Lichtmess

Als die Maschine der Finnair am späten Vormittag in Vantaa landete, zeigte das Thermometer elf Grad Frost, nicht ungewöhnlich für Ende Januar. Sascha nahm ihre Reisetasche in Empfang und steuerte auf die Passkontrolle zu. Ein untersetzter Beamter mit wasserblauen Augen musterte sie stumpf, verglich ihr Gesicht mit dem Foto im Ausweis und winkte sie weiter. Der Schalter der Autovermietung lag in der Nähe des Ausgangs, dort wiederholte sich das Spiel aus Anschauen, Prüfen und Erlauben. Die Dame händigte ihr den Autoschlüssel aus und wies ihr ohne Lächeln und ohne Worte den Weg in die Tiefgarage. Sascha fand den panzerartigen Wagen, den sie hier für ihr Vorhaben brauchen würde, verstaute ihr Gepäck und stellte Sitz und Spiegel auf ihre Größe ein. Der Motor sprang leise surrend an, das tonnenschwere Gefährt setzte sich in Bewegung, sie nahm zunächst Kurs auf die Innenstadt.

Sie gönnte sich noch eine Stadtrundfahrt, bevor es in den hohen Norden weitergehen sollte. Sie kam an der Finlandia-Halle vorbei, hielt kurz am Sibelius-Monument und stieg am Olympiastadion am Denkmal für Paavo Nurmi aus. Vom ersten Besuch an hatte sie diese weiße Stadt im Schärengarten der Ostsee geliebt, die leicht mürrische, dabei höflich steife Art der Menschen kam ihrer Geisteshaltung sehr entgegen, auch hatten viele Frauen hier ihre Körpergröße, sodass sie weniger auffiel. Nach einem abschließenden Schlenker durch das alte Hafenviertel Katajanokka und einem Abschiedsblick auf den Dom nahm sie die Autobahn. Wenn ihre Berechnungen stimmten, sollte sie spätestens um 19:00 Uhr in Kajaani ankommen, also weit nach Einbruch der Dunkelheit. Sie tippte das Ziel in ihr Telefon ein und legte es auf den Beifahrersitz, die App zeigte leichten Griesel, aber keine Glätte an, am Ziel lag die Temperatur bei minus 15 Grad Celsius.

Auf der breiten Schnellstraße Richtung Norden gab es nur mäßigen Autoverkehr, die Wagen hielten gebührend Abstand zueinander und fuhren bereits mit Abblendlicht. Der Himmel war diesig grau, als wäre die vorherige Nacht nie richtig zuende gegangen. Die Felder auf beiden Seiten des Asphaltbandes lagen unter einem weißen Laken aus Kristallen, gelegentlich wuchsen die Schemen kleiner Ortschaften aus der wattigen Masse heraus. Kilometerweit führte die Straße durch hohe Wälder, die die beginnende Dämmerung noch verstärkten. Der starke Motor ihres Geländewagens vibrierte leise, ohne die Musik aus dem Radio zu stören. Sie beschleunigte, um einen Holztransporter vor ihr zu überholen, dann glitt sie in einem maßvollen Tempo weiter. Sie hatte erkennbar keine Eile.

Es war bereits dunkel, als sie an einer Tankstelle hielt. Sie kaufte etwas Milch, Obst, Butter und einen Laib Brot, um für das erste Frühstück versorgt zu sein. Den dünnen Kaffee, den es hier zu erwarten gab, trank sie in kleinen Schlucken, dabei um ihr geliehenes Auto herumgehend. Der Himmel klarte auf und zeigte sich vollgesprenkelt voller Sterne, kein künstliches Licht verdreckte das Firmament. Sie fand die Kälte erträglich, was sicher am fehlenden Wind lag. Kaum ein Mensch war bei dieser Witterung freiwillig unterwegs; wer konnte, saß daheim am warmen Ofen, nur wer musste, hielt sich draußen auf. Sascha ließ den Motor wieder an und setzte die Fahrt fort, gut die Hälfte der Strecke war bewältigt.

Der bleiche Mond beschien die Weite, in der verschiedene Töne von Weiß auszumachen waren. Das Weiß auf den Zweigen wirkte heller als jenes auf dem Gras, leicht unruhig jenes Weiß auf den teilweise zugefrorenen Seen. Der Schnee schluckte alle Geräusche und verband sie zu einem Nachklang, wie er nach der Beendigung einer Sinfonie im Konzertsaal stehen bleibt. Aus dem Dunkel kamen ihr immer wieder Paare greller Scheinwerfer entgegen, die nach dem Passieren sofort vom Schwarz der beginnenden Nacht aufgesogen wurden. Sascha dachte an nichts Konkretes, sie folgte den leicht melodisch klingenden Ansagen der Moderatoren im Radio, ohne ein Wort davon zu verstehen. Einzelne Namen von Menschen, Städten und Ländern glaubte sie zu erkennen, ohne zu wissen, wie sie genau in der seltsamen Sprache mit den langen Wörtern voller ä, ö, ü, y und j geschrieben würden. Die lakonischen Laute schienen die Wärme im Auto noch zu verstärken, so hegend und märchenhaft wirkten sie für ihre fremden Ohren.

Planmäßig gegen halb sieben fuhr sie kurz vor Kajaani von der Autobahn ab und ließ sich von der KI-generierten Stimme ihrer App zu ihrer Unterkunft lotsen. Sie hatte die Vororte längst hinter sich gelassen und fand sich in voller Dunkelheit auf einem schmalen Wirtschaftsweg in einem schütteren Kiefernwald wieder. Das beißende Weiß des hohen Schnees schmerzte in den Augen, die sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie parkte den Wagen vor der Hütte, machte den Motor aus und trat in den frisch gefallenen Schnee, der ihr sofort bis zum Schaft ihrer Bergstiefel reichte. Weite Stille empfing sie, das Knirschen ihrer Sohlen im Schnee kam ihr übermäßig laut vor, ihr Atem dampfte heftig vor ihrem Gesicht, als rauchte sie eine Zigarre. Wie beschrieben, fand sie am Eingang der Blockhütte einen kleinen Kasten, der sich nach dem Eintippen des Zahlencodes, den ihr der Vermieter geschickt hatte, öffnen ließ. Sie nahm den Schlüssel heraus und schloss die massive Tür auf, die sich lautlos in den Angeln drehte. Heimelige Wärme begrüßte sie, die Zeitschaltuhr hatte die Heizung vor zwei Stunden aktiviert.

Die stabile wie komfortable Blockhütte für eine Woche zu mieten, war einfach kurz vor Lichtmess. Der Weihnachtszauber war lange abgeklungen, bis Ostern war es noch weit hin, die ohnehin dünn besiedelte Gegend schien kollektiv in den Winterschlaf gefallen zu sein. Außer Rentieren war um diese Zeit kaum ein Lebewesen unterwegs, Kinder fuhren auf Skiern zum Unterricht, Schneeräumfahrzeuge hatten die wenigen Straßen passierbar gemacht, die Forstwirtschaft pausierte im Januar, das Siedlungsgebiet der nomadischen Samen begann erst über 100 Kilometer weiter nördlich. Der Vermieter zeigte sich erfreut, sein Haus in dieser Schattensaison vermieten zu können; warum eine Frau aus Deutschland abseits der Ferien ganz allein in ein Haus groß genug für eine Familie ziehen wollte, interessierte ihn nicht weiter. Er freute sich über den unerwarteten Umsatz und richtete alles her.

Sascha machte eine kurze Tour durch das Haus aus hellem Erlenholz, das überall würzig duftete, in Erinnerung an lange erloschenes Sommerlicht. Im Parterre gab es eine sauber ausgestattete Küche und ein großes Wohnzimmer, im ersten Stock nahm sie sich eines der geräumigen Schlafzimmer. Auf dem Küchentisch fand sie eine Beschreibung zur Bedienung der Sauna, die am Rand des Grundstücks direkt am schneebestreuten See lag. Natürlich hatte ihr Telefon hier in der Ödnis Empfang, auch das Wlan funktionierte einwandfrei. Sie holte eine Bienenwachskerze aus ihrer Tasche und entzündete sie, die Flamme zuckte leicht im warmen Luftstrom der Heizung. Angekommen, um nicht wieder zu gehen, das war ihre Empfindung. Sie beglückwünschte sich für die Wahl dieses Logis, wie geschaffen für ihre Absichten. Das Dorf lag fünf Autominuten entfernt, das nächstbenachbarte Haus konnte sie nicht sehen, lediglich eine dünne Rauchsäule stieg darüber senkrecht Richtung Himmel empor.

Beim Auspacken stellte sie erfreut fest, dass sie nichts vergessen hatte. Sie legte die vier Bücher, die sie sich als Grabbeigaben wünschte, auf den Tisch: Sodom und Gomorrha von Marcel Proust, Garry Kasparov on Garry Kasparov, Part II, Conundrum von Ian Morris sowie die Jerusalemer Bibel aus dem Nachlass ihrer Mutter. Daneben ihr kardinalrotes Moleskine, das sie als Tagebuch benutzte und in das nach Lichtmess keine Termine mehr eingetragen waren. Die Dose mit feinem Sencha stellte sie auf die Anrichte, die dicke Winterjacke im Schlafsackdesign hängte sie an die Garderobe, die Tube mit sämiger Creme für Hände und Gesicht fand Platz im Bad. Das schwarze Stück Haschisch von der Größe des oberen Daumengliedes hatte die flüchtige Zollkontrolle unbeschadet im Necessaire überstanden, vorerst ließ sie es im transparenten Plastiktütchen. Sie kämmte sich die braun getönten Haare, schlüpfte in ihr langes Nachthemd, rollte sich unter der dicken Daunendecke zusammen und lauschte in die Winternacht.

Sie erwachte nach einer traumlosen Nacht, als habe sie geschlafen für zwei, so traulich erschöpft fühlte sie sich, als sie in die frühen Sonnenstrahlen blinzelte. Nach einer Kanne Grüntee zog sie sich an und fuhr ins nächste Dorf. Die Landschaft kam ihr im Morgenlicht entgrenzter vor als gestern bei der Ankunft im Dunklen, die Sonne schickte sich an, an einem azurblauen Himmel ihren Thron im Reigen der Gestirne einzunehmen. Im kleinen Krämerladen war sie die einzige Kundin, die etwa gleichaltrige Kassiererin akzeptierte nur ihre Kreditkarte. Spätestens zu Mittag würde das ganze Dorf wissen, dass sich eine schweigsame Deutsche hier für ein paar Tage eingenistet hatte. Sie räumte den Proviant in die reinlich ausgewischten Schränke und machte sich auf einen Spaziergang durch den tief verschneiten Wald. Vor dem Haus konnte sie einige Fährten erkennen, der Größe der Fußabdrücke nach müsste es sich um ein schweres Tier gehandelt haben, das des nachts allein seine Kreise zog.

Die klare Polarluft benebelte ihre Sinne, ihre Augen schützte sie mit einer Sonnenbrille vor dem gleißenden Weiß, an dem sich nicht vorbeischauen ließ. Der Schnee machte es ihr leicht, sich im endlosen Gewirr der schlanken Bäume nicht zu verlaufen; hier gab es offenbar niemanden, der ihre Spuren hätte verwischen können, sie musste nur ihren eigenen Schritten zurück zur Hütte folgen. Eine solche Stille hatte sie noch nie erlebt, beinahe materiell drückte sie auf die Zweige, in denen sie keinen einzigen Vogel ausmachen konnte. Wie überstehen die Tiere diese langen Monate, in denen es praktisch nichts zu fressen für sie gibt? Teils sammelten sie sich in Höhlen oder gruben sich in den Boden ein, bevor dieser im Frost erstarrte; teils zogen sie weiter nach Süden, wo es etwas wärmer war. Und dann gab es Tiere, die an diese strengen klimatischen Bedingungen optimal angepasst waren, auch dadurch, dass sie keine Fressfeinde zu fürchten hatten. Knackte da ein Zweig im Gehölz unter dem Huf eines Elches? Huschte da ein Polarfuchs im hellgrauen Fell durch das Unterholz? Sie fühlte sich beobachtet, ohne sagen zu können, von wem. Bevor es ihr unheimlich werden konnte, machte sie kehrt, jeder Schritt durch den verwehten Schnee war Teil einer Expedition.

