Gemini

Philosophie ist Kommunikation aus Freude an der Sache selbst. – Niklas Luhmann, Soziale Systeme

Eine Entscheidung ist eine Selektion: Grüner Tee oder schwarzer Kaffee, Pinarello oder SUV, Aktien oder Bausparvertrag. Vor einer Entscheidung bestehen Optionen, nach einer Entscheidung tritt die Verantwortung hierfür hervor. Ob eine Entscheidung richtig ist, lässt sich erst in Nachhinein beurteilen, wenn sich die Umstände geändert haben. So gesehen, ist jede Entscheidung mit einem Risiko behaftet – bleibe ich beim Alten, Gewohnten, Vertrauten, so lästig und quälend es sich zeigen mag, oder öffne ich die Tür und gebe mich dem Neuen, Unbekannten, Verheißungsvollen hin. Chance ist ein ähnliches Wort wie Risiko, ihre beziehungsweise seine Verwirklichung liegt in der Zukunft, über die in der Gegenwart entschieden wird. Mindestens wird die Unsicherheit der Optionen beseitigt.

Große Sprachmodelle à la Gemini erzeugen bei ihren Anwenderinnen kognitive Schulden. Diese Chatbots suggerieren der Nutzerin, auf ihrem Telefon mit einem Menschen zu kommunizieren. Rein optisch besteht kein Unterschied zwischen der Interaktion mit einem KI-Modell und einem Chat auf Telegram oder Signal. Dass die Sprachmodelle Namen bekommen, die man Kindern geben könnte, verringert den emotionalen Abstand zu ihnen. Je nach dem, welche Fragen man ihnen stellt, servieren sie mundgerechte Antworten. Das kann Fachwissen sein, vorgetragen mit akademischer Souveränität; das kann empathisch klingen, als hörte man einer Sozialarbeiterin zu; auch ein Ton des Augenzwinkerns geht, wenn die Frage ironisch gestellt war; schließlich Intimität, als läge man zu zweit im Bett. Als nächste Stufe der KI-Entwicklung wird die agentische KI angepriesen. Dann recherchiert das System nicht nur Flüge mit der Finnair nach Helsinki, sondern bucht diese auch verbindlich, wenn die Nutzerin den Zugriff auf ihre Bankkapp erlaubt.

Kein Wunder, dass Menschen mittlerweile die KI-Lösung auf ihrem Telefon als Mischung aus Coach, Freundin und Butler betrachten, an die sie ihr Leben delegieren, soweit es Entscheidungen betrifft, für die sie die Verantwortung scheuen. Wenn es um die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten geht, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Kriterien: Zeitlich, wie lange kann mit der Entscheidung gewartet werden; sozial, wer ist von den Folgen der Entscheidung betroffen; ökonomisch, welche Kosten zieht die Entscheidung nach sich; emotional, wie groß ist der Druck, optieren zu müssen; fachlich, liegen die wichtigen Informationen für eine begründete Wahl vor. Diese Herausforderung kann man rational und intuitiv angehen. Die einen machen Listen mit Pro und Contra, die anderen gehorchen ihrem Inneren. Je länger das Schwanken zwischen diesen beiden Polen, desto größer gegebenenfalls die Unzufriedenheit nach getroffener Wahl.

Der aktuelle Chef mag tückisch sein, misstrauisch, sprunghaft und undankbar. Dafür ist er großzügig, was die Möglichkeit der Arbeit im Heimbüro angeht; die Bezahlung ist der erbrachten Leistung angemessen, das Themenfeld wird seit Jahren beackert und ist emergent, es dehnt sich also mit wachsender Beschäftigung in der Tiefe aus. Die mögliche neue Chefin hat den Ruf, schwierig zu sein; ihre Launen sind nur gerüchteweise bekannt. Ob sie sich im Konfliktfall fair verhalten wird, ist nicht ausgemacht. Gegenwärtig steht das Büro der Referentin weitgehend allein zur Verfügung, sie kann sich so organisieren, wie es ihrer Stimmung und ihrem Tempo entspricht; das Zusammenspiel mit den möglichen neuen Kollegen auf engem Raum ist nur zu mutmaßen. Der jetzige Chef agiert intrigant, die eventuell kommende Chefin wahrscheinlich auch; das semikriminelle Milieu des Politikbetriebes macht es unvermeidlich.

