Mauritz gilt im wohlhabenden und bürgerlichen Münster als ein besonders wohlhabender und bürgerlicher Stadtteil. Das Viertel östlich der Innenstadt mit altem Baumbestand zwischen Warendorfer Straße, Ring und Kanal ist charakterisiert durch freistehende Einfamilienhäuser auf großzügigen Grundstücken, viele der Stadtvillen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut. Klingende Namen wie Dechaneischanze, Zum Guten Hirten, Prozessionsweg und Vorsehungskloster beschwören eine Welt hinauf, die von Tradition, Glauben und Ergebenheit gekennzeichnet ist. Und dieses so beschauliche wie begehrte Quartier der Westfalenmetropole wurde in den letzten Wochen Schauplatz eines Kulturkampfes. Es ging um die angestrebte Umbenennung von fünf Straßen im sogenannten Marineviertel, erschlossen als Siedlungsgebiet vor 90 Jahren.
Die inkriminierten Namen stehen für zwei Orte von Schlachten während des I. Weltkriegs, Langemarck und Skagerrak, sowie für drei Marinekommandanten des Kaiserreichs, Scheer, Spee und Weddigen; vergeben wurden sie 1936. Heutige Aktivisten wollen in diesen Benennungen eine Verherrlichung des I. Weltkrieges und eine Verharmlosung des NS-Regimes erkennen, als einziger Ausweg aus diesem historischen Dilemma erscheint ihnen eine nachträgliche Tilgung der Namen. Die Bezirksvertretung Münster-Mitte hatte im Mai 2025 einen Beschluss gefasst, nach dem die Straßen umzubenennen und die als belastet geltenden Namen zu ersetzen seien. Dem hatte sich eine lokale Bürgerinitiative widersetzt, die mit einer Unterschriftensammlung schließlich den stattgefundenen Bürgerentscheid auf den Weg brachte.
Am gestrigen Sonntag waren alle Wahlberechtigten ab 16 Jahren aus dem Wahlbezirk Mitte aufgerufen, über die geplante Umbenennung der fünf Straßen abzustimmen, insgesamt gut 107.000 Menschen. Von ihnen nahmen rund 33 Prozent an der Abstimmung teil, eine enorme Quote für ein solch regionales Thema, das aber fraglos zur Mobilisierung taugte. Von den abgegebenen Stimmen entfielen 52,39 Prozent auf die Beibehaltung der alten Namen, 47,61 Prozent der Stimmberechtigten votierten für eine Umbenennung; eine knappe, aber deutliche Entscheidung zugunsten des Status Quo. Offenbar hat es eine qualifizierte Mehrheit der Anwohner des Viertels und der Nachbarschaft als bevormundend empfunden, dass Spuren der Geschichte einfach so aus dem Stadtbild gelöscht werden sollten.
Dieser Versuch einer Damnatio Memoriae ist seit dem römischen Imperium bekannt. Hierbei wurden regelmäßig Spuren aus dem Leben einer verhassten oder als gefährlich geltenden Person getilgt, bevorzugt ehemalige Kaiser wie Nero oder Caligula; ihr Name wurde aus Inschriften und Dokumenten verbannt, Denkmäler wurden entfernt, Bilder wurden übermalt, ganz so, als habe diese Person niemals existiert. Groteske Züge nahm diese Abschaffung der Erinnerung während des Stalinismus an, als in Ungnade gefallene Bolschewiki aus Fotos retuschiert wurden; die bekanntesten Fälle trafen Leo Trotzki und Nikolai Jeschow. Dieser Akt der Säuberung sollte zum einen das Andenken an die Verfemten diskreditieren, zum anderen diente er der Festigung der Position der neuen Machthaber. Der heutige Ausdruck für diese Praxis der Geschichtsvertreibung ist die Cancel Culture.
Bereits 2012 war der zentral gelegene Hindenburgplatz in Münster einer rhetorischen Reinigung zum Opfer gefallen, er firmiert seitdem neutral als Schlossplatz. Doch auch für die Zukunft drohen weitere Initiativen: So soll der Kardinal-von-Galen-Ring, der an den Bischof des Bistums während des II. Weltkriegs erinnert, überschrieben werden. Die Abstimmung aus Mauritz zeigt allerdings, dass die Apologeten einer übertriebenen politischen Korrektheit den Bogen überspannt haben. Wer vermag heute die Orte Skagerrak und Langemarck mit heftigen Schlachten des I. Weltkriegs assoziieren? Wem sagen die Namen Scheer, Spee und Weddigen heute noch etwas? Die Verfechter einer Streichung dieser Namen aus dem öffentlichen Raum verschaffen ihnen durch ihr Agitieren erst die Prominenz, die sie angeblich untragbar macht. Sie schaffen sich die Begründung ihrer Forderungen selbst, in der Sache jedenfalls liegt sie nicht.
Die Praxis der Damnatio Memoriae funktioniert vor der Folie einer selektiven Realitätswahrnehmung. Es ist das unhintergehbare Kennzeichen historischer Ereignisse und Zusammenhänge, dass sie eben vergangen sind – im vorliegenden Fall seit einem Menschenleben. Was konkret mit der angepeilten Umbenennung hätte erreicht werden sollen, konnten die Aktivisten nicht überzeugend darlegen, außer vielleicht einem diffusen Gefühl der Behaglichkeit, beim Spaziergang durch Mauritz nicht an einen lange zurückliegenden Krieg erinnert zu werden. Doch verschwinden weder Kaiserreich noch I. Weltkrieg aus der Geschichte, indem man Zeichen der Erinnerung, in diesem Fall Straßenschilder, einfach ändert beziehungsweise ersetzt. Die Geschichte einer Stadt, einer Region, eines Landes, eines Volkes muss als Ganzes betrachtet und verstanden werden, am besten aus der jeweiligen Zeit heraus. Es ist billig, sich nur jenen Figuren, Begebenheiten und Epochen zuzuwenden, die auch aus heutiger Sicht moralisch einwandfrei erscheinen mögen. Es ist vor allem eine Verachtung des eigenen Erbes, das nur ungeteilt zu haben ist.