Veritas adaequatio intellectus et rei est – Thomas von Aquin
Seit knapp einem Jahr ist Robert Francis Prevost der Bischof von Rom, als Papst Leo XIV. ist er das Oberhaupt von gut 1,4 Milliarden Katholiken weltweit. Mit seinen 70 Jahren ist der gebürtige Amerikaner für römische Verhältnisse in seinen besten Jahren, sein Tennisspiel und ein privater Fitnessraum im Vatikan lassen ihn fit und gesund erscheinen, sodass ein längeres Pontifikat ins Haus stehen könnte. Sein erstes Jahr allerdings hat viele Gläubige ebenso enttäuscht wie politische Beobachter, die sich eine beherzte Rolle des Heiligen Stuhls in der Weltpolitik erhofften. Leo bringt weder das Charisma seines unmittelbaren Vorgängers Franziskus mit, noch erreicht er in Fragen der Theologie das Niveau seines Vorvorgängers Benedikt. Unvorstellbar, dass er zementierte Verhältnisse ins Wanken brächte wie weiland Johannes Paul den Kommunismus in seinem Heimatland Polen.
Der blasse Augustinerpater wirkt nicht wie ein Visionär oder auch nur Brückenbauer, sondern kommt als dröger Verwalter daher. In seiner ersten Osterfeier räumte er gleich eine hoch symbolische Aktion seines Vorgängers Franziskus ab und wusch an Gründonnerstag nicht etwa Gefangenen die Füße, sondern bräsigen Klerikern. Das Kreuz während der Karfreitagsprozession trug er immerhin selbst, seine körperliche Konstitution erlaubte ihm diese Geste. In seiner Osterpredigt ging es erwartbar abstrakt um den Frieden in der Welt, die aktuellen Brandherde im Nahen Osten dabei schamhaft verschweigend. Und dann reagierte er verwundert, als er vom US-Machthaber im Internet beschimpft wurde, weil er die US-Aggression gegen den Iran nicht lauthals bejubelte. Diesen Kredit verspielte er gleich wieder, als er zwei ranghohe Figuren des US-Regimes zu einer Privataudienz im Vatikan einlud.
Mit diesem Bürokraten ist eben kein Staat zu machen, wie es auch die deutschen Bischöfe erfahren mussten. Diese erlauben in ihren Bistümern vereinzelt die Segnungen homosexueller Paare – Leo hat diese zaghafte sakramentale Praxis gleich wieder einkassiert. Von ihm, der aufgrund der wachsenden Zahlen der Gläubigen die Zukunft der katholischen Kirche in Afrika und Asien sieht, wird eher die Segnung der auf dem afrikanischen Kontinent auch unter Christen verbreiteten Vielweiberei zu erwarten sein, als dass sich die Kurie liberalen Strömungen in Europa öffnete. Als hätte er, in Übereinstimmung mit dem Paten im Weißen Haus, den alten Kontinent, der die römische Kirche stark, mächtig und intellektuell lange Zeit führend machte, längst abgeschrieben. Dort leben noch immer die wohlhabenderen Kirchenmitglieder, deren Geld die Kirche gerne über Steuern mitnimmt, deren Stimmen aber nicht länger gehört werden.
Die mittelfristige Perspektive der katholischen Kirche wird über das Finanzkraft ihrer Mitglieder entschieden. Ganz einträchtig mit den deutschen Bischöfen hat Leo keinerlei Idee, wie denn der Jahrzehnte währende Mitgliederschwund in Deutschland und Europa gestoppt oder zumindest verlangsamt werden könnte. Die katholische Kirche hat im vergangenen Jahr etwa 600.000 Mitglieder verloren, jeweils hälftig durch Sterbefälle und Austritte; aktuell sind auf dem Papier noch knapp 20 Millionen Menschen in Deutschland konfessionell katholisch. Ähnlich wie bei den evangelischen kirchenähnlichen Gemeinschaften hat die katholische Kirche in gesellschaftlichen Fragen ohne Not die Positionen der Grünen übernommen, vom Klima bis zu offenen Grenzen. Dass die noch verbliebenen Gläubigen von ihrer Kirche eine entschiedene Position gegenüber dem invasiv auftretenden Islam erwarten, kümmert die Kardinäle nicht. Leo in Rom genauso wenig.