönen Blick auf den Golf, an dessen geschwungenem Strand sich die Stadt mit ihrem schmutzig weißen Marmor abzeichnete. „Ob wir heiraten sollen, Carissima adorabile? Wie meinst Du das?“. Er lächelte bubenhaft zu ihr herüber, sich selbst eine Tasse Kaffee einschenkend. „Warum nicht? Ich habe schon länger darüber nachgedacht, ich glaube, es könnte klappen.“ – „Sibylle“, begann er förmlich, „Du bist großartig und ich bete Dich an und verzehre mich nach Dir, wenn Du nicht bei mir bist. Und natürlich will ich, dass Du glücklich bist. Aber heiraten? Was ist mit Maurizio? Und mit Deinem Schweizer Architekten?“ – „Das sind Geschichten. Du wärest der ideale Gatte, eben deshalb.“

Sibylle strich sich eine Strähne aus der Stirn und zündete sich die erste Zigarette des Tages an, die besser schmeckte als alle folgenden. Sie zwinkerte leicht, weil die Sonne mittlerweile über dem Dach stand und ihre Gesichter traf. Sie ruckte ihren Stuhl weiter Richtung Schatten und wiederholte ihre Feststellung: „Du wärest der perfekte Ehemann, für mich auf jeden Fall.“ Automatisch folgte Markus ihrem Beispiel und steckte sich ebenfalls eine Zigarette an, eine simultane Geste, die die beiden seit ihrer ersten Begegnung begleitete. Sie hatten sich im Foyer der Münchner Oper bei der Premiere von „Hera“ getroffen, ihr Verlagsagent hatte sie einander vorgestellt. Sie verstand seine Musik offenbar viel besser als seine Komponistenkollegen, die ihm nicht genug avantgardistisches Bewusstsein vorhielten und ihm ankreideten, er kreiere zu viele Arien. Er las ihre Gedichte, als prüfte er sie für ihre Eignung, als Strophen eines Liedes vertont zu werden. Wie dafür geschrieben, lautete sein Urteil.

Längst war er in Italien heimisch geworden, das dolce vita galt auch für ihn. Die westdeutsche Justiz machte umstandslos dort weiter, wo das III. Reich aufgehört hatte. Die Bundesrepublik hatte den § 175 in der Fassung von 1935 in ihr Strafgesetzbuch übernommen und verfolgte Schwule beflissen und unbarmherzig. Die Gejagten und Verurteilten kamen zwar nicht mehr mit dem rosa Winkel ins Konzentrationslager, aber ins Gefängnis; mit der Haft ging verlässlich die Vernichtung ihrer bürgerlichen Existenz einher. Auch um dieser Drohung zu entkommen, war Markus nach Süden aufgebrochen. Jenseits der neutralen Alpen begann das Gelobte Land für Seinesgleichen, schon das feine Mailand mit seinen Banken, seinen Modehäusern und der Galleria Vittorio Emanuele II war eine Widerlegung der westdeutschen Nachkriegsenge. Und das sündige Neapel erfüllte alle Wünsche, die er sich geschlechtlich zugestand. Das Chaos im italienischen Alltag, die Anarchie des Verkehrs, die mediterrane Küche und die barocken Skulpturen gaben die passende Kulisse für sein Schaffen ab. Unter der Sonne des Mittelmeeres fand er seine berufliche und persönliche Freiheit.

Rund um Neapel hatte sich Anfang der 1950er Jahre eine homosexuelle Internationale geformt, die Exilierten der Geschlechter fanden hier auf Zeit zueinander und bargen sich gegenseitig. In Positano lebte eine junge amerikanische Romanautorin mit ihrer Geliebten, im benachbarten Sorrent ein englischer Dichter mit seinem Lebensgefährten; ein spanischer Theaterregisseur kam mit seinem als Sekretär getarnten Partner zu Besuch an die Amalfiküste, eine italienische Designerin traf sich diskret mit ihren Gespielinnen auf Ischia. Sie erkannten einander auf den ersten Blick an den Codes der Eingeweihten, sie kochten zusammen, gingen gemeinsam aus und deckten sich im Licht der schwatzhaften Öffentlichkeit. Markus führte Sibylle nach und nach in diese Subkultur ein, sie wurde in Arkadien aufgenommen als Botin aus der Welt der Bühne, ihr ohnehin schon flüssiges Italienisch verbesserte sich im Wochenrhythmus.

