Kostüm

Vor Gericht geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um ein Urteil. – Erstsemesterwitz an der Juristischen Fakultät

Die ältesten religiösen Texte, die die Menschheit kennt, sind voller Vorschriften über das richtige und falsche Handeln, gegenüber Gott und gegenüber den Menschen. Die Bücher Levitikus und Numeri, im Judentum Teil der Thora, im Christentum Teil des Pentateuch, geben dem Volk Israel strenge Gesetze und legen auch die Strafen für deren Übertretung fest; der Tradition nach stammen sie von Gott selbst und werden durch Mose dem Volk übermittelt. In der Passion Christi treten dann geistliche und weltliche Herrschaft auseinander: Der römische Statthalter Pilatus verurteilt auf Drängen der jüdischen Hohepriester Jesus zum Tod am Kreuz, hingerichtet wird er auf Golgatha von den Soldaten der Besatzer. Mit Beginn der Moderne quillt das Recht allein aus der Welt der Menschen, sie geben sich Verfassungen, Gesetzbücher und Prozessordnungen und begründen die Rechtsprechung aus sich selbst heraus.

Der Gerichtsfilm hat sich als Untergenre des Kriminalfilms fest etabliert in der europäischen und US-amerikanischen Popkultur. Das Muster ist hier wie da das Selbe: Ein Mensch übertritt absichtlich die Gesetze und wird kriminell, damit stört er die menschengemachte Ordnung und erschüttert das Vertrauen der Bürger ineinander. Ein entschlossener Detektiv, Kommissar oder Richter untersucht den Fall, deutet Spuren, zieht Schlüsse, überführt den Verbrecher und sorgt für eine angemessene Bestrafung – so werden die Normen wieder hergestellt, der Riss der Gesellschaft wird geschlossen, die Zuschauer erfahren eine wohlige Läuterung. In diesem Milieu der professionell Guten, die gegen die willkürlich Bösen kämpfen, ist die US-amerikanische TV-Serie „Suits“ angesiedelt, gedreht in den Obama-Jahren, vor zehn Jahren bei Netflix zu sehen und derzeit in der ZDF-Mediathek zu verfolgen.

Schauplatz von „Suits“ ist die fiktive wie renommierte Wirtschaftskanzlei Pearson Hardman in Manhattan. Deren Partner Harvey Specter ist der Fixstern am New Yorker Anwaltshimmel, der jeden Prozess gewinnt und außergerichtliche Vergleiche in verfahrenen Situationen erreicht. Eher aus Versehen stellt er Mike Ross ein, der sein Geld als Fahrradkurier verdient und mit seinem Mitbewohner regelmäßig kifft. Er hat das College ohne Abschluss verlassen, weil er die Ergebnisse eines Testes an die Tochter des Dekans verkaufte; seinen Traum vom Jurastudium musste er somit begraben. Sein fotografisches Gedächtnis macht ihm jegliches Lernen leicht, seine Hochbegabung lässt ihn jede noch so schwere Prüfung ohne weiteres bestehen. Harvey Specter weiß um die turbulente Vergangenheit Mike Ross‘ und gibt dem jungen Mann ohne Anwaltszulassung eine Chance. Damit ist der Ton zwischen den beiden ungleichen Männern gesetzt: Beide müssen bei der Bearbeitung ihrer Fälle immer darauf achten, Mikes Geheimnis zu wahren.

Harvey Specter ist als Anwalt zielstrebig, siegeshungrig, effektiv und skrupellos; ein Privatleben hat er nicht, gelegentliche Treffen mit Frauen führen ob seiner Kälte und Distanz nicht weit. Mike Ross startet idealistisch und beteiligt sich emotional an den Fällen seiner Mandanten, er gibt den weißen Ritter auf der Seite der Übersehenen und Entehrten. Damit stößt er in der Kanzlei immer wieder an Grenzen: Zu ihren Mandanten zählen Unternehmen, Finanzinvestoren und Hedgefondsmanager, die Streitwerte der Fälle gehen routinemäßig in die Millionen. Schnell wird der Zuschauerin deutlich, dass die Kanzlei eine Firma wie die anderen ist, dass sie als Interessenvertreterin ihrer Kunden agiert und dabei das Recht dergestalt benutzt, wie es deren Ziele erfordern. Es geht nicht darum, ob die Vorwürfe gegen die Mandanten zutreffen, sondern ob sie sich beweisen lassen. Am Ende zählt die Rechnung, die die Kanzlei ihren Auftraggebern ausstellen kann; der Wert der Partner bemisst sich an ihren abrechenbaren Stunden. Die Wahrheit verkommt dabei zur lässlichen Größe.

Die Kanzlei ist Teil des Ökosystems der Hochfinanz der Wall Street, genauso verwechselbar sehen auch ihre Repräsentanten aus. Die Männer tragen Anzüge in Blau, Grau, Kohle und Anthrazit, dazu seidene Krawatten und Budapester Schuhe. In dieser Uniform der Macht, die den Körper zurücknimmt und ihn durch das teure Textil abschirmt, sind sie weder von ihren Kunden, den Bankern, Managern und Investoren, noch von ihren Gegnern in der Staatsanwaltschaft zu unterscheiden. Die Frauen tragen knielange Röcke und ärmellose Kleider sowie glänzende Schuhe mit zwölf Zentimeter hohen Absätzen, ihre schlanken Körper werden durch dieses eng anliegende Kostüm schamlos ausgestellt. Die Akteure in „Suits“, einer Art „Unisex in the City“, bewegen sich in der Kanzlei und den Lokalen der Upper East Side mit der Anmaßung von Menschen, die um ihre Macht und ihre Privilegien wissen und diese für gottgegeben halten. Alte und Kinder, Arme, Schwache und Hässliche kommen in diesem Kosmos nicht vor.