Den kurzen Nachmittag verbrachte sie im Wohnzimmer sitzend. Das Panoramafenster ging auf den zugefrorenen See hinaus, an dessen entlegenem Ufer sich die Baumwipfel aneinanderzuschmiegen schienen. Mochte es auch fast zwanzig Grad Kälte haben, unbelebt war die Gegend hier sicher nicht. Nur folgte das Leben hier anderen Regeln als in der Stadt, die vollends in der Hand des Menschen und seiner Technik ist und um seine Bedürfnisse herum organisiert wird. Sie wusste, dass sie nicht mehr dorthin zurückkehren würde, dass sie an diesem Ort ihren Ausgang aus dem Leben gefunden hatte. Sie hatte es sich seit Monaten ausgemalt, hatte mit tiefem Ernst auf diesen Moment hingewirkt, hatte alle notwendigen Schritte getan, sich darauf vorzubereiten. Nun, als sie ihrem Ziel so nahe gekommen war, konnte sie sich sagen, wie richtig alles war. Nach Einbruch der Dämmerung stapfte sie zum Seeufer und setzte anhand der kurzen Beschreibung die Sauna in Betrieb. Nach drei ausgedehnten Gängen bei 95 Grad Celsius in trockener Luft, die sie fast hätten bewusstlos werden lassen, schlief sie leergeschwitzt und selig wie Eva, die erste Frau auf Erden.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, ahnte sie instinktiv, dass ihr jüngster Tag begonnen hatte. Sie verließ das Bett im Wissen, alles, was sie nun tun würde, zum letzten Mal zu tun. Zu ihrer Morgenroutine gehörte das Schlucken von L-Thyroxin und dem Östrogenpräparat, dem sie ihre seidige Haut zu verdanken hatte; fortan überflüssig, aber warum nicht symbolisch am Bewährten festhalten? Sie machte sich auf zum Seeufer und schaufelte eine etwa zwei mal zwei Meter große Fläche frei und grub eine vielleicht zwanzig Zentimeter tiefe Kuhle. Sie setzte sich mit einer Kanne Sencha, einer Schale Müsli und frischen Orangen an den Tresen in der Küche und lauschte ihren ruhigen Atemzügen. Um sie herum lag die Welt in winterlicher Erstarrung, sie selbst war beweglich wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Was wäre, wenn dieser Zustand länger anhielte? Sollte sie umkehren und auf einen anderen Weg umschwenken? Warum? Sie wusste ja, was sie im alten Heim erwartete: Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Schmerz. Warum sich zustimmend der langsamen Vernichtung zuwenden? Sie fand auf dem Musikportal eine konzertante Einspielung der Tannhäuser-Ouvertüre. Diese fünfzehn Minuten hochheiliger Musik hatte sie nie hören können, ohne dabei zu weinen, aus Freude, aus Erleichterung, im Vorgriff auf die Auferstehung.

Als die Sonne untergegangen war und die nordische Dunkelheit alles absorbiert hatte, setzte Sascha den lang gehegten Plan um. Sie duschte und zog sich frische Wäsche an, betrachtete sich lange im Spiegel und wunderte sich über ihre Gelassenheit. Sie schminkte sich die Lippen in Kirschrot, tuschte die Wimpern und ließ die frisch gewaschenen Haare offen auf die Schultern fallen. Sie nahm pflichtschuldig ihr Telefon und schaute auf Signal und Telegram, ob dort Nachrichten eingegangen waren, die es gegebenenfalls zu beantworten gelte. Ganz offiziell hatte sie eine Woche Urlaub genommen, im Büro würde sie niemand vermissen. Sie wischte durch ihre Kontakte und sprach die einzelnen Namen halblaut zu sich, jedem gab sie ein hauchendes Tschüss hinterher. Dann öffnete sie ihre App für Bankgeschäfte und räumte ihr Konto weitgehend leer. Die ordentliche Summe ging an die Benediktinerabtei in den Baumbergen, die sie schon öfter mit Spenden bedacht hatte. Der Rest auf dem Konto sollte ausreichen für die anstehenden Kosten für die Bergung und die anschließende Bestattung. Auch dafür hatte sie beizeiten Vorkehrungen getroffen. Abschließend hebelte sie mit einer Nadel die SIM-Karte ihres Telefons hervor, zerschnitt diese und spülte sie die Toilette hinunter.

Das dunkle harzige Haschisch roch betörend, es hatte eine Konsistenz zwischen Wachs und Lakritz. Sie nahm das ganze Stück, das gereicht hätte, um vier Erwachsene high zu machen, schob es auf die Zunge, speichelte es ein und lutschte darauf herum, bis es schließlich zu einem krümeligen Gelee wurde, den sie portionsweise schluckte. Sie trank ein Glas Milch dazu, deren Fett die Aufnahme des Wirkstoffs THC über den Magen beschleunigen würde. Nun blieb ihr eine runde Stunde, bis die berauschende und sodann schlaferzwingende Wirkung einsetzen würde. Sie las die berühmte Stelle bei Marcel Proust, wo der Baron de Charlus und Jupien unvermutet zueinander finden, dabei vom verborgenen Erzähler beobachtet. Sie las die Kommentare Garri Kasparows zu der 24. Partie seines Wettkampfes von 1985 gegen Anatoli Karpow, die er in bravourösem Stil gewann und mit der er Schachweltmeister wurde. Sie las bei Ian Morris über die heilende Wirkung der externen Östrogene, die den testosteronverwüsteten Leib einer lebensrettenden Transformation unterziehen. Und schließlich las sie den Segen aus Num 6,24-26: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.

Ihr Geist war mit diesem literarischen Vorrat bestens versorgt, ihre Seele schmerzte und blutete indes weiter, ihr Körper schien sein Gewicht halbiert zu haben. Es gab keine Zeit mehr zu verlieren, die Schwelle des Übergangs war erreicht. Sascha legte die Schlüssel, ihre Karten und ihr Portemonnaie zu den Büchern auf den Tisch im Wohnzimmer, zog ihre Jacke an und ließ die Tür ins Schloss fallen. Am Seeufer angekommen, rollte sie ihre Yogamatte in der vorab ausgehobenen Kuhle aus. Sie schaute sich noch einmal zum Haus um, alle Lichter hatte sie gelöscht. Der hohe Mond stand so hell, dass sie beinahe ein Buch im Freien hätte lesen können. Sie legte sich auf den Rücken und schob sich ein kleines Kissen unter den Kopf; dann öffnete sie den Reißverschluss ihrer Jacke, schlug deren Schöße zur Seite und zog die Arme aus den Ärmeln. Am Torso trug sie einen Badeanzug und darüber ein dünnes Leibchen, die Hände steckten in gefütterten Laufhandschuhen. Die Beine waren mit einer Steghose bekleidet, an den Füßen trug sie ihre wasserdichten Wanderstiefel.

Die Wirkung des THC hatte sie soghaft erfasst. Sie spürte ihr Blut schneller zirkulieren, was sie groteskerweise etwas wärmte, wie es eine Ganzkörpermassage tut. Auch ihr Geschlecht wurde stärker durchblutet, was von wollüstigen Phantasien begleitet wurde. Gleichzeitig breitete sich eine paradiesische Ruhe in ihrem Inneren aus, wie am siebten Tag der Schöpfung, der erlösende ewige Schlaf war ganz nah. Ihre Gedanken kamen und gingen ohne jede Richtung, sie fuhren Karussell und brachen unvermindert wieder ab, ihr ganzer Geist wollte sich öffnen und sich von der Erdenschwere befreien. Gleichzeitig erfasste der Nachtfrost wie gewünscht ihren Leib, von unten feucht, von oben als eisiger Schauer, die Bronchien schmerzten bei jedem Atemzug, was sie automatisch flacher atmen ließ. Ihre großen Gelenke fingen an zu ziehen und zu knacken, sie wusste nicht, ob ihre Knöchel sie noch getragen hätten, wäre sie von ihrem Lager aufgestanden. Aber das wollte sie ohnehin nicht. Mein Gott, nimm mich an, wie ich bin, wisperte sie.

Es fiel ihr schwer, die Augenlider zu heben; die Sterne über ihr funkelten in einer bis dahin unbekannten Schönheit. Sie hatte ihre Arme und Beine geöffnet und lag nun wie ein Seestern in der offenen Nacht. Ihre Gesichtshaut spannte, ihre Zunge schmeckte Eis auf den Lippen, Brust und Bauch wollten sich konkav zusammenziehen als Reaktion auf die beginnende Erstarrung des Leibes. Der Blutkreislauf beschränkte sich auf die Versorgung der inneren Organe, der Herzschlag verlangsamte sich, die Körpertemperatur begann bedrohlich zu sinken. Ein leichter Wind hatte angefangen, Schneeflocken vor sich herzutreiben, diese bedeckten ihren Leib mit einer dünnen Schicht gefrorenen Wassers. Eine Welle des Fröstelns erfasste ihn, ihre gedämmte Seele hatte dem beginnenden Erfrieren der Vitalfunktionen nichts mehr entgegenzusetzen, gottlob. Von klarem Denken konnte nicht länger die Rede sein, längst hatten sich ihre Gedanken selbstständig gemacht und sich gelöst von der sie ermöglichenden Materialität des Leibes. War das die Unzerstörbarkeit der Seele, von der im katholischen Glauben permanent die Rede ist?

Bekannte Gesichter zogen an ihr vorbei. Sie dachte intensiv an ihre Mutter, die vor neun Jahren einen Tag vor Lichtmess gestorben war. Die Andeutung eines Lächelns kam auf ihre Lippen, als sie gewahr wurde, ihre Mutter möglicherweise bald wieder zu sehen. Schließlich wurde sie von einem heftigen Schwindel gepackt, der jeden Willen beendete und sie vollends in den Kreislauf des Werdens und Vergehens einspeiste. Warum etwas aktiv beenden, was ohnehin zeitlich begrenzt ist? Weil darin ein Akt der Freiheit liegt, eine Revolte gegen das Schicksal? Viel einfacher, weil damit die quälende Hoffnung auf Besserung abtritt, weil damit das unmenschliche Leiden abgekürzt wird. Das Letzte, was sie auf dem Grund dieser Nacht wahrnahm, war ein intensives Farbschimmern, von Schwarz und Kohle über Grau und Meer, Tinte und Azur zu Elfenbein und Ei. Zum Ende hin blendete das Weiß mehr, als Kälte und Hitze es gemeinsam je taten. Im letzten Schritt hörte das Zucken auf, der Kopf rollte zur Seite, der Raum wurde ein einziges Strahlen. Sascha starb, wie sie gelebt hatte, allein, am Rand, beziehungslos. Bevor sie endgültig das Bewusstsein verlor, murmelte sie ein paar Worte, mehrfach wiederholt. War es ein Gebet? Niemand war in der Nähe, der es hätte bezeugen können.

Rechtsnihilismus

Das Echo der weihnachtlichen Friedensbotschaften ist gerade verklungen, da beginnt das Neue Jahr 2026 gewohnt tödlich. Ein schwer bewaffnetes Kommando des US-Militärs hat am Morgen des 3. Januar den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro und seine Frau in der Hauptstadt Caracas in seine Gewalt gebracht und ihn in die USA entführt. Dort soll ihm wegen angeblichem Drogenterrorismus der Prozess gemacht werden. Dem Angriff auf Venezuela gingen wochenlange Drohungen und Beschimpfungen des US-Machthabers voraus; auch wurden mehrere Tanker vor der Küste des südamerikanischen Landes entweder torpediert und versenkt oder gekapert und beschlagnahmt, jeweils unter gezielter Ermordung der Besatzung. Mit der Entführung Maduros bekennt sich das Regime in Washington nun offiziell zum Staatsterror als Wesen seines Handelns.