Auch Sibylle war getragen vom Wunsch, die heimatlichen Fesseln hinter sich zu lassen. Nach dem Ende ihres Studiums fand sie eine Anstellung beim Rundfunk in Wien, die ihr Zeit für die eigenen Verse und Essays ließ. Von einer Hamburger Illustrierten eilfertig zum „Fräuleinwunder der Nachkriegsliteratur“ erklärt, tat ihr der frühe Ruhm nicht nur gut. Die anzüglichen Fragen der Journaille, die Fototermine, die Lesereisen zehrten mehr an ihr, als sie anfangs glaubte. Während eines Aufenthaltes in Rom in der Wohnung, die ihr Verlag seinen Autoren als Refugium zur Verfügung stellte, hörte sie, dass Markus gerade in der Stadt war. Beim Abendessen in einer Trattoria in der Via Veneto lud er sie für den Sommer in sein Haus auf Capri ein. Der Juli und der August wurden ihre gemeinsamen Monate, mit dem Ergebnis, dass sie am Libretto für seine nächste Oper zu schreiben begann. Dass Markus abends loszog, um seine ragazzi zu finden, störte sie nicht; wenn er am nächsten Morgen wiederkam und den gemeinsamen Frühstückstisch deckte, pfiff er voller Freude und weckte sie mit dem Geklapper des Geschirrs.

„Geschichten?“, nahm Markus das Gespräch wieder auf. „Ich liebe Maurizio, das siehst und weißt Du. Und Du redest über Deinen Schweizer Architekten auf eine Weise, die geeignet ist, mich hellhörig werden zu lassen.“ – „Das ist schon richtig. Aber wir beide sind einander ganz tief verwandt, wir sind liebevoll befreundet, wie ich es nirgends kenne. Ich vertraue Dir und will für Dich sorgen.“ – „Cara, bitte, all das sehe ich auch so, aber wir sind doch eher casti come fratello e sorella, eine Hochzeit wäre Inzest.“ Sibylle drückte ihre Zigarette aus und legte ein Bein über das andere. Die dunkle Hose, die die Knöchel dekorativ freiließ, betonte ihren schlanken Wuchs vorteilhaft. Sie nahm sich eine Scheibe Brot aus dem Korb und bestrich sie mit blutroter Konfitüre. „Das muss nicht so bleiben. Du hättest Deinen Freiraum, ich hätte meinen, und wir wüssten beide, dass wir uns von unseren Reisen die schönsten Souvenirs mitbrächten.“

Markus wusste nicht zu sagen, wie ernst es Sibylle mit diesem verqueren Antrag war. Er fuhr sich mit der Hand über das rasch schütter werdende Haupthaar und nahm einen Schluck Kaffee. „Wir sollten unser wunderbares Verhältnis so genießen, wie es ist. Ich schwärme Dir von meinem Liebhaber vor, Du möchtest meinen Rat im Umgang mit Deinem Schweizer Architekten. Wir sind deshalb zusammen, weil wir nicht offiziell gebunden sind. Was willst Du denn noch mehr? Du kannst hier auf Capri ein und aus gehen, Du hast hier Dein Zimmer, Deine Schreibmaschine, Deine Bücher. Und wir leben unter einem Dach ohne jede Eifersucht und gehen abends in Neapel ins Teatro San Carlo.“ Sibylle hörte ihm aufmerksam zu. Die Sonne schien ins Wohnzimmer und brachte den schwarzen Flügel zum Leuchten. Markus hatte gestern Abend noch lange komponiert, aus einzelnen angeschlagenen Tönen wurden über die Stunden komplexe Harmonien, die sie heute früh treffend summen konnte mit ihrem absoluten Gehör. Sie hatte schon öfter für ihn als Korrepetitorin gearbeitet.

„Soll es mein Traum bleiben? Du bist aufmerksam, kultiviert und attraktiv, gewandt und aufrichtig. Du hast nichts gegen meinen Erfolg, ich gönne Dir den Deinen. Wir konkurrieren nicht, weder künstlerisch noch intim. Gibt es bessere Vorrausetzungen für eine glückliche Ehe?“ – „Ich weiß es nicht, Cara. Ich weiß nur, dass ich unsere besondere Freundschaft erhalten und pflegen will. Vor fünfzehn Jahren noch wäre Dein Angebot eine Lebensversicherung für einen Mann wie mich gewesen, aber heute nähmest Du Dir die Gelegenheit, den Mann zu finden, der zu Dir gehört, mit all den Schwierigkeiten, die das Zusammenleben mutmaßlich mit sich bringt. Soll ich Dir helfen, Deinen Einen zu finden?“ Dieser Plänkelton ohne Hintergedanken war typisch für ihre Gespräche. Er hielt die Sache unverbaut in der Schwebe, dabei das Fundament ihrer Beziehung unangetastet lassend. Markus blickte sie einladend an.