Der Wechsel des Büros kann auf die Sonnenseite führen, aber auch in den Schatten. Das Aufkündigen eines laufenden Arbeitsverhältnisses kann als Schritt der Tat und der Zuversicht gewertet werden, kann aber ebenso als Illoyalität interpretiert werden, zu vermuten in einem Tendenzbetrieb, der auf Beziehungen und Abhängigkeiten fußt. Auf die Liste des Für und des Wider gehört die Frage nach dem Leidensdruck und den Erwartungen, im Kern ist es die Frage nach der Einflussnahme auf die Situation, so wie sie entstanden und nun gegeben ist. Sich hier den Rat von Vertrauten und Freunden zu holen, kann bei der Entscheidungsfindung helfen, so wie in Blick in den Spiegel bei der Wahl der Garderobe. Am Ende wird die Wahl zugunsten der Einen und zuungunsten der Anderen eine solche des Gefühles sein, die man durch Argumente zu rationalisieren trachtet. Das ist solange kein Problem, wie man diese Wahl selbst trifft. Auch das Aufschieben einer Entscheidung ist eine Entscheidung, sie wird dann nur von anderen getroffen.

Zypern

Frauen haben kein Interesse am Schach, weil ihnen der unbewusste Wunsch fehlt, ihren Vater zu töten. – Reuben Fine, Psychoanalytiker und Schachspieler

Zypern im östlichen Mittelmeer ist eine unter Europäern, Russen, Israelis und zunehmend Chinesen beliebte Urlaubsdestination. Ungeachtet der Teilung der Insel seit 1974 in einen nördlichen türkischen und einen südlichen griechischen Teil ist das Land mit einer Republik als Staatsform Mitglied der EU, der NATO und des Euroraumes. Gegenwärtig finden auf der Insel der Aphrodite die Schachturniere des Jahres statt. Acht Schachspieler und acht Schachspielerinnen kämpfen um das Recht, den amtierenden Weltmeister sowie die amtierende Weltmeisterin herauszufordern. Das sogenannte Kandidatenturnier, veranstaltet vom Weltschachbund FIDE und finanziert vom Zahlungsdienstleister Freedom Holding Corporation, der auf Zypern seinen Firmensitz hat, geht noch bis Mitte April.

In den Tagen vor Turnierbeginn Ende März stand der Austragungsort Zypern wegen des israelisch-amerikanischen Krieges gegen den Iran auf der Kippe. Die Schließung des Luftraums über mehreren Ländern im Nahen Osten und der Bombardierung der internationalen Drehkreuze in den Vereinigten Arabischen Emiraten stellten die Aktiven aus Asien vor große Reiseschwierigkeiten. Ein deutsch-israelischer Unternehmer, der sich als Mäzen des Schachs versteht, bot gar an, das Kandidatenturnier kurzfristig nach Düsseldorf zu verlegen; es blieb dann aber bei der lange im Voraus geplanten Ausrichtung in einem zypriotischen Luxusresort. Die indische Großmeisterin Humpy Koneru allerdings zog ihre Teilnahme am Kandidatinnenturnier wenige Tage vor Beginn wegen Sicherheitsbedenken zurück, für sie rückte Anna Muzychuk aus der Ukraine nach.

Am heutigen Ostermontag ruht der Turnierbetrieb, der erste Umgang ist gespielt. Bei den Männern kann man bereits von einer Vorentscheidung sprechen. Javokhir Sindarov (Usbekistan) hat nur zweimal remisiert, aber fünfmal gewonnen und liegt mit 6 (!) Punkten einsam an der Spitze, der zweitplatzierte Fabiano Caruana (USA), der das direkte Duell verloren hat, kommt bloß auf 4,5 Punkte. Die nächsten Spieler Anish Giri (Niederlande) und Praggnanandhaa Rameshbabu (Indien) kommen auf 3,5 Punkte und haben damit ernüchternde 2,5 Punkte Rückstand auf den Führenden. Hikaru Nakamura (USA), nach Elo-Punkten die Nummer 2 der Weltrangliste, hat eine enttäuschende erste Turnierhälfte gespielt, ebenso wie der junge Chinese Wei Yi, der immerhin schon eine Partie gewonnen hat. Der deutsche Matthias Bluebaum, der eloschwächste Teilnehmer, hält sich achtbar in diesem Klassefeld und konnte gegen Sindarov gar remisieren. Der junge Russe Andrey Esipenko, der unter der FIDE-Flagge antritt, liegt abgeschlagen am Ende der Konkurrenz.

