Henry

Take up the White Man’s burden – / The sawage wars of peace – / Fill full the mouth of Famine / And bid the sickness cease; / And when your goal is nearest / The end of others sought, / Watch Sloth und heathen Folly / Bring all your hope to nought. – Rudyard Kipling

Welch ein Kontrast, ganz ohne Grauwerte. Als vor rund sechs Jahren der Schwarze George Floyd in den USA bei einer Verkehrskontrolle von der Polizei zu Tode verhaftet wurde und elendig erstickte, knieten sie alle nieder aus Wut, voller Empörung und in Trauer. Popstars, Sportler, Unternehmer, Prediger, Studenten und die unvermeidlichen Politiker beugten ihre Knie und zeigten sich „solidarisch“, sprachen von „Scham“, die sie empfänden, und adelten mit dem Slogan „Black Lives Matter“ eine ganze heterogene Ethnie zu besseren Menschen.

Als im Advent 2025 ein Pakistani in Southampton den jungen Weißen Henry Nowak grundlos niederstach und die Polizei rief, setzte diese das Morden fort, indem sie dem Verblutenden nicht nur keine Erste Hilfe leistete oder auch nur den Notarzt rief, sondern den Sterbenden noch verspottete, ihn in Handschellen legte und ihm zu seinen letzten Seufzern zynisch seine Rechte als Beschuldigter vorlas. Schließlich hatte der pakistanische Mörder behauptet, er sei von dem jungen Briten „rassistisch“ beleidigt worden. Das gruselige Bild einer Körperkamera eines der Polizisten zeigt die bleiche, nicht länger durchblutete Hand des jungen Mannes, aus der jedes Leben gewichen ist, eingeschnürt in kaltes Eisen. Derweil steht der Täter fröhlich daneben und filmt die Szene mit dem Telefon. Das muss das notorische „white privilege“ sein.

Dank X sind die Videos, die das Nachmorden durch die Polizisten zeigen, öffentlich zugänglich; ebenfalls auf X wurden Bilder des kürzlich zu lebenslanger Haft verurteilten Pakistani veröffentlicht. Die Tat ereignete sich im Advent 2025, ein knappes halbes Jahr später wurde das Urteil gesprochen – und in der ganzen langen Zeit dieser annähernd sechs Monate wurde das Verbrechen allein auf Social Media debattiert. Die BBC in Großbritannien und erst recht der ÖRR in Deutschland haben das Thema bis zum Geht-nicht-mehr ignoriert. Erst als das Urteil gesprochen wurde, bequemten sich die Sender zu einer dürren Stellungnahme, mit dem üblichen Framing, man dürfe jetzt keinen Generalverdacht gegen eine bestimmte Gruppe äußern. Gleiches gilt für die selbsternannte Qualitätspresse hier wie da. Es scheint so, dass sich X von einer Social Media-Plattform zu einer Nachrichtenagentur entwickelt hat, die jene Dinge publiziert, die die etablierten Medien gern unerwähnt ließen.

Das geschilderte brutale Vorgehen der Polizei in Großbritannien ist das entsetzliche Ergebnis eines perversen Trainings, das die Beamten im Beruf auf politische Korrektheit, auf eine woke Gesinnung und auf die Achtung von „Diversity“ abrichtet. Der potenzielle Vorwurf, sie seien bei der Ausübung ihrer Arbeit womöglich gegenüber Schwarzen voreingenommen, dürfe auf keinen Fall erhoben werden, also lasse man Schwarzen allerlei Delikte durchgehen, für die Weiße vor Gericht landen. Diese absurde Einstellung der Polizei, für die das Innenministerium und damit die Regierung verantwortlich ist, hat nun ein weiteres Menschenleben gekostet. Für die beteiligten Polizisten ändert sich nach dem sinnlosen Tod Henry Nowaks nichts: Sie haben ja Dienst nach Vorschrift geleistet und müssen bestenfalls mit einer symbolischen Untersuchung ohne Folgen rechnen.

Nicht zum ersten Mal, wie die systematische Versklavung junger Britinnen aus einfachen Verhältnissen zu Sexzwecken und spätere Tötung durch pakistanische Kriminelle seit annähernd 70 Jahren zeigt. Jahrzehntelang winkten die Behörden gelangweilt ab und erklärten zahlreiche Hilferufe der Mädchen, ihrer Mütter, Familien und Nachbarinnen für Unsinn oder drohten den Opfern gar mit Anzeigen wegen „rassistischer Beleidigungen“ – die Beamten hatten schlicht Angst, gegen Pakistani zu ermitteln und dann als „rassistisch“ gebrandmarkt zu werden. Seit zwei Wochen liegt der „Rape Gang Inquiry Report“ vor, der auf gut 200 Seiten das bestialische Treiben muslimischer Banden beim Vergewaltigen, Foltern und bisweilen Töten von 250.000 (!) weißen Mädchen und jungen Frauen beispielhaft dokumentiert. Im Unterhaus hatten sich sowohl die Tories als auch die regierende Labour Party lange gegen eine offizielle parlamentarische Untersuchung dieses Horrors gestemmt, die erst durch das Insistieren eines Abgeordneten von Restore Britain zustande kam. Wen wundert’s, war doch der scheidende Premierminister seinerzeit verantwortlicher Staatsanwalt und hatte in dieser Eigenschaft polizeiliche Ermittlungen aktiv verschleppt. So gesehen, holt ihn diese grausame Komplizenschaft jetzt im Akt des Rücktritts ein – natürlich sieht der ÖRR weder auf der Insel noch auf dem Kontinent einen Zusammenhang.

Und weiter? Kniet wieder die halbe Welt in Demut und Mitgefühl? Gibt es Demonstrationen für „Vielfalt“, „Frohsinn“ und „Weltoffenheit“ sowie ein Benefizkonzert gegen „Hass und Hetze“ in der Staatsoper? Was sagt die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchenähnlichen Gemeinschaften, was lassen uns die Klimakleber wissen? Wie äußern sich die Kommentatoren auf ARD und ZDF, was denken die Erzieher des linken Boulevards? Was meinen all die Experten, die sich sonst ungefragt zu Allem und Nichts äußern? Haben sich gegebenenfalls muslimische Verbände erschüttert gezeigt? Das kollektive Schweigen all dieser Guten, Netten, Sorgenden und Behütenden lässt die Fassungslosen zusätzlich ertauben. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die Gesundheit und das Leben von Weißen, anders als die Gesundheit und das Leben von Schwarzen, in einer westlichen Demokratie unter Vorbehalt stehen – voila.

