Gemini

Philosophie ist Kommunikation aus Freude an der Sache selbst. – Niklas Luhmann, Soziale Systeme

Eine Entscheidung ist eine Selektion: Grüner Tee oder schwarzer Kaffee, Pinarello oder SUV, Aktien oder Bausparvertrag. Vor einer Entscheidung bestehen Optionen, nach einer Entscheidung tritt die Verantwortung hierfür hervor. Ob eine Entscheidung richtig ist, lässt sich erst in Nachhinein beurteilen, wenn sich die Umstände geändert haben. So gesehen, ist jede Entscheidung mit einem Risiko behaftet – bleibe ich beim Alten, Gewohnten, Vertrauten, so lästig und quälend es sich zeigen mag, oder öffne ich die Tür und gebe mich dem Neuen, Unbekannten, Verheißungsvollen hin. Chance ist ein ähnliches Wort wie Risiko, ihre beziehungsweise seine Verwirklichung liegt in der Zukunft, über die in der Gegenwart entschieden wird. Mindestens wird die Unsicherheit der Optionen beseitigt.

Große Sprachmodelle à la Gemini erzeugen bei ihren Anwenderinnen kognitive Schulden. Diese Chatbots suggerieren der Nutzerin, auf ihrem Telefon mit einem Menschen zu kommunizieren. Rein optisch besteht kein Unterschied zwischen der Interaktion mit einem KI-Modell und einem Chat auf Telegram oder Signal. Dass die Sprachmodelle Namen bekommen, die man Kindern geben könnte, verringert den emotionalen Abstand zu ihnen. Je nach dem, welche Fragen man ihnen stellt, servieren sie mundgerechte Antworten. Das kann Fachwissen sein, vorgetragen mit akademischer Souveränität; das kann empathisch klingen, als hörte man einer Sozialarbeiterin zu; auch ein Ton des Augenzwinkerns geht, wenn die Frage ironisch gestellt war; schließlich Intimität, als läge man zu zweit im Bett. Als nächste Stufe der KI-Entwicklung wird die agentische KI angepriesen. Dann recherchiert das System nicht nur Flüge mit der Finnair nach Helsinki, sondern bucht diese auch verbindlich, wenn die Nutzerin den Zugriff auf ihre Bankkapp erlaubt.

Kein Wunder, dass Menschen mittlerweile die KI-Lösung auf ihrem Telefon als Mischung aus Coach, Freundin und Butler betrachten, an die sie ihr Leben delegieren, soweit es Entscheidungen betrifft, für die sie die Verantwortung scheuen. Wenn es um die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten geht, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Kriterien: Zeitlich, wie lange kann mit der Entscheidung gewartet werden; sozial, wer ist von den Folgen der Entscheidung betroffen; ökonomisch, welche Kosten zieht die Entscheidung nach sich; emotional, wie groß ist der Druck, optieren zu müssen; fachlich, liegen die wichtigen Informationen für eine begründete Wahl vor. Diese Herausforderung kann man rational und intuitiv angehen. Die einen machen Listen mit Pro und Contra, die anderen gehorchen ihrem Inneren. Je länger das Schwanken zwischen diesen beiden Polen, desto größer gegebenenfalls die Unzufriedenheit nach getroffener Wahl.

Der aktuelle Chef mag tückisch sein, misstrauisch, sprunghaft und undankbar. Dafür ist er großzügig, was die Möglichkeit der Arbeit im Heimbüro angeht; die Bezahlung ist der erbrachten Leistung angemessen, das Themenfeld wird seit Jahren beackert und ist emergent, es dehnt sich also mit wachsender Beschäftigung in der Tiefe aus. Die mögliche neue Chefin hat den Ruf, schwierig zu sein; ihre Launen sind nur gerüchteweise bekannt. Ob sie sich im Konfliktfall fair verhalten wird, ist nicht ausgemacht. Gegenwärtig steht das Büro der Referentin weitgehend allein zur Verfügung, sie kann sich so organisieren, wie es ihrer Stimmung und ihrem Tempo entspricht; das Zusammenspiel mit den möglichen neuen Kollegen auf engem Raum ist nur zu mutmaßen. Der jetzige Chef agiert intrigant, die eventuell kommende Chefin wahrscheinlich auch; das semikriminelle Milieu des Politikbetriebes macht es unvermeidlich.

Der Wechsel des Büros kann auf die Sonnenseite führen, aber auch in den Schatten. Das Aufkündigen eines laufenden Arbeitsverhältnisses kann als Schritt der Tat und der Zuversicht gewertet werden, kann aber ebenso als Illoyalität interpretiert werden, zu vermuten in einem Tendenzbetrieb, der auf Beziehungen und Abhängigkeiten fußt. Auf die Liste des Für und des Wider gehört die Frage nach dem Leidensdruck und den Erwartungen, im Kern ist es die Frage nach der Einflussnahme auf die Situation, so wie sie entstanden und nun gegeben ist. Sich hier den Rat von Vertrauten und Freunden zu holen, kann bei der Entscheidungsfindung helfen, so wie in Blick in den Spiegel bei der Wahl der Garderobe. Am Ende wird die Wahl zugunsten der Einen und zuungunsten der Anderen eine solche des Gefühles sein, die man durch Argumente zu rationalisieren trachtet. Das ist solange kein Problem, wie man diese Wahl selbst trifft. Auch das Aufschieben einer Entscheidung ist eine Entscheidung, sie wird dann nur von anderen getroffen.