Bei den Frauen, die gemeinsam mit den Männern im selben Spielsaal sitzen, liegt das Feld zur Halbzeit des doppelrundigen Turniers viel enger beisammen. Anna Muzychuk führt mit 4,5 Punkten aus 7 Partien die Tabelle an, vor Vaishali Rameshbabu (Indien, die Schwester von Praggnanandhaa) mit 4 Punkten. Mit Zhu Jiner (China), Aleksandra Goryachkina (Russland beziehungsweise FIDE), Kateryna Lagno (ebenfalls Russland beziehungsweise FIDE) und Divya Deshmukh (Indien) weisen gleich vier Spielerinnen 3,5 Punkte auf und haben somit realistische Chancen, im zweiten Umgang in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen. Die Kasachin Bibisara Assaubayeva, privat mit Javokhir Sindarov liiert, wäre von ihrer Elozahl höher einzustufen, als es der aktuelle 7. Rang ausgibt. Tan Zhongyi aus China, ehemalige Championesse, erlebt einen katastrophalen Wettbewerb und trägt ohne einen einzigen Sieg die rote Laterne.

Bei Schachturnieren, die nach Geschlechtern getrennt sind, spielen die Frauen in der Regel mehr entschiedene Partien, während sich die Männer eher eine friedliche Punkteteilung gönnen. Auf Zypern kehren sich die Verhältnisse um, wenn auch nur leicht. Bei den Männern wurden bisher elf Partien entschieden, bei den Frauen waren es deren zehn. Das liegt zum einen am sagenhaften Schach, das der junge Sindarov spielt, zum anderen am Risiko, das alle Spieler einzugehen gezwungen sind, weil sich beim Kandidatenturnier nur einer für das WM-Match qualifizieren kann. Wenn der junge Usbeke weiter so gut vorbereitet ist und so klar und zwingend spielt, wird ihm der Sieg und damit die Auseinandersetzung mit dem Titelträger Gukesh Dommaraju (Indien) nicht mehr zu nehmen sein. Bei den Frauen ist die Sache noch offen. Aleksandra Goryachkina, die bereits 2020 ein Match gegen die Chinesin Ju Wenjun spielte und nur knapp verlor, hat bisher nur remisiert. Wenn sie im zweiten Umgang den Druck erhöht, hat sie es in der Hand, als Erste durchs Ziel zu gehen.

Auch wenn das Kandidaten- und das Kandidatinnenturnier zur selben Zeit am selben Ort stattfinden und damit eine ungeteilte Aufmerksamkeit in den Medien garantieren: Eine Ungleichbehandlung lässt sich an zwei Punkten festmachen. Bei den Männern geht es um ein Preisgeld von insgesamt 700.000 Euro, von denen der Sieger 70.000 Euro bekommt, der Zweite 45.000 Euro, der Dritte noch 25.000 Euro. Zusätzlich erhält jeder Spieler für jeden erzielten halben Punkt 5.000 Euro. Bei den Frauen werden lediglich insgesamt 300.000 Euro an Preisgeld ausgeschüttet. Die Siegerin kann mit 28.000 Euro rechnen, die Zweite mit 17.000 Euro und die Dritte mit 8.600 Euro. Jeder halbe Punkt für jede Spielerin wird mit weiteren 2.200 Euro vergütet.

Auch bei der Zeitnahme ergeben sich auffällige Differenzen. So haben die Männer für die ersten 40 Züge 120 Minuten Zeit. Danach gibt es eine halbe Stunde für den Rest der Partie, ergänzt um einen Zuschlag von 30 Sekunden pro Zug, beginnend ab Zug 41. Die Frauen hingegen müssen die ersten 40 Züge in 90 Minuten absolvieren, danach erhalten sie weitere 30 Minuten bis zum Partieende. Allerdings bekommen sie einen Zuschlag von 30 Sekunden pro Zug bereits vom ersten Zug an. Warum Männer und Frauen sowohl beim Preisgeld als auch bei der Zeitnahme unterschiedlich behandelt werden, behält die FIDE für sich. Gegebenenfalls kann sich die Zuschauerin mit dieser Frage über den Livechat zu den Partien an den großartigen Kommentator Peter Svidler wenden. Der mittlerweile in Israel lebende Russe spricht nicht nur ein makelloses Oxfordenglisch, er ist auch bestens über alle Tiefen und Untiefen des modernen Schachs informiert und wird mit seinem Wissen nicht geizen.