Rudyard Kipling (1865 bis 1936), Autor der „Dschungelbücher“ und 1907 erster englischer Nobelpreisträger für Literatur (und bis heute der jüngste überhaupt), schrieb 1899 das Gedicht „White man’s burden“, das sich verklärt und kritisch mit dem britischen Empire auseinandersetzt. Für Kipling tragen die Kolonialherren eine Verantwortung für die Völker, die sie knechten und ausbeuten. Diese „burden“ bringe es mit sich, Zivilisation und Kultur den vermeintlich wilden Eingeborenen zu ihrem Besseren zu bringen. Davon ist rund 125 Jahre später nichts mehr übrig. Großbritannien erfährt eine Kolonialisierung daheim, der öffentliche Raum ist in der Hand der Nachkommen aus dem Commonwealth. Der Buckingham Palace, der Trafalgar Square, die Royal Albert Hall und die Tate Britain sowie die Universitäten in Cambridge und Oxford sind zur Folklore für das Geschichtsfernsehen verkommen. Die Aufgabe des nächsten Premiers, des siebten in zehn Jahren, wird es sein, das ehedem weiße Britannien abzuwickeln und es den Besatzern zu übergeben, unter permanenter Abbitte für die „White man’s shame“. Ihm sei gesagt: Der Islam kennt keine Absolution.

Bärbel

Wenn argumentativ nichts mehr geht, greifen Politiker gern zur Unterstellung persönlicher Diffamierung. Dieses Mittel der Verzweiflung wählt auch die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, zudem noch Co-Vorsitzende der kleinen Regierungspartei. Sie werde als starke Frau angefeindet, so die Ministerin, sie lasse sich aber nicht unterkriegen von den persönlichen Angriffen. Dass die digitalen Reaktionen auf ihre haarsträubenden Aussagen ein Indiz für ihre Unfähigkeit, ein Ministerium zu leiten, sein könnten, kommt ihr dabei nicht in den Sinn.

Unfreiwillige Heiterkeit löste seinerzeit ihre Behauptung aus, nach der bei der geplanten Rentenreform der Bundesregierung die Beitragszahler nicht belastet würden, weil die benötigten Mittel über Steuern kämen. Ganz so, als seien Beitragszahler nicht auch Steuerzahler, als griffe ihnen der Staat neben der rechten nicht auch noch in die linke Tasche. Nun gut, eine Ministerin ist das öffentliche Gesicht einer obersten Bundesbehörde, die eigentliche Arbeit leistet die Führungsebene mit den Staatssekretären und den Abteilungsleitern sowie den Fachleuten in den Referaten. Aber ist es unzumutbar, dass eine Ministerin elementare Zusammenhänge der Wirtschafts- und Finanzpolitik versteht?

Als sich die Ministerin dann wider bessere Fakten im Bundestag zu der grotesken These verstieg, niemand wandere in die deutschen Sozialsysteme ein, kam die Frage auf, ob sie nur ihre Ahnungslosigkeit demonstrierte oder absichtlich log. Eine Ministerin hat qua Amt Zugriff auf detaillierte Informationen, auch auf solche nur für den Dienstgebrauch, sie könnte sich also konkret ins Bild setzen lassen, wenn sie es denn wollte. Aber wissentlich falsche Dinge in die Welt zu setzen, in einer Fragestunde des Parlamentes und vor laufenden Kameras, und hinterher kleinlaut nachzuschieben, sie sei böswillig missinterpretiert worden, ist dreist und definitiv ein Grund für eine Entlassung – zum Rücktritt fehlt ihr natürlich die Einsicht.

Doch es geht noch krimineller. Ungefragt sattelte die Ministerin bei einer anderen Veranstaltung drauf, Deutschland brauche die laufende illegale Migration auf dem Asylticket nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen (dabei ist der „Fachkräftemangel“ längst als Chimäre enttarnt), auch müssten die Deutschen aus ihrem „Einheitsgrau“, besser „Einheitsbraun“, befreit werden durch noch mehr unkontrollierte Zuwanderung aus archaischen Kulturen. Das ist genau die Herablassung einer sich selbst so verstehenden Elite, die eine Politik „am Volk vorbei“ (Jörg Baberowski) macht. Wer das eigene Volk für verbesserungsbedürftig erklärt, demonstriert nur seine Entfremdung von ihm und beschimpft es auf unflätige Weise. Eine solche Politikerin ist nicht Teil der Lösung, sondern des Problems.

Wie weit die Gefahr für die liberalen Gesellschaften Westeuropas bereits fortgeschritten ist, zeigt ein Blick nach Frankreich. Dort gewann am Wochenende der Fußballclub der Hauptstadt ein Spiel – und in der Folge verwandelten Horden junger gewalttätiger Männer aus Afrika und Asien die Pariser Innenstadt zwischen Champs Elysées und Eiffelturm in eine gesetzlose Zone der Dritten Welt. Angezündete Autos, brennende Mülltonnen, eingeschlagene Schaufenster, geplünderte Geschäfte. Feuerwerkskörper und Steine auf Polizei und Rettungskräfte, 780 Festnahmen im ganzen Land, etliche Schwerverletzte, zwei Tote. Videos gibt es nur auf X, der ÖRR spricht gewohnt manipulativ von „ausgelassenen Feiern“.

Die westlichen Gesellschaften erleben einen Kultur-, besser, Ethnienkampf, mit der Perspektive eines Bürgerkrieges, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert. Gestalten wie die deutsche Arbeitsministerin lassen den Eindruck aufkommen, sie seien mit den skizzierten Entwicklungen in Paris und andernorts ganz zufrieden; sie scheinen ihre Vorstellungen von Vielfalt, Buntheit und Gewalt zu nähren. Doch das wäre keine Verschwörungstheorie, sondern ein Staatsstreich von oben – durch aktives Unterlassen des Schutzes der bestehenden Ordnung.

Himmelfahrt

Vom Kreuz ins Grab dann leuchtend auferstanden
So quer läuft keine andre Religion
Der tiefe Glaub allein richtig verstanden
Die Höllenerde fragt verwundert schon

Er lässt sie zurück ein zweites Mal
Sein Segen liegt auf ihrer Sendung
Der Blick geht hinauf zum himmlischen Saal
Auch ihr Ort zur letzten Verwendung

Das eigene Grab bleibt irdenschwer
Neun Jahre nun nach der Erlösung
Der Stein bald vermoost ist hier noch wer
Tut sie es ihm gleich bar der Verwesung

Ich bin bei Euch bis zum Ende aller Zeiten
Diese Losung wird gewiss den Himmel weiten

Rudolf

Rudolf Chametowitsch Nurejew wurde 1938 während einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in Tatarstan geboren, er starb 1993 in Paris an den Folgen von Aids. Er nahm mit elf Jahren Ballettunterricht und gelangte mit sechzehn an die Ballettschule der Oper in Ufa, eigentlich zu spät für eine professionelle Ausbildung. Doch bereits 1958 wurde er Solist am Kirow-Ballett in Leningrad, 1961 nutzte er ein Gastspiel des Ensembles in Paris zur Flucht in den Westen. Das hohe Niveau seines Tanzes konnte er auch nach dem Verlassen der Sowjetunion locker halten und noch steigern, er tanzte an allen großen Häusern der Ballettwelt, oft an der Seite der zwanzig Jahre älteren Ballerina Margot Fonteyn. Als auch bei ihm in späteren Jahren das Alter seinen Tribut forderte und er die Prinzenrollen des klassischen Repertoires nicht mehr glaubhaft verkörpern konnte, widmete er sich der Choreographie und dem Dirigieren, letztes ohne großen Erfolg; in den 1980er Jahren war er zeitweilig Ballettdirektor der Pariser Oper. Er zählt mit Vaslav Nijinski, Mikhail Baryshnikov und Vladimir Malakhov zu den größten Tänzern des 20. Jahrhunderts.

