High

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben, / Wird für keinen Dienst auf Erden taugen, / Und doch wird er vor dem Tode beben, / Wer die Schönheit angeschaut mit Augen! – August von Platen

Mein Herz hat die Größe eines Basketballs, eher passend für eine Elefantenkuh. Es schlägt ruhig und mächtig und treibt das Blut durch die Adern, dass es schäumt und meine Haut von innen streichelt. Die Gefäße halten dem Druck stand und geben ihn in Form wohliger Wärme wieder ab. Ein leichter Schwindel hat mein Gehirn erfasst, ganz wie bei einer Grippe mit erhöhter Temperatur. Ich fühle mich einerseits belebt und andererseits erschöpft, als käme ich gerade aus einer finnischen Sauna aus staubtrockener Hitze bei 95 °C. Mein Organismus beansprucht sich selbst, ich werde mit Sauerstoff versehen und bin rein vegetativ. Die kräftige Durchblutung erreicht auch das Geschlecht, parallel dazu formen sich die Gedanken wie von selbst zu aphrodisierenden Phantasien. Da werde ich zärtlich Hand an mich legen.

Wir haben uns länger nicht gesehen, meine afghanische Schönheit und ich. Nach Jahrzehnten der Beziehungspause haben wir eher zufällig wieder zueinander gefunden; die Vertrautheit von ehedem war gleich wieder da, auch wenn die Begegnungen jetzt viel sanfter und hegender als in der abklingenden Jugend verlaufen. Wir treffen uns heuer nicht mehr in der Lunge, sondern im Magen, der bittere Geschmack am Gaumen harmoniert bestens mit Grünem Tee und Milch, letztere verbessert nebenbei die Resorption im Verdauungstrakt. Die sedierende Wirkung, die nach rund anderthalb Stunden einsetzt, ist mir hoch willkommen, als Gegenteil von Aufputschen, Aktivität und Veräußerung. Ich gerate in eine kontemplative Stimmung, in der ich endlos Bach hören, stundenlang auf den See schauen oder die heimlichen Muster zwischen Stuck und Raufaser erfassen kann. Von der Außenwelt getrennt, erscheint sie mir viel schöner, als sie aus der Nähe sein kann.

Meine Ratio macht Pause, meine innere Welt erfährt soeben das Geschenk der Wiederverzauberung. Urteilen, Kritisieren, Sorgen und Wollen treten zurück zugunsten des schieren Geschehenlassens, diese pflanzenhafte Absichtslosigkeit wird im Zen wohl Satori genannt. An der Hand meiner Cicerona ermesse ich die Tiefen meiner Seele, die kein Sonnenstrahl erreicht; sie bahnt mir den Zugang zu den tragenden Schichten meines Selbst, die dem Verstand nicht zugänglich sind. Gedanken folgen zu wollen, ist jetzt so unnötig wie unmöglich. Es scheint in mir zu denken, ohne Rücksicht auf Struktur und Interpretation; ich beginne Farben zu fühlen, die im vom menschlichen Sinn erfassten Spektrum nicht vorkommen. Die Fuge, die ich gerade höre, scheint sich währenddessen selbst zu komponieren. Die kosmische Intelligenz der Güte.

Die Frau, deren Antlitz ich im Spiegel sehe, ist sehr viel schöner, als sie es sich gemeinhin zugesteht, mein Blick auf sie und mich wird gnädig und wehrlos. Die Ausschabung von Muskeln, Adern und Sehnen, Lymphknoten, Speicheldrüse und Gewebe am linken Hals als Folge einer Operation, im Alltag eine Entstellung, bekommt den Charakter eines Ordens für das Überleben einer Krebserkrankung. Die Narbe vom Kehlkopf über das Schlüsselbein Richtung Schulter avanciert zum Keloidcollier. Das T-Shirt mit seinem U-Boot-Ausschnitt lenkt den Blick auf die versehrte Körperpartie, die ich jetzt nicht als Zumutung empfinde, sondern als Variante; die von der Bestrahlung verbrannte Haut hat sich mit der Zeit regeneriert. Meine Augen sind gerötet wie die eines Kaninchens; wenn ich nachher in die Messe gehe, trage ich besser eine Brille, die den verschleierten Blick entschärft.

Die afghanische Schönheit hält sich gegenwärtig legal im Lande auf, wie auch ihre Schwestern aus Marokko, der Türkei und dem Libanon, für die typische Paranoia gibt es keinen Grund. Am Seeufer vermischen sich ihre duftenden Schwaden mit dem Pollenflug von Hasel, Erle und Birke. Mein Gang kommt mir etwas schwankend vor, was auch an den weichen Sohlen liegen mag. Ich bewege mich mit der intuitiven Vorhersehbarkeit meines eigenen Schattens, ohne Schwere, vom Ziel angezogen. Zum Glück muss ich mich in der kommenden Stunde nicht an einem Gespräch beteiligen, sondern darf mit der Gemeinde hören, singen, beten und kommunizieren. Ich kann der Predigt über die Erweckung des Lazarus (Joh 11,1-45) nur schemenhaft folgen, einzelne Worte bleiben im Bewusstsein, aber kein Zusammenhang und erst recht keine Moral. Das macht aber nichts, denn das Herz freut sich über den vom Kopf freigeräumten Zugang zur Wahrheit. Die Seligkeit tritt an die Stelle der Fragen.

Das High, das mir die afghanische Schönheit mit ihrem Hang zur Eifersucht spendet, trennt mich von den anderen Menschen; ich bin eingelassen in meinen Erlebnisraum, der nur in intimer Absicht geteilt werden kann. Mein Alleinsein wird durch sie nicht nur attraktiv, es ist nahezu die Bedingung für ihre Anwesenheit. Dass in mir im Dämmer des Abends die Schwermut wächst, will sie nicht zu verantworten haben; sie lässt mich wissen, dass sie nur das hervorholt und unterstreicht, was ohnehin nach oben drängt. Die tiefe Entspannung von Muskeln und Geist allerdings geht fraglos auf sie zurück, ebenso die Betäubung hartnäckiger Arthroseschmerzen. Kein Wunder, deuten doch Ausgrabungsfunde aus China darauf hin, dass sie bereits vor über 4.000 Jahren als pflanzliches Therapeutikum zum Einsatz kam, Verführung zu Rausch und Traum inklusive.

Schließlich ist es an der Zeit, ins Bett zu finden. Eingekuschelt im Dunkel, bin ich bereit für den Abschluss unserer heutigen Reise. Meine Begleitung ist bekannt und gerühmt dafür, dass sie die Tür zum Schlaf weit öffnet und über seine Tiefe wacht. Meine Brust hebt und senkt sich im Rhythmus des Atmens, der Puls verlangsamt sich, hinter den geschlossenen Lidern zündet das Feuerwerk. Meine Arme sind zu Schwingen geworden, die mich in die Höhe heben und mich mich von oben mustern lassen. Du hast doch, was Du brauchst, rufe ich mir zu; Du darfst zufrieden sein mit allem. Getröstet von soviel Weisheit, lasse ich mich fallen in den Brunnen des Vergessens. Eine Nahlebenserfahrung? Morgen werde ich leicht benebelt erwachen, will das flüchtige Glück des Augenblicks bewahren. Den Tag werde ich so gestalten, dass ich es abends zu fassen bekomme.