Kostüm

Vor Gericht geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um ein Urteil. – Erstsemesterwitz an der Juristischen Fakultät

Die ältesten religiösen Texte, die die Menschheit kennt, sind voller Vorschriften über das richtige und falsche Handeln, gegenüber Gott und gegenüber den Menschen. Die Bücher Levitikus und Numeri, im Judentum Teil der Thora, im Christentum Teil des Pentateuch, geben dem Volk Israel strenge Gesetze und legen auch die Strafen für deren Übertretung fest; der Tradition nach stammen sie von Gott selbst und werden durch Mose dem Volk übermittelt. In der Passion Christi treten dann geistliche und weltliche Herrschaft auseinander: Der römische Statthalter Pilatus verurteilt auf Drängen der jüdischen Hohepriester Jesus zum Tod am Kreuz, hingerichtet wird er auf Golgatha von den Soldaten der Besatzer. Mit Beginn der Moderne quillt das Recht allein aus der Welt der Menschen, sie geben sich Verfassungen, Gesetzbücher und Prozessordnungen und begründen die Rechtsprechung aus sich selbst heraus.

Der Gerichtsfilm hat sich als Untergenre des Kriminalfilms fest etabliert in der europäischen und US-amerikanischen Popkultur. Das Muster ist hier wie da das Selbe: Ein Mensch übertritt absichtlich die Gesetze und wird kriminell, damit stört er die menschengemachte Ordnung und erschüttert das Vertrauen der Bürger ineinander. Ein entschlossener Detektiv, Kommissar oder Richter untersucht den Fall, deutet Spuren, zieht Schlüsse, überführt den Verbrecher und sorgt für eine angemessene Bestrafung – so werden die Normen wieder hergestellt, der Riss der Gesellschaft wird geschlossen, die Zuschauer erfahren eine wohlige Läuterung. In diesem Milieu der professionell Guten, die gegen die willkürlich Bösen kämpfen, ist die US-amerikanische TV-Serie „Suits“ angesiedelt, gedreht in den Obama-Jahren, vor zehn Jahren bei Netflix zu sehen und derzeit in der ZDF-Mediathek zu verfolgen.

Schauplatz von „Suits“ ist die fiktive wie renommierte Wirtschaftskanzlei Pearson Hardman in Manhattan. Deren Partner Harvey Specter ist der Fixstern am New Yorker Anwaltshimmel, der jeden Prozess gewinnt und außergerichtliche Vergleiche in verfahrenen Situationen erreicht. Eher aus Versehen stellt er Mike Ross ein, der sein Geld als Fahrradkurier verdient und mit seinem Mitbewohner regelmäßig kifft. Er hat das College ohne Abschluss verlassen, weil er die Ergebnisse eines Testes an die Tochter des Dekans verkaufte; seinen Traum vom Jurastudium musste er somit begraben. Sein fotografisches Gedächtnis macht ihm jegliches Lernen leicht, seine Hochbegabung lässt ihn jede noch so schwere Prüfung ohne weiteres bestehen. Harvey Specter weiß um die turbulente Vergangenheit Mike Ross‘ und gibt dem jungen Mann ohne Anwaltszulassung eine Chance. Damit ist der Ton zwischen den beiden ungleichen Männern gesetzt: Beide müssen bei der Bearbeitung ihrer Fälle immer darauf achten, Mikes Geheimnis zu wahren.

Harvey Specter ist als Anwalt zielstrebig, siegeshungrig, effektiv und skrupellos; ein Privatleben hat er nicht, gelegentliche Treffen mit Frauen führen ob seiner Kälte und Distanz nicht weit. Mike Ross startet idealistisch und beteiligt sich emotional an den Fällen seiner Mandanten, er gibt den weißen Ritter auf der Seite der Übersehenen und Entehrten. Damit stößt er in der Kanzlei immer wieder an Grenzen: Zu ihren Mandanten zählen Unternehmen, Finanzinvestoren und Hedgefondsmanager, die Streitwerte der Fälle gehen routinemäßig in die Millionen. Schnell wird der Zuschauerin deutlich, dass die Kanzlei eine Firma wie die anderen ist, dass sie als Interessenvertreterin ihrer Kunden agiert und dabei das Recht dergestalt benutzt, wie es deren Ziele erfordern. Es geht nicht darum, ob die Vorwürfe gegen die Mandanten zutreffen, sondern ob sie sich beweisen lassen. Am Ende zählt die Rechnung, die die Kanzlei ihren Auftraggebern ausstellen kann; der Wert der Partner bemisst sich an ihren abrechenbaren Stunden. Die Wahrheit verkommt dabei zur lässlichen Größe.