Untereinander intrigieren die Partner und Anwälte wie in jedem anderen Unternehmen auch. Sie schmieden Allianzen, um die aktuelle Führung zu stürzen und deren Platz einzunehmen. Sie halten Informationen zurück, um sich gegenüber Konkurrenten zu profilieren. Sie belügen einander, um beim Sprung auf die nächste Stufe der Karriereleiter die Nase vorn zu haben. Dabei ist das Belohnungssystem so einfach wie zugkräftig: Geld ist der alleinige Maßstab, ob kanzleiintern oder in der Interaktion mit den Mandanten, der Börsenaufsicht, möglichen Sponsoren oder gar der Politik. Das US-Rechtssystem bevorzugt unverstellt diejenigen, die es sich leisten können, ihre zivilrechtlichen Ansprüche vor Gericht geltend zu machen, das schließt mittellose Menschen per se davon aus, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Wenn dann noch ein korrupter Staatsanwalt einen Deal mit einem verdorbenen Verteidiger schließt, landet ein Unschuldiger für fünfzehn Jahre im Gefängnis, weil für das Protokoll eben irgendjemand der Täter sein muss.

Wie in so vielen US-Serien spielt die Stadt New York in „Suits“ die Hauptnebenrolle. Protzig in den Himmel ragende Wolkenkratzer, schwarze Limousinen, Luxusapartments, teure Restaurants und edle Boutiquen fungieren auch hier als Kulisse, die der Zuschauerin jede Projektion erlaubt. Die weiteren Figuren der Serie neben Harvey und Mike sind so holzschnittartig wie unsympathisch angelegt, eine längere charakterliche Entwicklung ist dabei nicht vorgesehen. Jessica Pearson pocht ständig darauf, wie schwer es für eine schwarze Frau ist, sich an der Spitze einer Kanzlei zu behaupten; dabei stößt sie, wenn es sein muss, ihre Partner die Kellertreppe hinunter. Louis Litt ist ein sadistischer Kleingeist, der lieber ins Ballett oder in ein Shakespeare-Drama ginge, sich aber nicht eingestehen kann, dass er unter Harveys Erfolgen leidet. Rachel Zane, gespielt von Meghan Markle noch vor ihrer Zeit mit Prinz Harry, strebt als Rechtsanwaltsgehilfin nach Höherem und will Jura studieren; nebenbei verliebt sie sich in Mike und teilt sein dunkles Geheimnis. Donna Paulsen mit ihren rotblonden Haaren ist Harveys Sekretärin und seine Beichtmutter, würde aber am liebsten nur als Ophelia oder Medea auf der Bühne stehen.

In der Diktion des Systemtheoretikers (und Juristen) Niklas Luhmann kommuniziert das Rechtssystem entlang der Differenz legal/illegal. Die Kommunikation bei „Suits“ verläuft eher entlang der Differenz Gewinn/Verlust. Dementsprechend bemüht Harvey Specter ständig Beispiele aus der Welt des Sports, wo es auch nur einen Sieger und jede Menge Platzierte gibt. Dieses zutiefst amerikanische Denken, das für Zwischentöne und bloße Nachfragen keinen Platz hat und das Scheitern vieler Menschen für richtig und der Vorsehung gemäß hält, zeigt sich in jeder Verhandlung vor Gericht: Da soll der Homerun endlich kommen, da soll der volle Punkt eingefahren werden, da soll der Pokal gewonnen werden. Am Ende eines jeden Prozesses winkt eine Trophäe, die nur einer haben kann. Dass das Recht Motive kennt, mildernde Umstände, Bewährung oder so etwas Sentimentales wie die Unschuldsvermutung, geht in „Suits“ vollends unter. Das Recht ist hier ein probates wie ungleich verteiltes Mittel, ökonomische Interessen durchzusetzen, ebenso wie es die Macht, der Ruhm und die Schönheit sind. Dass das nur ein anderes Wort für Manipulation ist, wissen und verteidigen alle Beteiligten der Serie, solange sie nicht mit den Folgen leben müssen. Dem Paten im Weißen Haus ist diese nihilistische Rechtsauffassung vertraut, er hat das Justizministerium zu seiner persönlichen Rachestation umgeformt. Er hätte bestimmt seine Freude an dieser TV-Saga, die ihn und seine Helfershelfer aus der Finanzindustrie bar jeder Ironie portraitiert.

Nach der ersten Staffel fragt sich die Zuschauerin, wie realistisch die Hahnen- und Hennenkämpfe in den Glaspalästen mit ihren Eckbüros sind. Es ist Standard, dass große Wirtschaftskanzleien auch in Deutschland junge Absolventen für sechsstellige Einstiegsgehälter rekrutieren und sie mit einer 80-Stunden-Woche auspressen. Es ist unvermeidlich, dass eben diese jungen Absolventen, wenn sie nicht spuren und keine Ergebnisse liefern, nach zwei Jahren als Abfall weggekippt werden. Und es ist zu erwarten, dass aus den Absolventen, wenn sie den Tanz um die Boni überleben, verschlagene Berater werden, die für ihre Mandanten lügen, rauben und morden, solange sie dafür nicht angeklagt werden. Spätestens ab der vierten Staffel beginnt die Zuschauerin sich zu langweilen, weil sie die sterilen Büros, den Glanz und die perfekten Frisuren ebenso über hat wie die arroganten Sprüche nach einem Vertragsabschluss. Das Recht ist so kompliziert wie schützenswert, es ist eine große zivilisatorische Errungenschaft. Rechthaberei hingegen ist Ausfluss des Marktes und ein anderer Ausdruck für Bestechung.