Wenn es einen gemeinsamen Nenner der abstrusen Aktivitäten des US-Machthabers seit seiner Wiederkehr ins Amt vor knapp einem Jahr gibt, dann ist es ein heilloser Rechtsnihilismus. Das Recht gilt dem Potentaten von Mar-a-Lago nicht als sorgsam ausgearbeitetes, in der Praxis immer wieder zu überprüfendes und anzupassendes Regelwerk, um das gesellschaftliche Leben der Menschen in einem Land verlässlich, nachvollziehbar und friedlich zu organisieren, sondern als willkommenes Werkzeug zur Durchsetzung seiner eigenen, in der Regel finanziellen, Interessen. So lässt der greise Patriarch einen ehemaligen FBI-Direktor strafrechtlich belangen, weil der es gewagt hatte, gegen ihn zu ermitteln; auch werden renommierte Anwaltskanzleien gezwungen, kostenlose Beratungsleistungen für die US-Regierung zu erbringen. Dem NATO-Partner Dänemark wird angedroht, das zum nordischen Königreich gehörende Grönland schlankweg zu annektieren; traditionsreichen Universitäten an der Ostküste werden Fördergelder des Bundes gestrichen; der Regierung Panamas wird kurzerhand die Kontrolle über den Panamakanal entzogen; nicht zuletzt wird die ganze Welt mit Zöllen überzogen, die dem freien Handel den Garaus machen.

Das Kidnapping Maduros und seiner Ehefrau erfüllt alle Kriterien des Staatsterrors. Ohne sich um die territoriale Souveränität Venezuelas zu scheren, bombardieren amerikanische Kriegsschiffe und Hubschrauber die Hauptstadt, töten über 40 Menschen und verhaften den Präsidenten, der als Wiedergänger Pablo Escobars dämonisiert wird. Ob das Gericht in New York überhaupt zuständig ist, um ein Verfahren wegen Drogenexports in die USA zu eröffnen? Egal, solange es der Potentat im Weißen Haus befiehlt. Dieser hat auch bereits wissen lassen, dass sein Regime Venezuela „vorerst“ selbst regieren werde, bis ein geordneter Übergang zu einer Demokratie gewährleistet sei – ganz so, als sei Venezuela der 51. Bundesstaat der USA. Die frisch ernannte Übergangspräsidentin des Landes ist vor diesem Hintergrund gut beraten, mit den Besatzern zu kooperieren, so sie nicht ebenfalls liquidiert werden will.

Was sind mögliche Motive für das gewaltsame Vorgehen der US-Administration? Der Krieg gegen Drogen, für die Venezuela ein wichtiges Produktions- und Transitland ist, dürfte hastig vorgeschoben sein, da die Nachfrage nach Kokain, Fentanyl und dergleichen in den USA selbst ausreichend vorhanden ist. Tatsächlich wird es um die Kontrolle über die enormen Ölvorräte des Landes gehen, die weltweit größten. Unter dem ehemaligen Staatschef Hugo Chavez, der das Land mit einem dürftig funktionieren Sozialismus quälte, wurde die Ölindustrie verstaatlicht, was US-Firmen aus dem Land trieb. Zwar sind die USA der weltgrößte Ölproduzent, aber eben auch -verbraucher, sodass es immer neue Quellen braucht, um den Durst nach dem schwarzen Gold zu stillen. Die Enteignung der Ölfelder wird eine Bedingung sein, um das Land in Ruhe zu lassen; der zähflüssige Bodenschatz ist der Tribut, der an Washington zu entrichten sein wird.

Seit den 1960er Jahren haben US-Behörden immer wieder Rebellionen und Putsche in Lateinamerika angezettelt, aus ideologischen wie wirtschaftlichen Gründen, wird doch der Subkontinent wegwerfend als eigener „Hinterhof“ betrachtet, wo man für Ordnung sorgen müsse. Das schamlose Ausrauben eines anderen Landes ist eine neue Entwicklung bei der Legitimierung des Staatsterrors, verbrämt als Kampf gegen Drogen, die die USA zu überschwemmen drohen. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker hat das US-Regime noch nie geschert; es entscheidet nach Gutdünken, wer unterstützt und wer angegriffen wird, selbstverständlich unter Missachtung aller völkerrechtlichen Normen, von romantischen Phänomenen wie „Werten“ zu schweigen. Der Rechtsnihilismus des Regimes zeigt sich auch in der Geringschätzung aller globalen Versuche, Konflikte und Krisen durch Diplomatie und Verhandlungen einzuhegen, vielleicht gar zu lösen. Nicht umsonst hat der US-Potentat sein Land aus bestehenden Verträgen austreten lassen, den Internationalen Strafgerichtshof hat er ohnehin nicht anerkannt.

Derweil sitzt der Machthaber, umgeben von seinen devoten Paladinen, wie ein Mafiapate am reichlich gedeckten Tisch und zählt das zusammengeraffte Vermögen. Kaum wieder im Amt, lockerte er die Regulierung von Kryptowährungen, von denen er selbst und seine Familie massiv profitierten. An der Börse würde man von einem Insiderhandel sprechen, im Weißen Haus von einem lohnenden Geschäftsmodell. Ebenfalls wie ein Boss der ‘Ndrangheta sieht er sich außer- beziehungsweise oberhalb der Sphäre der Gesetze stehen – sein Wort reicht aus, es ist Befehl und Begründung in einem. Sekundiert wird er dabei vom Vizepräsidenten, der als Pseudo-Katholik auch für militärische Enthauptungsschläge noch Rechtfertigungen findet, und dem selbsternannten Kriegsminister, der eine abgrundtief hässliche Visage mit einem ebenso schmutzigen Charakter vereint. Der Einzige aus dieser Kamarilla, der einen Rest von Gewissen erahnen lässt, ist der Außenminister, der aber zu schwach ist, seinen cholerischen Chef halbwegs zum Friedlichen tendieren zu lassen.

Sanktionen gegen Washington? Das wäre das einzig Richtige, was etwa die EU aussprechen könnte, so, wie sie auch den russischen Aggressor in der Ukraine mit Sanktionen belegt hat. Aber das wird Brüssel sich nicht trauen, so beschämend, wie die Kommissionspräsidentin die US-Zölle gegen die EU bejubelt hat. Auch die deutsche Regierung richtet sich in ihrer Position der unausgesprochenen Zustimmung ein; es bleibt China, Russland und Brasilien vorbehalten, gegen die Entführung Maduros zu protestieren, im Wissen, dass diese Geste leer bleiben wird. Wer jetzt noch Handel treibt mit Firmen aus den USA, wer jetzt noch US-Staatsanleihen kauft, wer jetzt noch Urlaub macht in Kalifornien, macht sich zum Komplizen eines Verbrechers, der plump den Habitus eines Staatschefs pflegt. Noch gibt es unabhängige Gerichte in den USA, die nach dem Geist der Gesetze urteilen und nicht auf Geheiß der Justizministerin. Gegebenenfalls macht der Rechtsnihilismus der politischen Führung auch vor dem obersten Gericht des Landes nicht halt, dessen Richter nun in Lebensgefahr schweben dürften.

Die Beliebtheitswerte des Machthabers knapp ein Jahr nach seiner Amtseinführung sind die historisch schlechtesten, die jemals gemessen wurden; da liegt es nahe, außenpolitisch loszuschlagen, um im Inneren Punkte zu sammeln. Es dämmert dem Wahlvolk so langsam, dass der ehemalige Immobilieninvestor der Wall Street nie das Wohl des ganzen Landes im Auge hatte, sondern doch nur das persönliche. Es ist ein Armutszeugnis für das politische System der USA, dass ein Krimineller auf legalem Wege das höchste Staatsamt an sich reißen kann. Zumindest kann nach dem Staatsterror gegen Venezuela niemand mehr sagen, er habe nichts gewusst von der destruktiven Energie der Herrscherclique. Die besonders habgierigen Päpste der Renaissance wurden von ihren eigenen Familien kaltgestellt, teilweise ermordet, so weit waren Verderbnis und Korruption im Vatikan gediehen. Was heißt das für den Nepotismus unserer Tage? Soll man dafür beten, dass die nächste Kugel treffen möge?

Profan

Wagner hören heißt Weinen lernen – Andrea Warnekros

Kirche ist mehr als ein nach den Brandschutzvorschriften oder den Gesetzen der Akustik umbauter Raum: Sie ist ein heiliger Ort mit klarer Bestimmung. Mit der Weihe wird der Kirchbau zu einem Ort, an dem die Heilige Messe gefeiert werden kann. Doch auch einem sakralen Bau kann mit der Zeit sein Ursprungszweck abhanden kommen. Sowohl die katholische Kirche als auch die evangelischen kirchenähnlichen Gemeinschaften verlieren in Deutschland kontinuierlich Mitglieder und damit Kirchensteuerzahler. Dieser Mitgliederschwund führt zum Zusammenlegen ehemals selbstständiger Pfarreien zu sogenannten pastoralen Räumen, letzten Endes zur Aufgabe einzelner Kirchen. Sobald diese profaniert worden sind, können sie für eine weltliche Nutzung umgebaut werden.

Wie eine Profanierung keineswegs ablaufen sollte, zeigt das abschreckende Beispiel von Sankt Kamillus am Klausenerplatz. Vis-à-vis des Schlosses Charlottenburg gelegen, wurde die Kirche 1932 geweiht; von Beginn an wurde sie vom namensgebenden Kamillianerorden betreut, der in dem Gebäude neben der Kirche auch eine Kita und eine Altenpflegestation betrieb. Anfang des Jahres machten erste Gerüchte über eine bevorstehende Schließung der Kirche die Runde unter den Gemeindemitgliedern, im Sommer wurden diese zur traurigen Gewissheit. Das Erzbistum Berlin, finanziell und administrativ verantwortlich für Bau und Glauben am Klausenerplatz, gab sich zugeknöpft ob der Zukunft des Gebäudes, das, typisch für Preußen, als katholische Kirche nicht freistehen darf, sondern sich von der Traufhöhe einfügen muss in die Blockrandbebauung der Stadt.

Immerhin war in Erfahrung zu bringen, dass das Erzbistum eine spezialisierte Maklerfirma mit der Nachnutzung des zu profanierenden Baus beauftragt hat. Ob diese Firma bereits einen Kunden hat finden können; worin genau die geplante Nachnutzung bestehen wird; wie lange mögliche Umbauarbeiten dauern werden – auf diese naheliegenden Fragen der Gläubigen verweigert das Erzbistum halsstarrig jede Antwort. Bereits im Herbst wurden die Kinder auf andere Kitas verteilt, auch die Pflegebedürftigen mussten sich eine neue Bleibe suchen. Am II. Weihnachtstag ging das letzte Licht in Sankt Kamillus aus, die Möbel aus dem Pfarrsaal waren längst abtransportiert, in einer schalen Zeremonie wurde aus dem sakralen Raum ein Gebäude ohne bestimmte Zukunft. Bleibenden Schaden aber dürfte die wegwerfende Kommunikation des Bistums hinterlassen, das die Gläubigen wie dumme Schafe behandelte; diese müssen nun sehen, wer sich um ihr Seelenheil kümmern wird.