Die Kanzlei ist Teil des Ökosystems der Hochfinanz der Wall Street, genauso verwechselbar sehen auch ihre Repräsentanten aus. Die Männer tragen Anzüge in Blau, Grau, Kohle und Anthrazit, dazu seidene Krawatten und Budapester Schuhe. In dieser Uniform der Macht, die den Körper zurücknimmt und ihn durch das teure Textil abschirmt, sind sie weder von ihren Kunden, den Bankern, Managern und Investoren, noch von ihren Gegnern in der Staatsanwaltschaft zu unterscheiden. Die Frauen tragen knielange Röcke und ärmellose Kleider sowie glänzende Schuhe mit zwölf Zentimeter hohen Absätzen, ihre schlanken Körper werden durch dieses eng anliegende Kostüm schamlos ausgestellt. Die Akteure in „Suits“, einer Art „Unisex in the City“, bewegen sich in der Kanzlei und den Lokalen der Upper East Side mit der Anmaßung von Menschen, die um ihre Macht und ihre Privilegien wissen und diese für gottgegeben halten. Alte und Kinder, Arme, Schwache und Hässliche kommen in diesem Kosmos nicht vor.

Untereinander intrigieren die Partner und Anwälte wie in jedem anderen Unternehmen auch. Sie schmieden Allianzen, um die aktuelle Führung zu stürzen und deren Platz einzunehmen. Sie halten Informationen zurück, um sich gegenüber Konkurrenten zu profilieren. Sie belügen einander, um beim Sprung auf die nächste Stufe der Karriereleiter die Nase vorn zu haben. Dabei ist das Belohnungssystem so einfach wie zugkräftig: Geld ist der alleinige Maßstab, ob kanzleiintern oder in der Interaktion mit den Mandanten, der Börsenaufsicht, möglichen Sponsoren oder gar der Politik. Das US-Rechtssystem bevorzugt unverstellt diejenigen, die es sich leisten können, ihre zivilrechtlichen Ansprüche vor Gericht geltend zu machen, das schließt mittellose Menschen per se davon aus, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Wenn dann noch ein korrupter Staatsanwalt einen Deal mit einem verdorbenen Verteidiger schließt, landet ein Unschuldiger für fünfzehn Jahre im Gefängnis, weil für das Protokoll eben irgendjemand der Täter sein muss.

Wie in so vielen US-Serien spielt die Stadt New York in „Suits“ die Hauptnebenrolle. Protzig in den Himmel ragende Wolkenkratzer, schwarze Limousinen, Luxusapartments, teure Restaurants und edle Boutiquen fungieren auch hier als Kulisse, die der Zuschauerin jede Projektion erlaubt. Die weiteren Figuren der Serie neben Harvey und Mike sind so holzschnittartig wie unsympathisch angelegt, eine längere charakterliche Entwicklung ist dabei nicht vorgesehen. Jessica Pearson pocht ständig darauf, wie schwer es für eine schwarze Frau ist, sich an der Spitze einer Kanzlei zu behaupten; dabei stößt sie, wenn es sein muss, ihre Partner die Kellertreppe hinunter. Louis Litt ist ein sadistischer Kleingeist, der lieber ins Ballett oder in ein Shakespeare-Drama ginge, sich aber nicht eingestehen kann, dass er unter Harveys Erfolgen leidet. Rachel Zane, gespielt von Meghan Markle noch vor ihrer Zeit mit Prinz Harry, strebt als Rechtsanwaltsgehilfin nach Höherem und will Jura studieren; nebenbei verliebt sie sich in Mike und teilt sein dunkles Geheimnis. Donna Paulsen mit ihren rotblonden Haaren ist Harveys Sekretärin und seine Beichtmutter, würde aber am liebsten nur als Ophelia oder Medea auf der Bühne stehen.