Das Handlungsballett „Nurejew“ (Choreographie Yuri Possokhov, Musik llya Demutsky, Inszenierung Kirill Serebrennikov), feierte seine Uraufführung im Dezember 2017 am Bolschoi-Theater in Moskau. Im Zuge der 2022 verschärften LSBTQ-Gesetze in Russland verschwand das umjubelte Stück aus dem Programm, mit der Begründung, es verstoße gegen das Verbot von Propaganda „nicht traditioneller Werte“. Damit kann nur die offen gezeigte Homosexualität des Titelhelden gemeint sein, die dieser zeitlebens nicht verbarg, in einem Milieu, das seit jeher von der Kraft, der Intelligenz und der Anmut schwuler Tänzer und Choreographen sowie gelegentlich lesbischer Tänzerinnen lebt. Die Aufführung des Staatsballetts Berlin ist die erste Wiederaufnahme außerhalb Russlands und unterstreicht die Idee, dass die Kunst sich nicht vereinnahmen lassen möge von politischen Schergen und Intrigen.

Die Darbietung an der Deutschen Oper Berlin wird nicht, wie leider oft beim Ballett üblich, aus der Konserve begleitet, vielmehr spielt das Orchester des Hauses in voller Besetzung. Dieser Umstand erlaubt einen dramaturgischen Höhepunkt: Als auf der Bühne Nurejews Taktstock aus einem Konzert mit den Wiener Philharmonikern zur Versteigerung ansteht, geht der Tänzer Martin ten Kortenaar in der Titelrolle durch die erste Reihe im Parkett, öffnet einen verborgenen Einlass in den Orchestergraben und nimmt, bevor er zu dirigieren beginnt, den Vorschussapplaus des Publikums entgegen, genauso, wie es der tatsächliche Dirigent des Abends zu Beginn der Aufführung getan hatte. Wer die letzte Aufführung dieser Saison verpasst hat, darf sich trösten mit der Perspektive, dass ab April 2027 weitere Termine auf dem Spielplan stehen. Angesichts der Begeisterung im stets ausverkauften Haus sollten Interessenten mit dem Kauf eines Tickets nicht zu lange warten.

Die Berliner Version des Intendanten Christian Spuck setzt das Gedränge und Gewimmel auf der Bühne fort, wie er es mit Verdis „Requiem“ bereits exerziert hatte. Auf der Bühne sind permanent zwanzig und mehr Personen in Aktion: Das Corps de Ballett in seinen akkuraten Formationen, ein Teil des Chors in barocken Kostümen, Schauspieler und Solosänger der Oper, Bühnentechniker beim Umbau. Bedauerlicherweise sind die intimen Paartänze zu selten zu sehen, vor allem in der zweiten Hälfte des Abends rutscht die Darstellung mehrfach in die Beliebigkeit, der Faden der Erzählung des Handlungsballetts geht den Beteiligten verloren, die Szenen reihen sich unpassend aneinander wie bei einer Nummernrevue im Zirkus. Natürlich bleibt es ein Vergnügen, den durchtrainierten Leibern beim Vollzug eigentlich unmöglicher Gesten, Sprünge und Figuren zuzusehen, aber im Gedächtnis der Zuschauerin bleibt keine einzige Szene. Polina Semionova als Margot Fonteyn ist hinreißend, das Ensemble tanzt fraglos makellos, die Geschichte, die es erzählt, bleibt jedoch ohne Seele.

Der Film „White Crow“ in der Regie von Ralph Fiennes von 2018 ist der jüngste Versuch, Nurejews Leben und Werk für die Leinwand zu adaptieren. Dabei beschränkt sich der Film auf seine Jahre als Jugendlicher und junger Mann und steuert als Höhepunkt auf seine Flucht 1961 in den Westen zu; wie sich seine Karriere nach dem Verlassen der UdSSR entwickelt, bleibt offen. Das Ballett „Nurejew“ lässt hieran keinen Zweifel: Sein Tanz setzt bleibende Maßstäbe im klassischen Ballett, wie Reminiszenzen an „Schwanensee“, „Don Quixotte“, „Giselle“ und die „Bayadère“ belegen. Rudolf Chametowitsch führte ein Leben im Jet Set und vermehrte seine Allüren, seine Affairen, seinen Ruhm und seinen Reichtum ins Märchenhafte. Nach seinem Tod wurde seine Hinterlassenschaft – Gemälde, Möbel, Tapisserien, Kostüme – mit der seine Wohnsitze ausgestattet waren, in einer Auktion öffentlich versteigert, so die Rahmenhandlung des Balletts. Diese Reliquien seines Lebens mögen mit dazu beitragen, dass Rudolfs sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehe – nicht vergessen zu werden.

Leo

Veritas adaequatio intellectus et rei est – Thomas von Aquin

Seit knapp einem Jahr ist Robert Francis Prevost der Bischof von Rom, als Papst Leo XIV. ist er das Oberhaupt von gut 1,4 Milliarden Katholiken weltweit. Mit seinen 70 Jahren ist der gebürtige Amerikaner für römische Verhältnisse in seinen besten Jahren, sein Tennisspiel und ein privater Fitnessraum im Vatikan lassen ihn fit und gesund erscheinen, sodass ein längeres Pontifikat ins Haus stehen könnte. Sein erstes Jahr allerdings hat viele Gläubige ebenso enttäuscht wie politische Beobachter, die sich eine beherzte Rolle des Heiligen Stuhls in der Weltpolitik erhofften. Leo bringt weder das Charisma seines unmittelbaren Vorgängers Franziskus mit, noch erreicht er in Fragen der Theologie das Niveau seines Vorvorgängers Benedikt. Unvorstellbar, dass er zementierte Verhältnisse ins Wanken brächte wie weiland Johannes Paul den Kommunismus in seinem Heimatland Polen.