Im zuende gehenden Jahr 2025 wurden in Deutschland 46 katholische Kirchen profaniert, im Jahr zuvor waren es noch deren 66. Meist liegen die Gebäude auf großzügigen Grundstücken attraktiv in den Zentren der Städte oder der Quartiere; jahrzehntelang bildeten sie den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, das sich über Taufen, Firmungen, Heiraten und Beerdigungen vorwärts bewegte. Daher sind die Begehrlichkeiten, die eine Entweihung in der Immobilienbranche weckt, prima vista nur zu verständlich. Ein ganzer Strauß an Nutzungskonzepten drängt sich förmlich auf: Naheliegend die Umwidmung zu Wohnungen oder Büros, denkbar die Einrichtung eines Restaurants oder einer Disco, vorstellbar der Umbau zu Ateliers und Proberäumen. Weitere Lösungen sind etwa eine Kletterhalle, eine Fahrradgarage, eine Bibliothek oder ein Museum. Und im schlimmsten Fall wird aus einer ehemaligen Kirche eine Moschee, angesichts des ungehindert um sich greifenden Islam in Westeuropa eine berechtigte Horrorvision.

Dass Sankt Kamillus nun ausgerechnet am II. Weihnachtstag von einem sakralen zu einem profanen Raum wird, hätte dümmer seitens des Erzbistums nicht aufgesetzt werden können. Immerhin ist Weihnachten nicht nur ein kommerziell hemmungslos überwölbtes Fest, es ist auch der Einbruch des Göttlichen in die irdische Welt, in Gestalt eines Kindes – ein Phänomen, das keine andere Religion kennt. Warum man den Weihnachtsfestkreis, der bis zur Taufe des Herrn am Sonntag nach Epiphanie geht, sich nicht schließen lässt, bevor man die Kirchentür für immer versperrt, lässt sich den Gläubigen nur schwer vermitteln. Gerade die katholische Kirche, die in ihrer zweitausend Jahre währenden Geschichte ein immenses Gespür für die Wirkung von Gesten, Zeichen und Symbolen entwickelt hat, sollte wissen, wie verstörend ein Akt der Profanierung ausgerechnet an einem Hochfest daherkommt, egal, welche Geschichte des Gebäudes damit beginnt.

Selbst erklärte Atheisten sind der Auffassung, dass mit dem Schließen einer Kirche nicht nur die Feier der Messe an diesem Ort ihr Ende findet, sondern dass auch das soziale Leben eines Viertels empfindlich getroffen wird. Das bezieht sich ganz direkt auf die Möglichkeiten, sich mit anderen Gemeindemitgliedern zum Spiel und zur ehrenamtlichen Arbeit zu treffen, andere Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten, kennenzulernen, Freundschaften mit Gleichgesinnten zu schließen; es geht auch um den Verlust einer bindenden Energie, die sich im Glockengeläut ebenso manifestiert wie im Chorgesang, den schmückenden Gewändern und den weiß-gelben Flaggen des Vatikan. Die Profanierung einer Kirche wird unweigerlich begleitet von einer Verweltlichung des Geistes – mit Max Weber kann man von einer Entzauberung der Welt sprechen.

Bei allem Spott und aller Häme, die sich das ganze Jahr über die katholische Kirche und den Glauben ergießen, darf nicht übersehen werden, dass es noch immer knapp 20 Millionen Katholiken in Deutschland gibt (und weltweit annähernd 1,4 Milliarden). Selbst in einer gottlosen Stadt wie Berlin mit einer Katholikenquote im mittleren einstelligen Bereich demonstrieren die Gläubigen Sonntag für Sonntag, dass es auf der Erde um mehr geht als um Geld, Macht, Ruhm und Schönheit. Natürlich strukturieren diese Kategorien ganz wesentlich den Umgang der Menschen untereinander, und den meisten wird kaum der Gedanke kommen, dass in dieser Aufzählung noch etwas fehle. Erst wenn die nächste Kirche verschwindet und an ihrer Stelle gegebenenfalls ein Parkhaus errichtet wird, dämmert es selbst den religiös Unmusikalischen, dass ein Stück abendländischer Identität dahingeht. Die sich auftuende Leere ist keine Baulücke, die sich routiniert füllen ließe. Es ist eher wie nach einer Amputation: Das Leben ändert sich zum Schlechten, es muss eine Strategie her, mit den Einschränkungen umzugehen. Das geht so lange so leidlich gut, bis eine invasive Lehre sich des Raumes bemächtigt und ihn mit harschen Geboten füllt, Sanktionen inbegriffen. Das kann niemand bei Verstand ernsthaft wollen.

Cruising

Lokalisiert in Mittes bester Lage
Die Türen offen nur für Mitglieder
Die Tage starten mit der gleichen Frage
Gesehen werden macht allein nichts her

Der schmale Schlips betont die Vertikale
Ihr Signum die pure Geschäftigkeit
Ein jeder wirft sich in die feste Schale
Die Klatschreporter stehen schon bereit

Die Augen braun die Haare scharf gescheitelt
Die Blicke kreuzen sich für den Moment
Falsche Fraktion das Treffen wird vereitelt
Schon attraktiv doch zählt nur der Comment

Was bringt der solide Lieferservice
Amphetamine Krimsekt Cannabis

Mad men

Die Hälfte aller Werbeausgaben verpufft wirkungslos. Wenn ich nur wüsste, welche. – Henry Ford

Die Serie „Mad men“ beginnt mit einem Wortspiel. In der Umgangssprache der 1950er und 60er Jahre wurden die Werbeleute als „ad men“ bezeichnet. Diesen Titel schrieben sie selbst zu den „mad men“ um. Nicht in erster Linie, weil die Werbeindustrie ein Refugium für Unkonventionelle, gar Verrückte wäre, sondern weil in dieser Zeit sich zahlreiche Werbeagenturen in der New Yorker Madison Avenue drängten. Diese Prachtstraße der US-Wirtschaftsmetropole bildet den Hintergrund, vor der sich die Machtkämpfe in der fiktiven Agentur Sterling Cooper entfalten. Die Zeitreise in die 1960er Jahre ist in Teilen amüsant, hin und wieder ärgerlich und handwerklich durchweg hervorragend.

Die US-Fernsehserie „Mad men“ entstand zwischen 2007 und 2015, erste Episoden hierzulande gab es ab 2009 im Bezahlfernsehen zu sehen. Noch bis ins Frühjahr 2026 hinein sind alle bisher gedrehten sieben Staffeln synchronisiert auf Arte abzurufen. Der Sog, der von dieser Serie ausgeht, zeigt sich beim verspäteten Wiedersehen auf Deutsch; die preisgekrönte Geschichte um den so charismatischen wie rücksichtslosen Creative Director Don Draper (welche sprechender Name!) hat das Zeug, auch nach weiteren 20 Jahren angeschaut, kommentiert und kopiert zu werden. Das ist schon allerhand, was sich über eine TV-Produktion sagen lässt. Dabei ist jede Folge getreu der Kultur der Branche in kurze, in sich geschlossene Kapitel unterteilt – so lassen sich problemlos mehrere Werbefilme unterbringen, ohne dass es der Zuschauerin groß auffiele.

Allen Beteiligten voran, leisten die Dekorateure, die Schneider und die Friseure eine sagenhafte Arbeit bei der Ausstattung. Die steifen Anzüge der Männer, die wie Rüstungen getragen werden; die figurbetonenden Kleider der Frauen, die allesamt wie Geschenkverpackungen wirken; die Frisuren, der Schmuck und das Make-up; Möbel, Vasen, Aschenbecher und Schreibmaschinen zitieren sämtlich stilsicher die frühen 1960er Jahre mit ihren klaren Linien, den kontrastreichen Farbflächen und den zunehmend künstlichen Materialien. Der II. Weltkrieg ist seit 15 Jahren vorbei, die Wirtschaft brummt bei niedriger Arbeitslosigkeit, die Gesellschaft besteht mehrheitlich aus Konsumenten, technischer Fortschritt und Zukunftsoptimismus greifen um sich. In dieser Zeit des ökonomischen Wachstums, das noch keine ökologischen Grenzen kennt, drehen die Werbeagenturen am ganz großen Rad. Sie versprechen ihren Kunden weitere Marktanteile, sie verstehen sich als Zündkerze des Handels und definieren, welche Marken für den demonstrativen Konsum einer Zielgruppe taugen.

Im Zentrum dieser Armada aus Glücksrittern und Goldgräbern steht der fiktive Texter und Kreativchef Don Draper, für den der reale Werbemanager David Ogilvy Modell stand. Der große, starke, dunkle Don gilt als König der Kampagne, der noch jeden zweifelnden Kunden von seiner Idee überzeugen kann. Dabei strahlt Draper (eine Anspielung auf die Draperie, also allgemein die Verpackung oder speziell das schmeichelnde Arrangement eines Stoffes) eine Mischung aus Kälte, Hohn und Stahl wie ein Panzer aus. Einer Kundin, die zugleich eine seine zahllosen Affären ist, bescheidet er zynisch, dass es so etwas wie Liebe, nach der sie sich sehne, nicht gebe: Es seien Leute wie er, die die „Liebe“ erfunden hätten, um den Kundinnen Nylonstrümpfe zu verkaufen. Dieser Spruch fällt gleich in der Auftaktfolge der ersten Staffel und setzt den Ton der Partitur: Alles ist ein Geschäft, also profitieren wir davon.

Draper und seine Kollegen beginnen den Arbeitstag damit, dass sie ihren Sekretärinnen Hut und Mantel zum Aufhängen überlassen. Dann wird es Zeit für eine von etlichen filterlosen Zigaretten und den ersten unverminderten Bourbon des Tages. Meetings mit Kunden geraten zum Hahnenkampf, die Werbeleute konkurrieren nicht nur mit anderen Agenturen, sondern auch unter einander: Um mehr Geld, um das größere Büro, um den schmückenden Titel, um die kommende Dienstreise. Der Glaube an die Oberfläche hilft den Textern, Kontaktern und Grafikern, sich auf das Verkaufen zu beschränken und Diskussionen über den Sinn und Zweck des eigenen Tuns zu vermeiden. Das Buch „The hidden persuaders“ des Publizisten Vance Packard von 1957 haben sie sicher nicht gelesen, beherzigen seine Botschaften aber virtuos. Daher kommt es diesen im Kern unpolitischen Naturen eher ungelegen, auf Geheiß eines Seniorpartners Werbung für Richard Nixon in seinem Präsidentschaftswahlkampf 1960 gegen John F. Kennedy zu machen – den letzterer auch wegen seiner jugendlichen Bildschirmtauglichkeit für sich entschied.

Die Liebe zum Detail der „Mad men“ zeigt sich im Schnitt der schmalen Anzüge und ausladenden Kleider ebenso wie in den technischen Geräten. Kühlschrank, Radio, Plattenspieler und Fernseher gehören in beinahe jeden Haushalt, Autos in verschiedenen Größen locken mit einem Distinktionsgewinn, das Fliegen mit Pan Am ist noch einer kleinen Gruppe vorbehalten, erste Computer vom IBM füllen ganze Räume. Als ein fernes Wetterleuchten kündigt sich der Donner an, der in wenigen Jahren die heile Konsumwelt der Vorstädte erschüttern soll. Abtreibung ist illegal, aber die Pille zur Empfängnisverhütung kommt 1960 auf den Markt und trägt das ihre zur Emanzipation der Frauen bei. Die Invasion in der Schweinebucht, die Ermordung des Predigers Martin Luther King und fünf Jahre zuvor des Präsidenten sowie der eskalierende Vietnamkrieg können das Projekt Mondlandung nur kaschieren, der Konsens des Kaufens als Lebensinhalt bekommt erste Risse.

Draper ist wie geschaffen für die Rolle des finsteren Verführers, der der Kundschaft ihre offenen wie geheimen Wünsche diktiert. Er hat während des Koreakrieges eine tödliche Gelegenheit genutzt und die Identität eines anderen Soldaten angenommen, um seiner gewaltgeladenen Herkunftsfamilie zu entkommen. Für ihn ist der Wechsel seines Namens nicht mehr als das Annehmen eines neuen Jobs, Hauptsache mit einer besseren Bezahlung. Die Negation seiner Geschichte geht so weit, dass er seinen jüngeren Bruder, der ihn Jahre später aufspürt und ihn hilfesuchend aufsucht, eiskalt abweist und ihn in den Selbstmord treibt. Diese Brutalität wiederholt sich, als Draper, mittlerweile Partner der Agentur, einen Kollegen so sehr demütigt, dass dieser keinen anderen Ausweg als den Freitod sieht. Für den Don kein Grund, sein Verhalten zu ändern.