In der Diktion des Systemtheoretikers (und Juristen) Niklas Luhmann kommuniziert das Rechtssystem entlang der Differenz legal/illegal. Die Kommunikation bei „Suits“ verläuft eher entlang der Differenz Gewinn/Verlust. Dementsprechend bemüht Harvey Specter ständig Beispiele aus der Welt des Sports, wo es auch nur einen Sieger und jede Menge Platzierte gibt. Dieses zutiefst amerikanische Denken, das für Zwischentöne und bloße Nachfragen keinen Platz hat und das Scheitern vieler Menschen für richtig und der Vorsehung gemäß hält, zeigt sich in jeder Verhandlung vor Gericht: Da soll der Homerun endlich kommen, da soll der volle Punkt eingefahren werden, da soll der Pokal gewonnen werden. Am Ende eines jeden Prozesses winkt eine Trophäe, die nur einer haben kann. Dass das Recht Motive kennt, mildernde Umstände, Bewährung oder so etwas Sentimentales wie die Unschuldsvermutung, geht in „Suits“ vollends unter. Das Recht ist hier ein probates wie ungleich verteiltes Mittel, ökonomische Interessen durchzusetzen, ebenso wie es die Macht, der Ruhm und die Schönheit sind. Dass das nur ein anderes Wort für Manipulation ist, wissen und verteidigen alle Beteiligten der Serie, solange sie nicht mit den Folgen leben müssen. Dem Paten im Weißen Haus ist diese nihilistische Rechtsauffassung vertraut, er hat das Justizministerium zu seiner persönlichen Rachestation umgeformt. Er hätte bestimmt seine Freude an dieser TV-Saga, die ihn und seine Helfershelfer aus der Finanzindustrie bar jeder Ironie portraitiert.

Nach der ersten Staffel fragt sich die Zuschauerin, wie realistisch die Hahnen- und Hennenkämpfe in den Glaspalästen mit ihren Eckbüros sind. Es ist Standard, dass große Wirtschaftskanzleien auch in Deutschland junge Absolventen für sechsstellige Einstiegsgehälter rekrutieren und sie mit einer 80-Stunden-Woche auspressen. Es ist unvermeidlich, dass eben diese jungen Absolventen, wenn sie nicht spuren und keine Ergebnisse liefern, nach zwei Jahren als Abfall weggekippt werden. Und es ist zu erwarten, dass aus den Absolventen, wenn sie den Tanz um die Boni überleben, verschlagene Berater werden, die für ihre Mandanten lügen, rauben und morden, solange sie dafür nicht angeklagt werden. Spätestens ab der vierten Staffel beginnt die Zuschauerin sich zu langweilen, weil sie die sterilen Büros, den Glanz und die perfekten Frisuren ebenso über hat wie die arroganten Sprüche nach einem Vertragsabschluss. Das Recht ist so kompliziert wie schützenswert, es ist eine große zivilisatorische Errungenschaft. Rechthaberei hingegen ist Ausfluss des Marktes und ein anderer Ausdruck für Bestechung.

Testfrau

Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug. – Parsifal zu Amfortas

In der modernen Gesellschaft gibt es neben dem Krieg keinen Bereich, der sich so paradigmatisch über den Leistungsgedanken definiert wie der Sport. Das exklusive Ziel ist der Sieg, besser zu sein als die Anderen. Metaphern des Sports haben Einzug gehalten in die Welt der Wirtschaft, wo von Training, Erfolg, Performance, Durchsetzen, Vorsprung und dergleichen die Rede ist. Wobei der Wettbewerb hehr und fair sein soll, also alle Teilnehmer mit den potentiell gleichen Voraussetzungen an den Start gehen sollen. Um diese Fairness macht sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) große Sorgen. Es hat nun verfügt, dass ab den Sommerspielen 2028 in Los Angeles alle Aktiven, die in der Frauenkonkurrenz starten wollen, einen reziproken Dopingtest auf das SRY-Gen erdulden müssen, egal, ob sie in Einzel- oder Teamsportarten antreten.