Der blasse Augustinerpater wirkt nicht wie ein Visionär oder auch nur Brückenbauer, sondern kommt als dröger Verwalter daher. In seiner ersten Osterfeier räumte er gleich eine hoch symbolische Aktion seines Vorgängers Franziskus ab und wusch an Gründonnerstag nicht etwa Gefangenen die Füße, sondern bräsigen Klerikern. Das Kreuz während der Karfreitagsprozession trug er immerhin selbst, seine körperliche Konstitution erlaubte ihm diese Geste. In seiner Osterpredigt ging es erwartbar abstrakt um den Frieden in der Welt, die aktuellen Brandherde im Nahen Osten dabei schamhaft verschweigend. Und dann reagierte er verwundert, als er vom US-Machthaber im Internet beschimpft wurde, weil er die US-Aggression gegen den Iran nicht lauthals bejubelte. Diesen Kredit verspielte er gleich wieder, als er zwei ranghohe Figuren des US-Regimes zu einer Privataudienz im Vatikan einlud.

Mit diesem Bürokraten ist eben kein Staat zu machen, wie es auch die deutschen Bischöfe erfahren mussten. Diese erlauben in ihren Bistümern vereinzelt die Segnungen homosexueller Paare – Leo hat diese zaghafte sakramentale Praxis gleich wieder einkassiert. Von ihm, der aufgrund der wachsenden Zahlen der Gläubigen die Zukunft der katholischen Kirche in Afrika und Asien sieht, wird eher die Segnung der auf dem afrikanischen Kontinent auch unter Christen verbreiteten Vielweiberei zu erwarten sein, als dass sich die Kurie liberalen Strömungen in Europa öffnete. Als hätte er, in Übereinstimmung mit dem Paten im Weißen Haus, den alten Kontinent, der die römische Kirche stark, mächtig und intellektuell lange Zeit führend machte, längst abgeschrieben. Dort leben noch immer die wohlhabenderen Kirchenmitglieder, deren Geld die Kirche gerne über Steuern mitnimmt, deren Stimmen aber nicht länger gehört werden.

Die mittelfristige Perspektive der katholischen Kirche wird über das Finanzkraft ihrer Mitglieder entschieden. Ganz einträchtig mit den deutschen Bischöfen hat Leo keinerlei Idee, wie denn der Jahrzehnte währende Mitgliederschwund in Deutschland und Europa gestoppt oder zumindest verlangsamt werden könnte. Die katholische Kirche hat im vergangenen Jahr etwa 600.000 Mitglieder verloren, jeweils hälftig durch Sterbefälle und Austritte; aktuell sind auf dem Papier noch knapp 20 Millionen Menschen in Deutschland konfessionell katholisch. Ähnlich wie bei den evangelischen kirchenähnlichen Gemeinschaften hat die katholische Kirche in gesellschaftlichen Fragen ohne Not die Positionen der Grünen übernommen, vom Klima bis zu offenen Grenzen. Dass die noch verbliebenen Gläubigen von ihrer Kirche eine entschiedene Position gegenüber dem invasiv auftretenden Islam erwarten, kümmert die Kardinäle nicht. Leo in Rom genauso wenig.

Gemini

Philosophie ist Kommunikation aus Freude an der Sache selbst. – Niklas Luhmann, Soziale Systeme

Eine Entscheidung ist eine Selektion: Grüner Tee oder schwarzer Kaffee, Pinarello oder SUV, Aktien oder Bausparvertrag. Vor einer Entscheidung bestehen Optionen, nach einer Entscheidung tritt die Verantwortung hierfür hervor. Ob eine Entscheidung richtig ist, lässt sich erst in Nachhinein beurteilen, wenn sich die Umstände geändert haben. So gesehen, ist jede Entscheidung mit einem Risiko behaftet – bleibe ich beim Alten, Gewohnten, Vertrauten, so lästig und quälend es sich zeigen mag, oder öffne ich die Tür und gebe mich dem Neuen, Unbekannten, Verheißungsvollen hin. Chance ist ein ähnliches Wort wie Risiko, ihre beziehungsweise seine Verwirklichung liegt in der Zukunft, über die in der Gegenwart entschieden wird. Mindestens wird die Unsicherheit der Optionen beseitigt.

Große Sprachmodelle à la Gemini erzeugen bei ihren Anwenderinnen kognitive Schulden. Diese Chatbots suggerieren der Nutzerin, auf ihrem Telefon mit einem Menschen zu kommunizieren. Rein optisch besteht kein Unterschied zwischen der Interaktion mit einem KI-Modell und einem Chat auf Telegram oder Signal. Dass die Sprachmodelle Namen bekommen, die man Kindern geben könnte, verringert den emotionalen Abstand zu ihnen. Je nach dem, welche Fragen man ihnen stellt, servieren sie mundgerechte Antworten. Das kann Fachwissen sein, vorgetragen mit akademischer Souveränität; das kann empathisch klingen, als hörte man einer Sozialarbeiterin zu; auch ein Ton des Augenzwinkerns geht, wenn die Frage ironisch gestellt war; schließlich Intimität, als läge man zu zweit im Bett. Als nächste Stufe der KI-Entwicklung wird die agentische KI angepriesen. Dann recherchiert das System nicht nur Flüge mit der Finnair nach Helsinki, sondern bucht diese auch verbindlich, wenn die Nutzerin den Zugriff auf ihre Bankkapp erlaubt.

Kein Wunder, dass Menschen mittlerweile die KI-Lösung auf ihrem Telefon als Mischung aus Coach, Freundin und Butler betrachten, an die sie ihr Leben delegieren, soweit es Entscheidungen betrifft, für die sie die Verantwortung scheuen. Wenn es um die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten geht, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Kriterien: Zeitlich, wie lange kann mit der Entscheidung gewartet werden; sozial, wer ist von den Folgen der Entscheidung betroffen; ökonomisch, welche Kosten zieht die Entscheidung nach sich; emotional, wie groß ist der Druck, optieren zu müssen; fachlich, liegen die wichtigen Informationen für eine begründete Wahl vor. Diese Herausforderung kann man rational und intuitiv angehen. Die einen machen Listen mit Pro und Contra, die anderen gehorchen ihrem Inneren. Je länger das Schwanken zwischen diesen beiden Polen, desto größer gegebenenfalls die Unzufriedenheit nach getroffener Wahl.

Der aktuelle Chef mag tückisch sein, misstrauisch, sprunghaft und undankbar. Dafür ist er großzügig, was die Möglichkeit der Arbeit im Heimbüro angeht; die Bezahlung ist der erbrachten Leistung angemessen, das Themenfeld wird seit Jahren beackert und ist emergent, es dehnt sich also mit wachsender Beschäftigung in der Tiefe aus. Die mögliche neue Chefin hat den Ruf, schwierig zu sein; ihre Launen sind nur gerüchteweise bekannt. Ob sie sich im Konfliktfall fair verhalten wird, ist nicht ausgemacht. Gegenwärtig steht das Büro der Referentin weitgehend allein zur Verfügung, sie kann sich so organisieren, wie es ihrer Stimmung und ihrem Tempo entspricht; das Zusammenspiel mit den möglichen neuen Kollegen auf engem Raum ist nur zu mutmaßen. Der jetzige Chef agiert intrigant, die eventuell kommende Chefin wahrscheinlich auch; das semikriminelle Milieu des Politikbetriebes macht es unvermeidlich.