„Und denke bitte daran, dass wir kaum geeignet wären, Eltern zu werden. Wir sind das halbe Jahr über unterwegs, ich arbeite im Herbst in Amsterdam, Du hast ein Stipendium für Stockholm, wer weiß, was in zwölf Monaten sein wird. Zumal wir uns Kinder finanziell gar nicht leisten können. Unsere Beziehung ist doch bereits perfekt, wir setzen da an, wo wir vor Wochen unterbrochen haben. Du sprichst die Antwort auf meine Frage aus, noch bevor ich sie gestellt habe.“ Er zog die Augenbrauen hoch, als wollte er das Gesagte mimisch unterstreichen. Dann beugte er sich vor und fuhr ihr vom Handgelenk bis zum Ellenbogen: „Wir haben doch, was wir brauchen.“ Die ersten Segelboote hatten den Hafen verlassen und kreuzten an der Insel vorbei auf das offene Meer, von wo die Fischer von ihrem Nachtfang zurückkehrten. Der Tag würde heiß werden, wie der anlandige Wind verkündete.

„Du sprichst jetzt so nüchtern, so rational. Denke doch bitte daran, wie romantisch es wäre, in Neapel eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, in einer schattigen Seitengasse, in einem verfallenen Palazzo mit vier Meter hohen Decken, verwitterten Fresken, Mosaikfußboden und Blick auf den Vesuv. Wir suchen die Möbel aus, den Stoff für die Vorhänge, die Pflanzen für das Bad, das Service für die Gäste. Wir leben zusammen, sind einander nah, ohne uns zu bedrängen.“ – „Gut, das klingt alles verführerisch, aber denken wir es zu Ende. Wir sind gerade Dreißig und ernstlich bindungswillig; was geschieht, wenn Du Dich in einen Mann verliebst, so sehr, dass Du mit ihm eine Familie gründen willst? Wirst Du Dich dann von mir scheiden lassen?“ Sibylle hörte es an seiner Stimme, dass er beim Sprechen lächelte. Sie stand auf, trat hinter ihn und streichelte ihm über den Nacken und die Schultern; er griff nach ihrer Hand und blickte sie von unten an, neugierig und verwundert. Sie ließ ihre freie Hand unter sein Hemd gleiten und zwirbelte an seinen Brusthaaren, was sie noch nie getan hatte. „Was wäre, wenn ich diesen Mann bereits gefunden hätte? Lass uns doch herausfinden, wie weit wir schon gegangen sind. Und lass uns ans Gelingen glauben.“

Ohne Widerstreben ließ er sich von ihr aus seinem Stuhl aufhelfen, als forderte sie ihn zum Tanz auf. Er ließ es geschehen, dass sie ihn sanft in ihr Schlafzimmer zog und dort die Knöpfe seines Hemdes öffnete. Ihre Gesichter waren noch nie so nah beieinander gewesen, mit Ausnahme bei Gelegenheit der südlichen Begrüßungsküsse. Er erlebte sie zum ersten Mal als begehrenswerte Frau und sah in ihr nicht mehr nur die Gefährtin seiner Gegenwart. Ihr Schmiegen und ihre Griffe an seinem nackten Körper schienen ihm von Erfahrung und Zielstrebigkeit zu künden; er war überrascht, dass er auf diese Reize zustimmend und ergeben reagierte. Er überließ ihr vollständig die Führung und genoss es, sich fallen zu lassen. Als sie später wohlig ermattet unter dem dünnen Laken lagen und sie ihre Zigarette an seiner anzündete, meinte er lakonisch: „Weißt Du was, donna mia? Wir müssen ja nicht gleich das Aufgebot für San Lorenzo Maggiore bestellen, wir könnten ja vielleicht im kleinen Kreis beim Cena auf Capri unsere Verlobung bekanntgeben.“