Er zeigt sich irritiert, dass die junge Sekretärin Peggy Olsen, die seine Telefonate entgegen nehmen, seinen Alkoholverbrauch kontrollieren und seine Liebschaften vertuschen soll, selbst Ambitionen zum Texten und Konzeptionieren zeigt und sich damit gegen alle Widerstände durchsetzt. Von seiner Gattin Betty in der Vorstadt, die er aus visuellen Gründen geheiratet hat, erwartet er, dass sie seine Mahlzeiten kocht, seine Hemden aus der Reinigung holt und die Kinder ruhigstellt. Auch die anderen Werbemänner legen dieses hegemoniale Verhalten an den Tag. Frauen sind für sie nicht nur Beute, sondern Freiwild; die Anwesenheit einer solchen in ihren Runden mindert ihren pubertären Wortschatz kein bisschen. Es ist jene Zeit, in der ein Mann zunächst ein Playboy sein darf, und die Frau sein Bunny.

Das Gehabe und die Zoten der „Mad men“ mögen den Klang der Zeit treffen, für heutige Ohren und Augen sind sie nur mit einer Mischung aus Verwunderung und Ironie zu ertragen, als wären sie reines Camp. Das gilt auch für den Umgang mit Homosexualität. Ein verkappt lebender Schwuler, der zum Schein geheiratet hat, erfährt an mehreren Stellen Avancen wichtiger Kunden. Als er einem besonders zudringlichen Freier einen Korb gibt, fordert dieser vom Agenturchef erbost seine Entlassung. Und weil es um einen Millionenetat geht, haben die Partner keine Probleme damit, ihren langjährigen Kollegen wie einen en passant geschlagenen Bauern vom Schachbrett zu nehmen. Es sind grausame Szenen wie diese, die den warnenden Hinweis an die Zuschauerinnen vor Beginn der Folge rechtfertigen.

Wege der Läuterung sucht das Publikum der „Mad men“ vergebens. Es gilt, in jeder Situation die Form zu wahren, comme il fault. Dazu gehört es, dass die Frauen die Seitensprünge ihrer Gatten stoisch hinnehmen, weil eine Scheidung noch schlimmer wäre als der fortwährende Betrug. Unter der Hand wird die Serie über die Werbeprofis zu einer Dekonstruktion der Macht. Männer haben sie über Frauen, Weiße haben sie über Schwarze, Städter haben sie über Farmer, stets aus dem gleichen Grund: Sie bekleiden Jobs, die besser bezahlt sind und ihnen alle weiteren gesellschaftlichen Türen öffnen, die jene nur aus der Ferne sehen. Jenen bleiben nur die Fluchten in den Traum: Junge Sekretärinnen lesen den Roman „Lady Chatterley“, ein schwarzer Fahrstuhlführer kauft absichtlich einen Fernseher, der sich an eine weiße Kundschaft richtet. Dass Peggy Olsen, die hartnäckige Texterin und selbst ernannte Karrierefrau, die am Ende zu Drapers Chefin wird, beruflich reüssiert, ist in den 1960er Jahren eine Seltenheit, auch in der vermeintlich liberalen Werbung mit ihrem Kult um Kunst und Kreativität.

Worin liegt der anhaltende Reiz der „Mad men“? Ist es ein Gefühl moralischer Überlegenheit, heute „weiter“ zu sein als damals? Ist es pure Nostalgie, gepaart mit der Freude an Dekor und Ornament? Ist es die Kombination aus heiler Welt, bonbonbunter Unschuld und beginnender Rebellion, die die 1960er Jahre historisch interessant machen? Gegebenenfalls von allem ein wenig. Es geschieht jedenfalls recht selten, dass eine Serie voller Abziehbilder und jeder Menge fieser Charaktere, noch dazu mit einem begrenzten TV-Budget (fast alle Szenen wurde im übertrieben kulissenhaften Studio gedreht, Außenaufnahmen sind rar), Lust auf die nächste Folge macht, auch wenn man schon vier en suite gesehen hat. Vielleicht aber gelingt es dem Produktionsteam einfach, eine verwickelte Geschichte zu erzählen, auf deren Fortgang die Zuschauerin erpicht ist. Dass die Werbung ihr schale Versprechen macht, weiß sie bei jedem Spot. Dass sie diese Versprechen nicht hält, weiß sie bei jedem Kauf. Aber ach, ins Geschäft muss sie ja, der Abendbrottisch deckt sich nicht von selbst. Gäbe es doch dafür eine KI.

Nobel

Give peace a chance – John Lennon

Der Oktober ist der Monat, in dem das zuende gehende Jahr Bilanz zieht. Am besten ablesbar ist es an der Bekanntgabe der Nobelpreise, den höchsten Auszeichnungen, die global in verschiedenen Disziplinen denkbar sind. Sie gehen zurück auf den Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel, der von der zerstörerischen Wirkung des von ihm entwickelten Sprengstoffes so schockiert war, dass er mit der Stiftung seines Vermögens eine moralische Kompensation schaffen wollte. Ausgezeichnet werden sollten seit 1901 Personen und Organisationen, die einen Beitrag zur Befriedung der Welt leisteten.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind weitere Nobelpreise hinzugekommen. Während die Entscheidungen des Komitees zu den Preisträgern in der Medizin, der Chemie und der Physik in aller Regel jene belohnen, die ihr Fach durch bahnbrechende Leistungen nach vorn gebracht und dergestalt das menschliche Leben freundlicher, sicherer und komfortabler gemacht haben, werden im Bereich der Wirtschaftswissenschaften die immergleichen Apologeten einer freien Marktwirtschaft ausgezeichnet. Der Literaturnobelpreis ist sicher derjenige in dieser Reihe, dessen Vergabe am schwierigsten ist. Welche Kriterien taugen, um eine Autorin zu würdigen, und zwar weltweit anerkannt? Vollends grotesk aber wird es bei der Vergabe des Friedensnobelpreises. In diesem Jahr hat sich, peinlich wie zu erwarten, der amtierende US-Präsident selbst vorgeschlagen – gottlob ist das Nobelkomitee in Oslo dieser Erpressung gegenüber standhaft geblieben.

Ein flüchtiger Blick auf die Liste jener, die den Preis in der Vergangenheit bekamen, zeigt die Ambivalenz der Ehrung. 2009 wurde der gerade gewählte US-Präsident Barack Obama ausgezeichnet – für seine wolkigen Ankündigungen, denen zahlreiche Drohnenmorde folgten, auch die Exekution Osama bin Ladens. 1973 bekam der seinerzeitige US-Außenminister Henry Kissinger den Preis – ausgerechnet jener Scharfmacher, der den Vietnamkrieg eskalierte. 2012 wurde mit der EU eine Wirtschaftsgemeinschaft ausgezeichnet, der schlicht die Mittel und der Wille fehlen, um Frieden zu schaffen. Regelrecht albern wurde es im Jahr 2001, als die Vereinten Nationen als Preisträger verkündet wurden – jene informelle Runde, die in ihren Resolutionen dauernd vom Veto eines der ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat blockiert wird. 1994 bekam mit Yasser Arafat ein bekennender Terrorist verzerrten Ruhm und echtes Geld.

Es sind die würdigen Ausnahmen, die den Nobelpreis von der Besudelung durch Grausamkeit, Menschenverachtung und Machtmissbrauch bewahren. Goldrichtig war die Verleihung 1964 an den US-Bürgerrechtler Martin Luther King, ebenso 1983 jene an den polnischen Gewerkschaftler Lech Walesa. Der Sowjetdissident Andrei Sacharow wurde 1975 ebenso zurecht gewürdigt wie die Ordensgründerin Mutter Teresa 1979. Im Jahr 2022 erhielt die mittlerweile verbotene russische Organisation Memorial den Preis für ihre beharrliche Dokumentation der Menschheitsverbrechen des Stalinismus, auch die ganz frühe Vergabe 1905 an die Autorin Bertha von Suttner („Die Waffen nieder!“) setzte das richtige Zeichen. Unterm Strich bleibt die Einsicht, dass der Friedensnobelpreis keinesfalls an Politiker, aktive wie ehemalige, gehen sollte, weil sie stets das Geschäft der Korruption, der Machtausdehnung und eben des Krieges betreiben. Es sind die unerschrockenen Aktivisten, Autoren, Humanisten und Helfer, die ihrem Treiben in den Arm fallen.

Als hätte es noch eines Belegs für diese These bedurft, lieferte der gegenwärtige US-Präsident ihn ungefragt. In gewohnt großmäuliger Manier reklamierte er die diesjährige Auszeichnung für sich – für was eigentlich? Wegen des Prestiges? Wegen der festlich gekleideten Gäste während der Verleihung in Oslo? Weil er vom Frieden in der Ukraine redet und den Iran bombardiert, Grönland annektieren will, das Militär im Inneren gegen Demonstranten einsetzt, das Verteidigungs- in Kriegsministerium umbenennt und Journalisten von seinen Pressekonferenzen ausschließt, die sein Gefasel vom Golf von Amerika nicht übernehmen? Das fünfköpfige Nobelkomitee in Oslo hat sich seiner Mafiadiktion bislang widersetzt und heuer eine defensive Entscheidung für eine venezolanische Oppositionspolitikerin getroffen. Mögen die Juroren standhaft bleiben angesichts des perversen medialen Drucks, den das Weiße Haus auf sie ausübt. Und mag die norwegische Regierung, immerhin ein NATO-Mitgliedsland, das Nobelkomitee nicht auf diplomatischem Wege dazu bewegen, in einem Akt der Unterwerfung den US-Machthaber im Jahr 2026 zu küren.

Zur Geschichte des Friedensnobelpreises gehört seine völlige Wirkungslosigkeit. Natürlich ist die Welt seit seiner Stiftung kein bisschen besser, gerechter, friedlicher und wohnlicher geworden. Hass, Neid, Missgunst und Gewalt sind um kein Jota zurückgegangen; mit alttestamentarischer Unerbittlichkeit gehen weiterhin Völker, Religionen, Nationen und Staaten aufeinander los, stets ausgerüstet mit den jeweils modernsten Waffen und den nur leicht variierten, uralten Rechtfertigungen. Diesen Schmerz muss jeder halbwegs sensible Mensch jeden Tag aushalten beim Lesen der Nachrichten. Und dann mit dem erloschenen Schweigen des Sisyphos den Brocken des Friedens den steilen Hang des Krieges hinaufrollen, im Wissen um die Vergeblichkeit und Unausweichlichkeit dieses Tuns. Politiker stehen bei dieser Übung auf der falschen Seite: Sie wollen, dass das Rauben, Vergewaltigen, Brennen und Morden weiter geht, solange es ihren Interessen dient.

Ein naiver Vorschlag für 2026: Die kanadische Sängerin Buffy Sainte-Marie, Jahrgang 1941, deren Lied „Universal Soldier“ 1965 in der Fassung von Donovan zu einer Antikriegshymne wurde. Sie könnte gleich zwei Nobelpreise einheimsen, den für Frieden und den für Literatur.

Vuelta

Die Vuelta a Espana ist eine der drei großen Rundfahrten im Radsportkalender. Sie findet traditionell im September statt und steht etwas im Schatten des Giro d’Italia und natürlich der Tour de France, die im Mai beziehungsweise im Juli eines Jahres die Radsportfans begeistern. Sportlich gibt es für diese leichte Missachtung keinen Grund. Giro, Tour und Vuelta gehen über 21 Etappen in drei Wochen, die Fahrer legen dabei jeweils über 3.300 Kilometer zurück und müssen ihre schmalen Leiber auf den dünnen Reifen über mächtige Berge quälen. In diesem Jahr steht die Vuelta aus politischen Gründen im Brennpunkt: Sogenannte Aktivisten kaperten im baskischen Bilbao die Strecke sowie den Zielbereich und bedrohten das teilnehmende Team Israel Premier Tech.