Der Wechsel des Büros kann auf die Sonnenseite führen, aber auch in den Schatten. Das Aufkündigen eines laufenden Arbeitsverhältnisses kann als Schritt der Tat und der Zuversicht gewertet werden, kann aber ebenso als Illoyalität interpretiert werden, zu vermuten in einem Tendenzbetrieb, der auf Beziehungen und Abhängigkeiten fußt. Auf die Liste des Für und des Wider gehört die Frage nach dem Leidensdruck und den Erwartungen, im Kern ist es die Frage nach der Einflussnahme auf die Situation, so wie sie entstanden und nun gegeben ist. Sich hier den Rat von Vertrauten und Freunden zu holen, kann bei der Entscheidungsfindung helfen, so wie in Blick in den Spiegel bei der Wahl der Garderobe. Am Ende wird die Wahl zugunsten der Einen und zuungunsten der Anderen eine solche des Gefühles sein, die man durch Argumente zu rationalisieren trachtet. Das ist solange kein Problem, wie man diese Wahl selbst trifft. Auch das Aufschieben einer Entscheidung ist eine Entscheidung, sie wird dann nur von anderen getroffen.

Zypern

Frauen haben kein Interesse am Schach, weil ihnen der unbewusste Wunsch fehlt, ihren Vater zu töten. – Reuben Fine, Psychoanalytiker und Schachspieler

Zypern im östlichen Mittelmeer ist eine unter Europäern, Russen, Israelis und zunehmend Chinesen beliebte Urlaubsdestination. Ungeachtet der Teilung der Insel seit 1974 in einen nördlichen türkischen und einen südlichen griechischen Teil ist das Land mit einer Republik als Staatsform Mitglied der EU, der NATO und des Euroraumes. Gegenwärtig finden auf der Insel der Aphrodite die Schachturniere des Jahres statt. Acht Schachspieler und acht Schachspielerinnen kämpfen um das Recht, den amtierenden Weltmeister sowie die amtierende Weltmeisterin herauszufordern. Das sogenannte Kandidatenturnier, veranstaltet vom Weltschachbund FIDE und finanziert vom Zahlungsdienstleister Freedom Holding Corporation, der auf Zypern seinen Firmensitz hat, geht noch bis Mitte April.

In den Tagen vor Turnierbeginn Ende März stand der Austragungsort Zypern wegen des israelisch-amerikanischen Krieges gegen den Iran auf der Kippe. Die Schließung des Luftraums über mehreren Ländern im Nahen Osten und der Bombardierung der internationalen Drehkreuze in den Vereinigten Arabischen Emiraten stellten die Aktiven aus Asien vor große Reiseschwierigkeiten. Ein deutsch-israelischer Unternehmer, der sich als Mäzen des Schachs versteht, bot gar an, das Kandidatenturnier kurzfristig nach Düsseldorf zu verlegen; es blieb dann aber bei der lange im Voraus geplanten Ausrichtung in einem zypriotischen Luxusresort. Die indische Großmeisterin Humpy Koneru allerdings zog ihre Teilnahme am Kandidatinnenturnier wenige Tage vor Beginn wegen Sicherheitsbedenken zurück, für sie rückte Anna Muzychuk aus der Ukraine nach.

Am heutigen Ostermontag ruht der Turnierbetrieb, der erste Umgang ist gespielt. Bei den Männern kann man bereits von einer Vorentscheidung sprechen. Javokhir Sindarov (Usbekistan) hat nur zweimal remisiert, aber fünfmal gewonnen und liegt mit 6 (!) Punkten einsam an der Spitze, der zweitplatzierte Fabiano Caruana (USA), der das direkte Duell verloren hat, kommt bloß auf 4,5 Punkte. Die nächsten Spieler Anish Giri (Niederlande) und Praggnanandhaa Rameshbabu (Indien) kommen auf 3,5 Punkte und haben damit ernüchternde 2,5 Punkte Rückstand auf den Führenden. Hikaru Nakamura (USA), nach Elo-Punkten die Nummer 2 der Weltrangliste, hat eine enttäuschende erste Turnierhälfte gespielt, ebenso wie der junge Chinese Wei Yi, der immerhin schon eine Partie gewonnen hat. Der deutsche Matthias Bluebaum, der eloschwächste Teilnehmer, hält sich achtbar in diesem Klassefeld und konnte gegen Sindarov gar remisieren. Der junge Russe Andrey Esipenko, der unter der FIDE-Flagge antritt, liegt abgeschlagen am Ende der Konkurrenz.

Bei den Frauen, die gemeinsam mit den Männern im selben Spielsaal sitzen, liegt das Feld zur Halbzeit des doppelrundigen Turniers viel enger beisammen. Anna Muzychuk führt mit 4,5 Punkten aus 7 Partien die Tabelle an, vor Vaishali Rameshbabu (Indien, die Schwester von Praggnanandhaa) mit 4 Punkten. Mit Zhu Jiner (China), Aleksandra Goryachkina (Russland beziehungsweise FIDE), Kateryna Lagno (ebenfalls Russland beziehungsweise FIDE) und Divya Deshmukh (Indien) weisen gleich vier Spielerinnen 3,5 Punkte auf und haben somit realistische Chancen, im zweiten Umgang in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen. Die Kasachin Bibisara Assaubayeva, privat mit Javokhir Sindarov liiert, wäre von ihrer Elozahl höher einzustufen, als es der aktuelle 7. Rang ausgibt. Tan Zhongyi aus China, ehemalige Championesse, erlebt einen katastrophalen Wettbewerb und trägt ohne einen einzigen Sieg die rote Laterne.

Bei Schachturnieren, die nach Geschlechtern getrennt sind, spielen die Frauen in der Regel mehr entschiedene Partien, während sich die Männer eher eine friedliche Punkteteilung gönnen. Auf Zypern kehren sich die Verhältnisse um, wenn auch nur leicht. Bei den Männern wurden bisher elf Partien entschieden, bei den Frauen waren es deren zehn. Das liegt zum einen am sagenhaften Schach, das der junge Sindarov spielt, zum anderen am Risiko, das alle Spieler einzugehen gezwungen sind, weil sich beim Kandidatenturnier nur einer für das WM-Match qualifizieren kann. Wenn der junge Usbeke weiter so gut vorbereitet ist und so klar und zwingend spielt, wird ihm der Sieg und damit die Auseinandersetzung mit dem Titelträger Gukesh Dommaraju (Indien) nicht mehr zu nehmen sein. Bei den Frauen ist die Sache noch offen. Aleksandra Goryachkina, die bereits 2020 ein Match gegen die Chinesin Ju Wenjun spielte und nur knapp verlor, hat bisher nur remisiert. Wenn sie im zweiten Umgang den Druck erhöht, hat sie es in der Hand, als Erste durchs Ziel zu gehen.

Auch wenn das Kandidaten- und das Kandidatinnenturnier zur selben Zeit am selben Ort stattfinden und damit eine ungeteilte Aufmerksamkeit in den Medien garantieren: Eine Ungleichbehandlung lässt sich an zwei Punkten festmachen. Bei den Männern geht es um ein Preisgeld von insgesamt 700.000 Euro, von denen der Sieger 70.000 Euro bekommt, der Zweite 45.000 Euro, der Dritte noch 25.000 Euro. Zusätzlich erhält jeder Spieler für jeden erzielten halben Punkt 5.000 Euro. Bei den Frauen werden lediglich insgesamt 300.000 Euro an Preisgeld ausgeschüttet. Die Siegerin kann mit 28.000 Euro rechnen, die Zweite mit 17.000 Euro und die Dritte mit 8.600 Euro. Jeder halbe Punkt für jede Spielerin wird mit weiteren 2.200 Euro vergütet.

Auch bei der Zeitnahme ergeben sich auffällige Differenzen. So haben die Männer für die ersten 40 Züge 120 Minuten Zeit. Danach gibt es eine halbe Stunde für den Rest der Partie, ergänzt um einen Zuschlag von 30 Sekunden pro Zug, beginnend ab Zug 41. Die Frauen hingegen müssen die ersten 40 Züge in 90 Minuten absolvieren, danach erhalten sie weitere 30 Minuten bis zum Partieende. Allerdings bekommen sie einen Zuschlag von 30 Sekunden pro Zug bereits vom ersten Zug an. Warum Männer und Frauen sowohl beim Preisgeld als auch bei der Zeitnahme unterschiedlich behandelt werden, behält die FIDE für sich. Gegebenenfalls kann sich die Zuschauerin mit dieser Frage über den Livechat zu den Partien an den großartigen Kommentator Peter Svidler wenden. Der mittlerweile in Israel lebende Russe spricht nicht nur ein makelloses Oxfordenglisch, er ist auch bestens über alle Tiefen und Untiefen des modernen Schachs informiert und wird mit seinem Wissen nicht geizen.

Kostüm

Vor Gericht geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um ein Urteil. – Erstsemesterwitz an der Juristischen Fakultät

Die ältesten religiösen Texte, die die Menschheit kennt, sind voller Vorschriften über das richtige und falsche Handeln, gegenüber Gott und gegenüber den Menschen. Die Bücher Levitikus und Numeri, im Judentum Teil der Thora, im Christentum Teil des Pentateuch, geben dem Volk Israel strenge Gesetze und legen auch die Strafen für deren Übertretung fest; der Tradition nach stammen sie von Gott selbst und werden durch Mose dem Volk übermittelt. In der Passion Christi treten dann geistliche und weltliche Herrschaft auseinander: Der römische Statthalter Pilatus verurteilt auf Drängen der jüdischen Hohepriester Jesus zum Tod am Kreuz, hingerichtet wird er auf Golgatha von den Soldaten der Besatzer. Mit Beginn der Moderne quillt das Recht allein aus der Welt der Menschen, sie geben sich Verfassungen, Gesetzbücher und Prozessordnungen und begründen die Rechtsprechung aus sich selbst heraus.

Der Gerichtsfilm hat sich als Untergenre des Kriminalfilms fest etabliert in der europäischen und US-amerikanischen Popkultur. Das Muster ist hier wie da das Selbe: Ein Mensch übertritt absichtlich die Gesetze und wird kriminell, damit stört er die menschengemachte Ordnung und erschüttert das Vertrauen der Bürger ineinander. Ein entschlossener Detektiv, Kommissar oder Richter untersucht den Fall, deutet Spuren, zieht Schlüsse, überführt den Verbrecher und sorgt für eine angemessene Bestrafung – so werden die Normen wieder hergestellt, der Riss der Gesellschaft wird geschlossen, die Zuschauer erfahren eine wohlige Läuterung. In diesem Milieu der professionell Guten, die gegen die willkürlich Bösen kämpfen, ist die US-amerikanische TV-Serie „Suits“ angesiedelt, gedreht in den Obama-Jahren, vor zehn Jahren bei Netflix zu sehen und derzeit in der ZDF-Mediathek zu verfolgen.

Schauplatz von „Suits“ ist die fiktive wie renommierte Wirtschaftskanzlei Pearson Hardman in Manhattan. Deren Partner Harvey Specter ist der Fixstern am New Yorker Anwaltshimmel, der jeden Prozess gewinnt und außergerichtliche Vergleiche in verfahrenen Situationen erreicht. Eher aus Versehen stellt er Mike Ross ein, der sein Geld als Fahrradkurier verdient und mit seinem Mitbewohner regelmäßig kifft. Er hat das College ohne Abschluss verlassen, weil er die Ergebnisse eines Testes an die Tochter des Dekans verkaufte; seinen Traum vom Jurastudium musste er somit begraben. Sein fotografisches Gedächtnis macht ihm jegliches Lernen leicht, seine Hochbegabung lässt ihn jede noch so schwere Prüfung ohne weiteres bestehen. Harvey Specter weiß um die turbulente Vergangenheit Mike Ross‘ und gibt dem jungen Mann ohne Anwaltszulassung eine Chance. Damit ist der Ton zwischen den beiden ungleichen Männern gesetzt: Beide müssen bei der Bearbeitung ihrer Fälle immer darauf achten, Mikes Geheimnis zu wahren.

Harvey Specter ist als Anwalt zielstrebig, siegeshungrig, effektiv und skrupellos; ein Privatleben hat er nicht, gelegentliche Treffen mit Frauen führen ob seiner Kälte und Distanz nicht weit. Mike Ross startet idealistisch und beteiligt sich emotional an den Fällen seiner Mandanten, er gibt den weißen Ritter auf der Seite der Übersehenen und Entehrten. Damit stößt er in der Kanzlei immer wieder an Grenzen: Zu ihren Mandanten zählen Unternehmen, Finanzinvestoren und Hedgefondsmanager, die Streitwerte der Fälle gehen routinemäßig in die Millionen. Schnell wird der Zuschauerin deutlich, dass die Kanzlei eine Firma wie die anderen ist, dass sie als Interessenvertreterin ihrer Kunden agiert und dabei das Recht dergestalt benutzt, wie es deren Ziele erfordern. Es geht nicht darum, ob die Vorwürfe gegen die Mandanten zutreffen, sondern ob sie sich beweisen lassen. Am Ende zählt die Rechnung, die die Kanzlei ihren Auftraggebern ausstellen kann; der Wert der Partner bemisst sich an ihren abrechenbaren Stunden. Die Wahrheit verkommt dabei zur lässlichen Größe.