Es gibt keine Sportart, bei der die Zuschauer ihren Heroen so nahe kommen wie im Radsport. In Italien, Frankreich und eben jetzt in Spanien führt die Strecke immer wieder durch Dörfer und Städte, am Straßenrand stehen die Leute und feiern jubelnd ein Volksfest. Die allermeisten benehmen sich ordentlich und den Fahrern gegenüber umsichtig und respektvoll, lediglich bei den Bergetappen, bei denen das Tempo nicht bei 50, sondern eher bei 15 Kilometern pro Stunde liegt, drängen die Fans in Scharen auf die Straße und lassen den Rädern nur ein schmales Spalier. Dabei brüllen sie den Fahrern ins Gesicht und schwenken dabei Flaggen, ganz so, als wollten sie wie die Toreros in der Arena die wütenden Stiere reizen. Diesmal ist es in Spanien anders: Ein Meer palästinensischer Fahnen verdeckte im Baskenland alle anderen visuellen Signale, die lautstarken Parolen der Aktivisten übertönten selbst die Lautsprecher der Organisatoren. Das erklärte Ziel: Einen Vernichtungswillen gegen Israel Premier Tech zu äußern, stellvertretend für den Staat Israel. Schaut man in die Fratzen dieser Enthemmten, glaubt man ihnen ihre Morddrohungen gegen die Sportler aufs Wort.

In der ersten Woche der Spanienrundfahrt stellten sich während des Mannschaftszeitfahrens Aktivisten dem Team Israel Premier Tech in den Weg und behinderten so den Wettbewerb. Auf dem Weg nach Bilbao wurde der Prostet so gefährlich, dass die Rennleitung die Etappe um drei Kilometer verkürzte, um zu verhindern, dass das Peloton und der Mob im Ziel aufeinandertreffen konnten. Militante hatten die Absperrgitter im Zielbereich gelockert und machten Anstalten, diese auf die Straße und in das anrasende Feld zu stoßen. Politische Proteste bei Sportveranstaltungen jedweder Art kommen immer wieder vor, auch der Radsport ist davon nicht verschont; so haben vor zwei Jahren Klimaaktivisten versucht, eine Etappe der Tour de France zu stoppen. Dass es aber den Demonstranten gelingt, das Rennen zu manipulieren und seinen Abbruch zu erzwingen, ist ein Novum. Die gewaltsamen Proteste im Zuge des Hamassakers vom Oktober 2023 und des anschließenden Gazakrieges, die man von Berlin über Brüssel bis nach Paris und London zur Genüge kennt, sind nun auch in Bilbao abgekommen.

Die spanische Polizei hat sich nach Kräften bemüht, die Sicherheit der Fahrer und der friedlichen Beobachter zu gewährleisten. Bei einer Freiluftveranstaltung, die während sechs Stunden über 180 und mehr Kilometer durch zig Weiler geht, lässt sich beim besten Willen nicht alles kontrollieren. Das eigentlich Blamable aber ist die Reaktion der Vuelta-Organisation. Diese hat das Team Israel Premier zum Verlassen der Rundfahrt aufgefordert, um weiteren Schaden vom Rennen zu nehmen. Dessen Leitung hat dieses vergiftete Angebot erwartungsgemäß abgelehnt. Sportlich ist dem Team nichts anzulasten, daher der perverse Appell, sich doch von sich aus zurückzuziehen. Es sind jetzt also propalästinensische Gruppen, die diktieren, welche Teams an der sportlichen Konkurrenz teilnehmen dürfen und welche nicht. Und die Organisation des Rennens knickt hilflos vor dem Pöbel ein.

Israel Premier Tech, 2014 als Israel Startup Nation gegründet, wird von einem kanadisch-israelischen Geschäftsmann finanziert. Der viermalige Tour de France-Sieger Chris Froome wurde für viel Geld eingekauft, um der jungen Mannschaft zu Erfolg und Prestige zu verhelfen, er hat allerdings wegen seines fortgeschrittenen Alters und einer schweren Verletzung die in ihn gesteckten Erwartungen nie erfüllt. Die Profis kommen aus Belgien, Deutschland, Neuseeland, Kasachstan, Großbritannien, Lettland, Kanada, Australien, Frankreich und eben Israel. Eine solche internationale Besetzung eines Kaders ist im Radsport die Regel, nicht die Ausnahme. Die Sponsoren sind Unternehmen aus allen möglichen Branchen, vom Getränkehersteller bis zur Bank, vom Einzelhändler bis zum Internetdienstleister.

Aus der Reihe dieser Sponsoren, die sich von ihrem Engagement positive Rückkopplungen für ihr Geschäft versprechen, sticht das 2017 gegründete Team UAE, ebenfalls in Spanien am Start, heraus. Das Akronym steht für United Arabian Emirates, dahinter steckt das unermessliche Geld der Emirate aus dem Ölverkauf. Die Emirate haben vor über zwei Jahrzehnten eine Strategie für die Zeit nach dem Ölreichtum aufgesetzt. Mit architektonischen und städtebaulichen Großprojekten wie dem Burj Khalifa oder den Palm Islands soll die Wüste zwischen Dubai und Abu Dhabi als touristische Destination etabliert werden. Für reiche Geschäftsleute wurden die Steuern gesenkt und die Niederlassungsbedingungen vereinfacht. Mit dem Louvre in Paris wurde eine Kooperation geschlossen, um eine Dependance des Museumskomplexes am Golf zu schaffen. Und jüngst floss eine Menge Kapital aus dem Staatsfonds in das Megathema Künstliche Intelligenz.

Diese Imagekorrektur, zu der auch die Aufstellung eines Rennstalls um Superstar Tadej Pogacar gehört, wird konsequent und professionell betrieben. Allerdings sind die politischen und sozialen Bedingungen in der arabisch-muslimischen Welt, zu denen die Emirate gehören, mindestens heikel. Keine freien Wahlen, Todesstrafe, Gefängnis für Schwule, Frauen als Menschen zweiter Klasse und Christenfeindlichkeit sind nur die schlimmsten Stichworte. Dagegen wurde bei den großen Landesrundfahrten in Europa noch nie protestiert, die willfährigen TV-Kommentatoren sparen diese Themen völlig aus und spinnen die Legende des politisch neutralen und keimfreien Sportes munter weiter. Unter den Profis von UAE ist kein einziger Araber, dem Land fehlt jede sportliche Tradition abseits der Falkenjagd und der Kamelrennen. Mit einem Etat, der zu den größten der Branche zählt, können solche lässlichen Petitessen locker beiseite gewischt werden.

Israel Premier Tech verfolgt eine ähnliche Mission. Das Sportmarketing ist eine feste Größe nicht nur für Unternehmen und korrupte Organisationen wie das IOC und die FIFA, sondern auch für Staaten und Nationen geworden. Israel ist im Gegensatz zu den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Demokratie mit einer unabhängigen Justiz, einer freien Wissenschaft und einer lebendigen, offenen Gesellschaft, sicher keine perfekte Republik, aber liberal und säkular. Das Land erlebt gerade die größte Krise seit seiner Gründung 1948. Umgeben von durchweg feindlich gesinnten arabischen Nachbarn, muss es sich mit dem Terror der vom Iran unterstützten Hamas auseinandersetzen. Und dass dieser Terror und seine Unterstützung sich nicht auf den Nahen Osten beschränken, erleben die von muslimischer Landnahme destabilisierten Länder Mittel- und Westeuropas spätestens seit dem Hamassaker. Importierte Judenfeindschaft in bislang ungekannter Dimension gehört in jenen Ländern zum traurigen Alltag.

Der Islam als aggressiv missionarische Religion, die keine anderen Glaubensrichtungen neben sich duldet, hat in Spanien im Mittelalter eine Blutspur gezogen. Über Nordafrika und das Mittelmeer drängten die Sarazenen auf die iberische Halbinsel und konnten erst nach einer jahrhundertelangen Reconquista im Jahr 1492 mit der Eroberung Granadas zurückgeschlagen werden. Seitdem bezieht Spanien seine Identität auch über den Katholizismus, dessen Stärke eine Reformation wie in Skandinavien nie zuließ. Die verstörenden Bilder, die derzeit aus Spanien in die Welt gehen, zeigen indes, wie fragil die demographische Lage vor Ort mittlerweile ist. Bei aller legitimen Kritik am Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen gehen die gewaltsamen Aktionen speziell gegen das Team Israel Premier Tech über jedes vertretbare Maß hinaus. Es ist beschämend, dass die anderen Rennställe dieses brutale Vorgehen der Krakeeler nicht einhellig zurückweisen und sich mit ihren Kollegen solidarisieren. Dass aber die Organisatoren der Vuelta allen Ernstes die Fahrer des mit Schekel bezahlten Teams aus der laufenden Rundfahrt drängen wollen, ist eine demütigende Geste der Unterwerfung unter die Gewalt des Islam.

Leibesheil

Schrammen sind sexy, Angstschweiß ist es nicht. – Wahrscheinlich Don Draper

Ganze sechzig Mal hat die Erde auf ihrer Umlaufbahn nun die Sonne umrundet, und wir sind noch immer hier. Mit William Shakespeare zu sprechen, belagern sechzig Winter meine Stirn; so lange hält keine Lampe durch, keine Nähmaschine und kein mobiles Telefon. Ein solide gebautes Haus fände sich nach so langer Zeit definitiv in den Jahren wieder und sollte vor einem Verkauf zumindest energetisch saniert werden, je nach Lage. Uns steht, wenn es statistisch optimal läuft, gegebenenfalls noch die Hälfte der bereits gelebten Zeit als Bonus in Aussicht. Wie werden diese Jahre sein, wo verbringen wir sie und mit wem? Wann stehen die Verwüstungen des Alters unter der Tür, und wie schlimm werden sie sein? Liegen genetische oder familiäre Dispositionen für Demenz, Diabetes, Rheuma, Herzinfarkt vor? Da es töricht ist, die Zukunft aus der Vergangenheit erschließen zu wollen, bleibt die schiere Gegenwart. Und ihr allein gilt unser Dank.

60 ist weniger demütigend als 58 oder 59. Es muss an den hohen zweiten Ziffern dieser Zahlen liegen, dass die 60 vergleichsweise unschuldig daherkommt, wohl wegen der 0, die nach Auftakt, Puder und weißem Blatt riecht. So oder so ist dieses Alter eine unwillkommene Gelegenheit, einen Blick zurückzuwerfen und Bilanz zu ziehen. Wir haben auf dieser Wegstrecke durch zum Teil unwegsames, ja unerschlossenes Gelände eine Menge gesehen, etwas genossen, manches nicht verstanden und gottlob vieles vergessen. Doch unsere Trinität, die von klein auf angelegt war und die sich mit dem Wachstum herausgebildet hat, bis sie die heutige Ausdifferenzierung erfuhr, besteht nach wie vor und wird uns auch weiterhin begleiten. Da ist der Leib, der seine Zellen einer Legende der modernen Medizin nach alle sieben Jahre erneuert und der sich dennoch nicht wesentlich wandelt. Er fühlt, wenn die Temperatur zum Duschen genau richtig ist, mit Schmerzen verbindet er Krankheit und Heilungsbedarf, er weiß, wann Oliven auf den Tisch gehören und wann Kirschen. Er beeindruckt durch die scheinbare Alltäglichkeit des Atmens und der Verdauung und schenkt mir die Besinnungslosigkeit des Schlafes. Der Körper hingegen, des Leibes Bruder, ist per se für die Öffentlichkeit gedacht. Er braucht den Raum, den er mit seinesgleichen teilt, er wird zur Zeichenfläche, die es anderen Körpern erleichtert, mit ihm zu kommunizieren. Das Alter, das Geschlecht, vermutlich der soziale Status und ganz sicher die ethnische Herkunft sind ihm unabweisbar eingeschrieben. Der Körper wird gemessen, beurteilt, gepflegt und sanktioniert, teils nach offen liegenden Gesetzen, teils nach impliziten Normen. Der Leib verschlingt die Freuden der Jugend und trägt die Bürde des Alters, der Körper hält beides auf Abstand, mit allem, was die Gesellschaft dafür bereithält. Und das Bewusstsein, das mich in jeder Sekunde „ich“ denken und fühlen sowie manchmal sagen lässt, teilt mit Körper und Leib eine Behausung. Es kann seinen konkreten Ort ändern, mal sitzt es hinter den Augen, mal nahe des Bauchnabels, aber immer unter der Haut.