Die Kanzlei ist Teil des Ökosystems der Hochfinanz der Wall Street, genauso verwechselbar sehen auch ihre Repräsentanten aus. Die Männer tragen Anzüge in Blau, Grau, Kohle und Anthrazit, dazu seidene Krawatten und Budapester Schuhe. In dieser Uniform der Macht, die den Körper zurücknimmt und ihn durch das teure Textil abschirmt, sind sie weder von ihren Kunden, den Bankern, Managern und Investoren, noch von ihren Gegnern in der Staatsanwaltschaft zu unterscheiden. Die Frauen tragen knielange Röcke und ärmellose Kleider sowie glänzende Schuhe mit zwölf Zentimeter hohen Absätzen, ihre schlanken Körper werden durch dieses eng anliegende Kostüm schamlos ausgestellt. Die Akteure in „Suits“, einer Art „Unisex in the City“, bewegen sich in der Kanzlei und den Lokalen der Upper East Side mit der Anmaßung von Menschen, die um ihre Macht und ihre Privilegien wissen und diese für gottgegeben halten. Alte und Kinder, Arme, Schwache und Hässliche kommen in diesem Kosmos nicht vor.

Untereinander intrigieren die Partner und Anwälte wie in jedem anderen Unternehmen auch. Sie schmieden Allianzen, um die aktuelle Führung zu stürzen und deren Platz einzunehmen. Sie halten Informationen zurück, um sich gegenüber Konkurrenten zu profilieren. Sie belügen einander, um beim Sprung auf die nächste Stufe der Karriereleiter die Nase vorn zu haben. Dabei ist das Belohnungssystem so einfach wie zugkräftig: Geld ist der alleinige Maßstab, ob kanzleiintern oder in der Interaktion mit den Mandanten, der Börsenaufsicht, möglichen Sponsoren oder gar der Politik. Das US-Rechtssystem bevorzugt unverstellt diejenigen, die es sich leisten können, ihre zivilrechtlichen Ansprüche vor Gericht geltend zu machen, das schließt mittellose Menschen per se davon aus, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Wenn dann noch ein korrupter Staatsanwalt einen Deal mit einem verdorbenen Verteidiger schließt, landet ein Unschuldiger für fünfzehn Jahre im Gefängnis, weil für das Protokoll eben irgendjemand der Täter sein muss.

Wie in so vielen US-Serien spielt die Stadt New York in „Suits“ die Hauptnebenrolle. Protzig in den Himmel ragende Wolkenkratzer, schwarze Limousinen, Luxusapartments, teure Restaurants und edle Boutiquen fungieren auch hier als Kulisse, die der Zuschauerin jede Projektion erlaubt. Die weiteren Figuren der Serie neben Harvey und Mike sind so holzschnittartig wie unsympathisch angelegt, eine längere charakterliche Entwicklung ist dabei nicht vorgesehen. Jessica Pearson pocht ständig darauf, wie schwer es für eine schwarze Frau ist, sich an der Spitze einer Kanzlei zu behaupten; dabei stößt sie, wenn es sein muss, ihre Partner die Kellertreppe hinunter. Louis Litt ist ein sadistischer Kleingeist, der lieber ins Ballett oder in ein Shakespeare-Drama ginge, sich aber nicht eingestehen kann, dass er unter Harveys Erfolgen leidet. Rachel Zane, gespielt von Meghan Markle noch vor ihrer Zeit mit Prinz Harry, strebt als Rechtsanwaltsgehilfin nach Höherem und will Jura studieren; nebenbei verliebt sie sich in Mike und teilt sein dunkles Geheimnis. Donna Paulsen mit ihren rotblonden Haaren ist Harveys Sekretärin und seine Beichtmutter, würde aber am liebsten nur als Ophelia oder Medea auf der Bühne stehen.

In der Diktion des Systemtheoretikers (und Juristen) Niklas Luhmann kommuniziert das Rechtssystem entlang der Differenz legal/illegal. Die Kommunikation bei „Suits“ verläuft eher entlang der Differenz Gewinn/Verlust. Dementsprechend bemüht Harvey Specter ständig Beispiele aus der Welt des Sports, wo es auch nur einen Sieger und jede Menge Platzierte gibt. Dieses zutiefst amerikanische Denken, das für Zwischentöne und bloße Nachfragen keinen Platz hat und das Scheitern vieler Menschen für richtig und der Vorsehung gemäß hält, zeigt sich in jeder Verhandlung vor Gericht: Da soll der Homerun endlich kommen, da soll der volle Punkt eingefahren werden, da soll der Pokal gewonnen werden. Am Ende eines jeden Prozesses winkt eine Trophäe, die nur einer haben kann. Dass das Recht Motive kennt, mildernde Umstände, Bewährung oder so etwas Sentimentales wie die Unschuldsvermutung, geht in „Suits“ vollends unter. Das Recht ist hier ein probates wie ungleich verteiltes Mittel, ökonomische Interessen durchzusetzen, ebenso wie es die Macht, der Ruhm und die Schönheit sind. Dass das nur ein anderes Wort für Manipulation ist, wissen und verteidigen alle Beteiligten der Serie, solange sie nicht mit den Folgen leben müssen. Dem Paten im Weißen Haus ist diese nihilistische Rechtsauffassung vertraut, er hat das Justizministerium zu seiner persönlichen Rachestation umgeformt. Er hätte bestimmt seine Freude an dieser TV-Saga, die ihn und seine Helfershelfer aus der Finanzindustrie bar jeder Ironie portraitiert.

Nach der ersten Staffel fragt sich die Zuschauerin, wie realistisch die Hahnen- und Hennenkämpfe in den Glaspalästen mit ihren Eckbüros sind. Es ist Standard, dass große Wirtschaftskanzleien auch in Deutschland junge Absolventen für sechsstellige Einstiegsgehälter rekrutieren und sie mit einer 80-Stunden-Woche auspressen. Es ist unvermeidlich, dass eben diese jungen Absolventen, wenn sie nicht spuren und keine Ergebnisse liefern, nach zwei Jahren als Abfall weggekippt werden. Und es ist zu erwarten, dass aus den Absolventen, wenn sie den Tanz um die Boni überleben, verschlagene Berater werden, die für ihre Mandanten lügen, rauben und morden, solange sie dafür nicht angeklagt werden. Spätestens ab der vierten Staffel beginnt die Zuschauerin sich zu langweilen, weil sie die sterilen Büros, den Glanz und die perfekten Frisuren ebenso über hat wie die arroganten Sprüche nach einem Vertragsabschluss. Das Recht ist so kompliziert wie schützenswert, es ist eine große zivilisatorische Errungenschaft. Rechthaberei hingegen ist Ausfluss des Marktes und ein anderer Ausdruck für Bestechung.

Testfrau

Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug. – Parsifal zu Amfortas

In der modernen Gesellschaft gibt es neben dem Krieg keinen Bereich, der sich so paradigmatisch über den Leistungsgedanken definiert wie der Sport. Das exklusive Ziel ist der Sieg, besser zu sein als die Anderen. Metaphern des Sports haben Einzug gehalten in die Welt der Wirtschaft, wo von Training, Erfolg, Performance, Durchsetzen, Vorsprung und dergleichen die Rede ist. Wobei der Wettbewerb hehr und fair sein soll, also alle Teilnehmer mit den potentiell gleichen Voraussetzungen an den Start gehen sollen. Um diese Fairness macht sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) große Sorgen. Es hat nun verfügt, dass ab den Sommerspielen 2028 in Los Angeles alle Aktiven, die in der Frauenkonkurrenz starten wollen, einen reziproken Dopingtest auf das SRY-Gen erdulden müssen, egal, ob sie in Einzel- oder Teamsportarten antreten.

Das IOC, eine kriminelle Vereinigung wie die Camorra, die FIFA und die US-Kamarilla, lässt auf seiner Webseite wissen, dass es weibliche Athletinnen „schützen“ wolle. „Bedroht“ werden sie nach dieser Lesart von Transfrauen, die für das IOC Männer bleiben. Ist der Gentest positiv, handelt es sich laut der vom IOC konsultierten, anonymen Experten um einen Mann, ist er negativ, um eine Frau, besser, um eine Testfrau. Dieser Interpretation zufolge bedeutet das Vorhandensein des SRY-Gens, dass die (erwachsene) Person eine maskuline Pubertät durchlaufen habe, also gegenüber Frauen prinzipiell bessere Bedingungen für den sportlichen Erfolg aufweise: Durch einen größeren Brustkorb und damit ein größeres Lungenvolumen, längere Arme und Beine, eine prägnantere Muskulatur. All das schlage sich in größerer Kraft, Entschlossenheit, Härte und Ausdauer nieder, komme also einem unzumutbaren Wettbewerbsvorteil gleich.

Das Geschäftsmodell des IOC ist mafiös: Es lizensiert alle zwei Jahre die Nutzung der eingetragenen Marke „Olympische Sommer/Winterspiele“ an eine austragungswillige Stadt und beteiligt sich am Profit der Fernsehrechte, nicht aber an der Finanzierung der für den Sport notwendigen Infrastruktur. Seit Montreal 1976 ist noch jede Olympiade zum Verlustgeschäft für die ausrichtende Stadt geworden, die Nachnutzungseffekte der Sportstätten stehen dabei in keinem akzeptablen Verhältnis zu ihren Kosten. Das Revival verpflichtender Tests, die vor über 30 Jahren im Profisport als Eingriff in die Intimsphäre abgeschafft wurden, offenbart, dass das IOC keinen Schimmer hat vom Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Dimensionen des Geschlechts. Oder es handelt in erklärt böser Absicht, um sich unterwürfig gegenüber dem Paten im Weißen Haus auf Linie zu bringen, der mit seinen Gesetzen dafür gesorgt hat, dass Transfrauen in den USA bereits auf College-Ebene vom Frauensport ausgeschlossen sind.

Dabei gibt es genügend skandalisierte Beispiele dafür, dass im Sport eine männliche Vorgeschichte nicht zwingend zu einem verzerrenden Benefit im Frauenwettbewerb führt. So erreichte Renée Richards 1979, vier Jahre nach ihrer Transition, im Alter von 45 Jahren mit Platz 20 ihre höchste Notierung in der Weltrangliste der Frauen im Tennis, von einer erdrückenden Dominanz der Konkurrenz konnte keine Rede sein. 1988 hingegen holte Steffi Graf, langjährige Weltranglistenerste und keineswegs transverdächtig, den Sieg bei allen vier Grand Slam-Turnieren und obendrein die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul. Seit drei Jahren gehört mit Leroy Mokgatle eine Transfrau zur Compagnie des Staatsballetts Berlin, dort tanzt sie auf den Zehenspitzen und ist filigran genug, von ihren Partnern gehoben zu werden. Sie zeigt, wie differenziert die aktuelle Leistungsfähigkeit eines wie auch immer variierten Körpers zu beurteilen ist.

Das IOC versteift sich auf eine (zumindest bisher) unabänderliche Größe, das individuelle Genom. Möglicherweise lassen sich mit Genscheren oder Stammzellbehandlungen künftig XY-Chromosomen zu XX-Chromosomen und vice versa formen, damit wäre die letzte opake Spur eines vorherigen Geschlechtes getilgt. Dem IOC entgeht bei seiner verdorbenen SYR-Politik, wie sehr sich Körper im Verlauf der Zeit unter dem Einfluss externer Hormone wandeln können. Nicht nur werden die Gesichtszüge weicher und die Haut seidiger, die Muskeln werden zum Teil abgebaut und durch Fettgewebe ersetzt. Nach einer mehrjährigen Östrogenbehandlung sowie der Entfernung der körpereigenen Keimdrüsen weisen Transfrauen einen vergleichbaren Testosteronspiegel wie gebürtige Frauen auf, sie regenerieren damit keinen Deut schneller und starten phänotypisch auf gleichem Niveau.

In den 1920er Jahren synthetisierte die Berliner Firma Schering, längst im Bayer-Konzern aufgegangen, das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. 1931 kam es in Dresden zur ersten dokumentierten genitalchirurgischen Operation. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich Homosexualität, Travestie und Transidentität begrifflich und anschaulich sauber trennen; seitdem ist klar, dass das Geschlecht weniger statisch und vielmehr dynamisch aufgefasst werden sollte, ohne dass es für eine Seite Verluste gäbe. Schweden war das erste Land, das diesem Umstand 1972 mit einem Gesetz zur Änderung des Personenstandes Rechnung trug. Diese Einsicht, der sich viele andere Länder, unter ihnen Deutschland, angeschlossen haben, wird mit dem Vorgehen des korrupten IOC suspendiert, vorgeblich um der Gerechtigkeit willen. Cherchez la femme statt corriger la fortune?

Die SYR-Politik des IOC ist sexistisch, weil sie das erklärte Ziel verfolgt, Transfrauen von weiblichen Sportwettbewerben auszuschließen. Sie ist erst recht sexistisch, weil sie alle Frauen unter den Generalverdacht des Betrugs stellt und sie anlasslos zu einem entwürdigenden Test zwingt, der ihre Weiblichkeit beglaubigen soll. Und sie ist abschließend sexistisch, weil den Männern die demütigende Durchleuchtung ihres genetischen Programms erspart wird. Bleibt die Frage, was das IOC mit dieser absurden Praxis eigentlich erreichen will. Vermutlich geht es um die Bestätigung der irrigen Annahme, das Geschlecht sei zum einen eindeutig bestimmbar, zum anderen ein Leben lang unveränderlich. Diese Haltung ist seit fast einhundert Jahren obsolet – bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam wäre sie noch verzeihlich gewesen, bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles ist sie schlicht peinlich.