Was hat dieser Leib nicht alles für mich getan. Geschätzte zwei Milliarden Mal hat das tapfere Herz ohne Pause das sauerstoffreiche Blut über die Arterien in die Muskeln gepumpt und das sauerstoffarme Blut über die Venen zum Ausatmen in die Lunge transportiert. Es wäre zu mühsam, die Zahl der Schritte auszurechnen, die die Füße auf dieser Erde bereits zurückgelegt haben, ihn von einem Ort zum nächsten zu tragen, über Treppenstufen, Waldwege, Pässe, Dschungelpfade, Alleen, Boulevards, Gletscher und Sandstrände. Das Fußgewölbe ist eingesunken, der Orthopäde verschreibt Einlagen, Pumps mit hohen Hacken sind nicht mehr tragbar, halb so wild, seitdem Mokassins zum Hosenanzug auch im Büro akzeptiert werden. Das Knie erweist sich als bleibender Schwachpunkt. Jener Orthopäde, der rege Verordnungen über Orthesen verteilt, plädiert seit Jahren für ein künstliches Gelenk, zu fortgeschritten sei der Schaden durch Arthrose. Ich will den Befund des Röntgenbildes gar nicht anfechten, zumal er sich mit den phasenweise auftretenden Schmerzen deckt. Die Bilder aus dem OP während des Einsatzes eines Gelenkes aus Titan haben das Gegenteil bewirkt: Die letzte Option wird so lange, wie es irgend geht, herausgeschoben, zu viel kann während und nach dem Eingriff schiefgehen, als dass er stürmisch angegangen werden sollte. Die Hüfte ist ein weiterer Gefahrenort meiner Generation, doch hier spüre ich noch keine Beschwerden.

Die Haut ist das größte Organ des Leibes wie des Körpers, sie fungiert als Grenze, Thermostat und Leinwand. Da ich die Anfänge und das Minimale liebe, habe ich mir kein Tattoo stechen lassen, als diese Mode zur Technozeit der 1990er Jahre aufkam. Welch ein Segen, gibt es einen betörenderen Schmuck als eine reine, gepflegte Epidermis? Die großflächigen Tätowierungen auf Armen, Rücken und Beinen, die in den Sommermonaten leider sichtbar werden, gemahnen an Blutergüsse, die Verfaltung und Verfettung der Trägerschichten verzerren die Motive. Kein Alkohol und keine Zigaretten sind die besten Tipps für eine saubere Haut, vegetarische Kost, Grüner Tee, wenig Sonne, regelmäßig Sport und ausreichend Schlaf nicht zu vergessen. Warum halten sich so wenige Menschen an dieses allgemein verfügbare Wissen? Wollen sie es so, fehlt ihnen ein Sinn für Stil und Ästhetik? Dummheit aus Naivität und Gruppenzwang? Egal, die Konsequenzen sind auch von den Ahnungslosen zu tragen. Die Produktion des Kollagen nimmt mit dem Alter sukzessive ab, in der Folge verlieren Haut und die nächste Gewebsschicht an Spannkraft, was besonders an den Oberarmen und am Dekolleté peinlich zu sehen sein kann. Faltenfüllen mit Botox bleibt keine Perspektive, neuerdings kommt eine spezielle Salbe aus der Apotheke zum Einsatz. Vielleicht hilft sie ja.

Mein Markenzeichen ist das Scarfing. Mit gerade 30 Jahren drängte der Krebs in mein Leben. Er nahm mir ein Stück Zunge und zerstörte mit einer opulenten Narbe über dem Schlüsselbein die Symmetrie des Oberleibes. Um an die Lymphknoten im Halsbereich zu gelangen, entfernten die Chirurgen linksseitig Venen, Muskeln, Drüsen und Gewebe, um einer Metastasenbildung Vorschub zu leisten. Dieses Ziel wurde im Verbund mit postoperativer Bestrahlung erreicht, medizinisch gelte ich nun 30 Jahre später als geheilt. Kein Maß jedoch halte ich in Händen, um die visuelle Beschämung zu ermessen, die durch die lila Narbe an prominenter Stelle auftritt. Ein halbierter Hals, ein verbranntes Stück Haut, ein fettes Keloid auf dem Kehlkopf – dass diese Kombination Menschen auf Distanz hält, ist nachvollziehbar, allein, weil es von den so Stigmatisierten so wenige gibt, ähnlich den Contergan-Überlebenden. Meine Halsbeweglichkeit ist eingeschränkt: Ich kann den Kopf nur angedeutet nach rechts drehen, weil es links keinen Muskel gibt, der die Rotation der Halswirbelsäule ausführen könnte. Adaptiv wie ich bin, atme ich beim Kraulen stets senkrecht ins Wasser aus und den Kopf hebend zur linken Seite ein. Schief hat es den Torso nicht gemacht, Arme, Beine und Bauchmuskeln arbeiten synchron und wechselseitig. Im Wasser kann ich mich nun entlang der Schädeldecke, der Fersen und der Lendenwirbel orientieren, im Hirn setze ich ihre Meldungen um in ein Abbild des Raumes, in dem ich mich bewege.

Ich mag es am Sommer, barfuß über die Dielen meiner Wohnung zu gehen und des nachts nackt im Doppelbett zu liegen. Es gehört zur Morgenroutine, mich nach dem Aufstehen, noch in den Fängen der Träume, in voller Größe im Spiegel zu mustern. Ich danke mir für den milderen, liebevolleren Blick, den ich meinem Leibe mittlerweile habe angedeihen lassen. Er ist weit weg von den eisernen Normen, nach denen Frauen geschätzt und klassifiziert werden. Er ist ein Zu-Leib: Er ist hier zu groß, dort zu klein, an dieser Stelle zu rund, an jener Partie zu scharf und in der Summe zu wenig sowie zu viel zugleich. Zumindest scheint er mir so, wenn ich mit meinen werbeverdorbenen Augen auf ihn blicke und ihn mit anderen Frauen vergleiche. Liege ich am Strand oder wandere ich in den Bergen, habe ich Freude an der wärmenden Sonne oder der meditativen Bewegung und kann von der Umgebung abstrahieren. Der Leib als Ganzes ist es, der mir behagt, wo ich mich daheim fühle, der für sich sorgen kann und mich damit beglückt. Körper und Bewusstsein haben ihren Anteil daran.

Nach einer mehr oder weniger friedlichen Kindheit mit Schwimmenlernen, Fahrradfahren, Reisen und Versteckenspielen brach die Katastrophe in Form der Pubertät im Leibe aus. Er wurde von Testosteron überschwemmt und chronisch vergiftet, ein wildes Tier erwachte zwischen den Lenden und gierte nach Fleisch, brüllend und mit schwefligem Atem. Das Bewusstsein riet verzweifelt zum Wegsehen, zum Beten, zum Schachspielen, zu Marcel Proust, kurz, zu allem, was irgend geeignet war, den Zumutungen des Männlichen zu entgehen. Der Körper wurde verfrüht auf die Bühne geschubst, kein Kostüm wollte passen, keine Rolle vom Tanzkurs über das Besäufnis als Initiation bis zum Rasen auf dem Motorrad schien geeignet, mein Ort war die Kulisse, aus der ich das sinnliche Treiben meiner Jahrgangsstufe verfolgen konnte, ohne daran beteiligt zu sein. Dieser intuitive Schutz durch Beobachtung hat mir oft geholfen und ist noch heute Teil meines Repertoires, das Leben zu leben, ohne in Konflikte zu geraten.

Der Krebs war ein Schicksal, die Geschlechtsangleichung unausweichlich – beides, ohne dass es eine Wahl gegeben hätte. Die erste Östrogenspritze kurz vor dem 24. Geburtstag war nichts weniger als ein Segen, ein Vorgriff auf die Erlösung. Die zwanghafte Unruhe, die den Leib gemartert hatte, verschwand, Sprunghaftigkeit und Aggressivität fielen von mir ab wie Schorf von einer sich schließenden Wunde. Der Bocksgeruch verflog zugunsten eines Lilienduftes, der primatenhafte Haarwuchs an Waden, Brust und Ellbogen verschwand, der Zitteraal im Schritt schnurrte zusammen. Jetzt nach 36 Jahren kann ich uneingeschränkt sagen, wie einzig und wie richtig diese nachholende Rückkehr zur Frau gewesen ist, ohne damals auch nur zu ahnen, welche Veränderungen mich erwarteten. Natürlich hat dieses Leben seinen Preis. Eine berufliche Karriere etwa als Anwalt oder als Architekt war damit passé, auch die Gründung einer Familie kam nicht länger in Frage. Doch stelle ich diesem Phantomschmerz die Genugtuung an die Seite, den Berg nicht nur erklommen zu haben, um von dort aus das Gelobte Land zu sehen, sondern um jenseits der Baumgrenze weiterleben zu dürfen.

Nach dem einschneidenden Erlebnis, das mit einem neuen Vornamen einherging – welcher erwachsene Mensch bekommt die Gelegenheit, sich den eigenen Namen auszusuchen? – blickte ich auf meinen anderen, veränderten, ja, gänzlich neuen Körper. Die Welt um mich herum war weiterhin geschlechtlich codiert, männlich und weiblich verhielten sich so komplementär wie oppositionell zueinander, tertium non datur. Bisher war ich mit einer Tarnkappe auf der Bühne unterwegs, nun in einer Robe. Instinktiv wurde mir klar, dass an Frauen andere Erwartungen gelegt werden als an Männer, dass sich ihr sozialer Raum anders bemisst als jener der Männer. Aber wie genau ich mich nun zu verhalten hatte, verstand ich erst nach einer Reihe von Aufführungen, egal wie gut das Drehbuch war, wie wohlwollend das Ensemble, wie einfühlsam der Regisseur und wie geduldig das Publikum. Jede Toilette, jeder Salon, jedes Kaufhaus und jeder Club formulieren Erwartungen und Zumutungen an Männer wie an Frauen; erst recht tun es Reisen in außereuropäische Kulturen mit eigenen Kleidervorschriften. Die meisten genügen ihnen von klein auf, einige wenige müssen Wortschatz und Grammatik dieser Sprache der Körper im Erwachsenenalter nachholen. Und im Rahmen dieses sozialen Prozesses werden die Automatismen, Verhaltensweisen und Einstellungen, die sich aus dem genetischen Programm der leiblichen DNS ergeben sollen, peu à peu unterlaufen und auf der Ebene des Körpers überschrieben, wie bei einem Palimpsest.

Ich liege neben meinem Liebhaber, mein Gesicht ruht auf seiner Brust, mein Arm umfasst seine Taille, ich inhaliere seinen Achselruch. Er ist noch benebelt, sein Dünsten zeugt von seiner tiefen Zufriedenheit an. Als ich meine Beine öffne und meinen rechten Schenkel über seinem kreuze, merke ich, dass meine Scham verklebt ist. Ich musste mich nie mit Fragen der Verhütung beschäftigen, mein jetziges Alter braucht hierauf sowieso keine Antwort. Ich betaste seinen Bizeps, den er mir zuliebe im Halbschlaf anspannt, weil er weiß, wie sehr ich es mag. Sein Griff ist fest, sein Blick klar und ruhig, er weiß, was er will und wie er es bekommt. Er füllt mich aus, ohne mir zu weh zu tun; ich stehe auf sein Japsen und Stöhnen, wenn er in mir kommt. Neulich hat mich eine junge Frau im Hof interessiert gemustert und zwinkernd gegrüßt; vermutlich wusste sie nun, welche Frau letzte Nacht so willig geschrien hatte.

Ich rolle mich aus dem Bett, ich muss mich für das Büro fertigmachen. Unter der Dusche betaste ich meine Brüste, die zwar die Größe von Mückenstichen haben, aber trotzdem zum Krebsziel werden können; alle zwei Jahre werde ich zur Mammographie bei der Frauenärztin eingeladen. Ich seife meinen schlanken Körper ein und schmunzle, als ich beim Schamhaar ankomme. Er hat mir gesagt, er möge es sehr, dass ich die Haare länger trüge. Ich brauchte einen Moment, um zu kapieren, dass er nicht meinen Scheitel meinte; halbwegs nüchtern erwiderte ich, dass ich schließlich kein kleines Mädchen sei. Nach dem Frottieren gebe ich mir eine Prise Talkum unter die Achseln, was besser wirkt als jedes Deo. Ich komme zurück ins Schlafzimmer, gebe ihm einen Kuss in den Nacken und ziehe mich an. Mein Calida passt genau, er zwickt nicht, kneift nirgendwo und hält, ohne zu pressen. Die perfekte Geschenkverpackung. Der Slip dazu ist schwarz, das taillenverstärkte weiße Leibchen formt ein wenig. Ins Schwimmbad gehe ich nicht im Bikini, sondern im Badeanzug, er schummelt mir Volumen und Rundungen.

Ich entscheide mich für ein rotes Etuikleid. Er wird rechtzeitig wach, um mir den Reißverschluss im Rücken zuzuziehen. Diese so alltägliche wie intime Geste macht mich so an, dass ich kurz davor bin, mich umzudrehen und mich auf ihn zu werfen. Ich beherrsche mich und stehe auf, ziehe das Kleid in Form und schlüpfe in die weißen Sneakers, die nach Regatta aussehen. Ich zupfe meine Haare im Spiegel über der Kommode zurecht und sehe, dass er mich dabei beobachtet, den Mund zu einem willigen Grinsen verzogen. Ich zwinkere ihm zu und ziehe meine vollen Lippen in Karmesin nach, heute bin ich ein Ausrufezeichen. Ich stecke mir zwei Bernsteinkugeln in die Ohrläppchen und lege eine Perlenkette um den lädierten Hals. Ich mustere mich von verschiedenen Seiten und gefalle mir sehr. Als er dann noch sagt, wie großartig ich aussehe und mir einen anerkennenden Klaps auf den Po gibt, will ich vor Freude heulen – dass ich dieses Glück haben darf.

Mein Leib gehört mir, mein Freund darf ihn besuchen, mein Körper aber geht raus in die Welt. Als ich an der Ampel warte, hupt ein Autofahrer und linst eindeutig zu mir herüber. Dieses Catcalling ist stets aufs Neue widerlich, ich habe mühsam gelernt, darüber hinwegzusehen, wenn auch mit Wut im Bauch. Beim Kreuzen der Straße mustert mich eine jüngere Frau gleicher Größe, wahrscheinlich als vergiftetes Kompliment gemeint. Ich bin ein öffentliches Wesen, das die Plätze, Straßen und Bahnen benutzt, um seiner Wege zu gehen und seinen Pflichten nachzukommen. An die Präsentation dieses Körpers werden konkrete Erwartungen angelegt: Ich darf nicht nackt sein, ich gehe besser vorwärts als rückwärts, ich remple Entgegenkommende nicht an, ich drängle mich in der Schlange nicht vor, ich signalisiere lächelnd Harmlosigkeit, ich schreie nicht rum und lache nicht laut, ich trage Frisur und bin dezent geschminkt, ich bin auf dem Stand der letzten Mode, ich halte einer Mutter mit Kinderwagen die Ladentür auf, ich senke die Augen, wenn ein Mann in meine Richtung blickt. Die Tiefe meiner Falten wird genauso registriert wie die Tönung meiner Haare, die Größe meiner Brüste, der Saum meines Kleides und die Länge meiner Fingernägel. Die Parfumerie gilt als mein natürliches Habitat, im Baumarkt werde ich beäugt, auf dem Spielplatz werde ich vermisst, allein in einer Bar werde ich als Escort taxiert.

Kein Mädchen weiß, wie es sich anfühlt, als Frau zu leben, bevor es eine geworden ist. Das gilt erst recht für Frauen mit Transitionshintergrund, wie ich eine bin. Im Gegensatz zu den Mädchen habe ich zusätzlich die Aufgabe, die Erinnerung an ein Jungenleben verblassen und im günstigsten Fall vergehen zu lassen. Dabei helfen mir Leib und Körper. Der Leib, der mich immer wieder positiv überrascht mit seiner Fähigkeit zur Bewahrung wie zur Erneuerung, zur Heilung wie zur Askese. Er nimmt sich das Richtige und kann das Giftige rechtzeitig erkennen und aussortieren. Er verzichtet auf Fleisch, liebt das Meer und den Wald, steht gern früh auf und fastet im Advent und vor Ostern. Er erfreut sich der Genüsse, die er bietet, er geht auf in der Rolle als Honigstreifen, den rauen Bären den Verstand zu rauben. Ich creme ihn täglich ein, schicke ihn zur Vorsorge in die Praxis und lasse ihn täglich Gymnastik machen, damit ich auch morgen ohne Ächzen das Bett verlassen kann.

Wer konnte ahnen, dass ich dereinst Männer lieben würde? Mit den lesbischen Beziehungen in den Jahren nach der Transition war ich zufrieden, ja, glücklich, seinerzeit annehmend, dass es dabei bleiben werde. Ich musste erst reif und erwachsen werden, um das Attraktive eines maskulinen Körpers zu erkennen und zuzulassen. Erst musste ich mich weit genug vom männlichen Leibe entfernen, um ihn als den Anderen, den Fremden begehren zu können. Dies erklärt auch, warum dezidiert schwule Begegnungen im jungen Erwachsenenalter das Falsche waren – ich war schlicht nicht Frau genug. Aber Gott der Allmächtige hat mir die Zeit geschenkt, diese Erfahrungen zu machen, sie nachzuholen und sie in mein Leben zu integrieren – Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Zu dieser Kenntnis gehört es auch, den eigenen Körper als potentielles Risiko für den eigenen Leib zu begreifen, so paradox das klingen mag. Frauenkörper sind ein tendentiell öffentliches Gut, und jede Frau lernt, Situationen zu vermeiden, in denen es für sie gefährlich werden könnte: Abends U-Bahn zu fahren, im Dunkel im Park zu joggen, sich mit dem neuen Date beim ersten Mal in dessen Wohnung zu treffen.

Ich werde jenen Tag nie vergessen, als ich die erste Depotspritze in den Gesäßmuskel bekam und das Gegengift des Östrogens zu wirken begann. Im Jahr meiner Geburt endete das II. Vatikanum, starb Le Corbusier, bekam Nelly Sachs den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, debattierte der Deutsche Bundestag über die Verjährung der NS-Verbrechen. Im Jahr meiner Heilung bekam Polen den ersten Nichtkommunisten als Ministerpräsidenten, wurde der Autor Salman Rushdie vom Iran mit einer Fatwa belegt, protestierten etwa zwei Millionen Menschen in Estland, Lettland und Litauen für die Freiheit ihrer Länder, fiel die Berliner Mauer. In diesem Auf und Ab einer Welt in Bewegung und Aufruhr bekam ich unversehens eine zweite Chance. Ich empfinde es als zutiefst stimmig, dass sich mein Frauwerden praktisch in jenem Zeittraum vollzog, als der Kommunismus zusammenbrach und die UdSSR Geschichte wurde, als das Falsche, die Lüge und der Zwang abtraten und Platz machten für das Bessere, das Schöne, die Freiheit. Auf dieser Epochenschwelle meines Landes und meines Kontinentes begann mein neues Leben.

Ich habe anfangs gezögert, als mein Freund ein Bild von mir aus Teenietagen sehen wollte. Schließlich habe ich ihm meinen behelfsmäßigen Personalausweis gezeigt, den ich aus Gründen der Nostalgie aufgehoben habe. Das Antlitz mit den Aknegruben, die kurzen Haare, die schwere Lederjacke, die eckige Brille, vor allem der Vorname unter dem Foto stören mich nicht mehr, sie gelten nicht mir, sondern einem Verblichenen. Er nahm den Ausweis, blätterte in dem kartonierten Heftchen und schmunzelte, als er beim Bild angekommen war. Er sieht aus wie Dein kleiner Bruder, war sein Kommentar. Ich habe ihn schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, er ist verschollen, antwortete ich halb ernst, halb neckisch. Egal, Hauptsache Du bist hier, schloss er. Ich rieb meine Stirn an seiner, strich ihm mit dem Daumen über die unrasierte Wange und küsste ihn zart auf den Mund. Das Wissen um meine Vergangenheit schien ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken. Er strich mir mit der Hand die Schenkel empor und fuhr mir sanft unter den Rock. Ich löste mich aus der Umarmung und legte mich rücklings auf das Bett, selig, dass er genau das vorfinden würde, wonach es ihn verlangte.

Wann immer ich auf dem Sterbebett liegen und dem Tod als letztem Gast ins Auge sehen werde: Ich werde nicht verzagen, werde nicht bereuen, werde mir nicht vorwerfen, hätte ich doch jemals … Ich bin eine anfangs falsch eingetopfte Pflanze, die nachträglich ans richtige Ufer gesetzt wurde und mittlerweile im passenden Ökosystem Wurzeln geschlagen hat. In der Totalen lassen sich im unteren Drittel des Stammes Narben und Verwachsungen erkennen, die Äste darüber sind fest und ausladend, das Blätterdach voll und grün, die Früchte reif zum Pflücken. Ich danke meinem Leib, dass seine Vitalfunktionen so lange und so verlässlich durchgehalten haben – mögen sie es ungefragt weiter tun, ich vertraue seiner Intelligenz und achte seine Bedürfnisse. Ich liebe meinen Körper, der sich in der komplexen Welt zu behaupten weiß und sich einzufügen vermag in Vertraulichkeiten, Kollektive, Beziehungen. Er ist der Beginn des Gesprächs, er ist die Verbindung zu den anderen Menschen, den Geliebten und den Erduldeten. Als Scharnier zwischen beiden dient das Bewusstsein, das „ich“ sagt und alle drei meint. Wir sind dankbar für das Erreichte und wünschen uns weitere Tage der Freuden. Für heute gönne ich mir den Rausch einer afghanischen Schönheit, die meinen Leib wärmt und entspannt, meinen Körper erregt und mein Bewusstsein träumen lässt. Das ist eine aufgeräumte Stimmung, um vor meinen Schöpfer zu treten. Wenn ich es nicht vergesse, werde ich ihn im Moment des Übergangs fragen, warum er gerade mir dieses Schicksal zugedacht habe. Konnte er sich so sicher sein, dass ich es schon hinbekommen würde? Sei’s drum, Zeit, Geld, Mühe und Ausdauer waren gut investiert.

August

Zuende geht der milde Zwischenmonat
Kastanien und Eichen schütteln sich
Die Sommerwärme im Gestein auf Vorrat
Gedenken an den Tag der früher wich

Früh morgens grüßen Dunkelheit und Kühle
Der Rasen feucht die Blätter leicht verfärbt
Im Freibad freuen Körper sich und Seele
Das Bahnenziehen schon als Kind geerbt

Im Obstkorb Beeren Feigen Aprikosen
Die Haut gebräunt das Kleid noch ärmelfrei
Die Draußenzeit verringert sich in Dosen
Das Mückenstechen ist gottlob vorbei

Die Alten zieht es in der Arbeit Mühle
Die Kleinen stolpern erstmals in die Schule