Das IOC, eine kriminelle Vereinigung wie die Camorra, die FIFA und die US-Kamarilla, lässt auf seiner Webseite wissen, dass es weibliche Athletinnen „schützen“ wolle. „Bedroht“ werden sie nach dieser Lesart von Transfrauen, die für das IOC Männer bleiben. Ist der Gentest positiv, handelt es sich laut der vom IOC konsultierten, anonymen Experten um einen Mann, ist er negativ, um eine Frau, besser, um eine Testfrau. Dieser Interpretation zufolge bedeutet das Vorhandensein des SRY-Gens, dass die (erwachsene) Person eine maskuline Pubertät durchlaufen habe, also gegenüber Frauen prinzipiell bessere Bedingungen für den sportlichen Erfolg aufweise: Durch einen größeren Brustkorb und damit ein größeres Lungenvolumen, längere Arme und Beine, eine prägnantere Muskulatur. All das schlage sich in größerer Kraft, Entschlossenheit, Härte und Ausdauer nieder, komme also einem unzumutbaren Wettbewerbsvorteil gleich.

Das Geschäftsmodell des IOC ist mafiös: Es lizensiert alle zwei Jahre die Nutzung der eingetragenen Marke „Olympische Sommer/Winterspiele“ an eine austragungswillige Stadt und beteiligt sich am Profit der Fernsehrechte, nicht aber an der Finanzierung der für den Sport notwendigen Infrastruktur. Seit Montreal 1976 ist noch jede Olympiade zum Verlustgeschäft für die ausrichtende Stadt geworden, die Nachnutzungseffekte der Sportstätten stehen dabei in keinem akzeptablen Verhältnis zu ihren Kosten. Das Revival verpflichtender Tests, die vor über 30 Jahren im Profisport als Eingriff in die Intimsphäre abgeschafft wurden, offenbart, dass das IOC keinen Schimmer hat vom Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Dimensionen des Geschlechts. Oder es handelt in erklärt böser Absicht, um sich unterwürfig gegenüber dem Paten im Weißen Haus auf Linie zu bringen, der mit seinen Gesetzen dafür gesorgt hat, dass Transfrauen in den USA bereits auf College-Ebene vom Frauensport ausgeschlossen sind.

Dabei gibt es genügend skandalisierte Beispiele dafür, dass im Sport eine männliche Vorgeschichte nicht zwingend zu einem verzerrenden Benefit im Frauenwettbewerb führt. So erreichte Renée Richards 1979, vier Jahre nach ihrer Transition, im Alter von 45 Jahren mit Platz 20 ihre höchste Notierung in der Weltrangliste der Frauen im Tennis, von einer erdrückenden Dominanz der Konkurrenz konnte keine Rede sein. 1988 hingegen holte Steffi Graf, langjährige Weltranglistenerste und keineswegs transverdächtig, den Sieg bei allen vier Grand Slam-Turnieren und obendrein die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul. Seit drei Jahren gehört mit Leroy Mokgatle eine Transfrau zur Compagnie des Staatsballetts Berlin, dort tanzt sie auf den Zehenspitzen und ist filigran genug, von ihren Partnern gehoben zu werden. Sie zeigt, wie differenziert die aktuelle Leistungsfähigkeit eines wie auch immer variierten Körpers zu beurteilen ist.

Das IOC versteift sich auf eine (zumindest bisher) unabänderliche Größe, das individuelle Genom. Möglicherweise lassen sich mit Genscheren oder Stammzellbehandlungen künftig XY-Chromosomen zu XX-Chromosomen und vice versa formen, damit wäre die letzte opake Spur eines vorherigen Geschlechtes getilgt. Dem IOC entgeht bei seiner verdorbenen SYR-Politik, wie sehr sich Körper im Verlauf der Zeit unter dem Einfluss externer Hormone wandeln können. Nicht nur werden die Gesichtszüge weicher und die Haut seidiger, die Muskeln werden zum Teil abgebaut und durch Fettgewebe ersetzt. Nach einer mehrjährigen Östrogenbehandlung sowie der Entfernung der körpereigenen Keimdrüsen weisen Transfrauen einen vergleichbaren Testosteronspiegel wie gebürtige Frauen auf, sie regenerieren damit keinen Deut schneller und starten phänotypisch auf gleichem Niveau.

In den 1920er Jahren synthetisierte die Berliner Firma Schering, längst im Bayer-Konzern aufgegangen, das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. 1931 kam es in Dresden zur ersten dokumentierten genitalchirurgischen Operation. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich Homosexualität, Travestie und Transidentität begrifflich und anschaulich sauber trennen; seitdem ist klar, dass das Geschlecht weniger statisch und vielmehr dynamisch aufgefasst werden sollte, ohne dass es für eine Seite Verluste gäbe. Schweden war das erste Land, das diesem Umstand 1972 mit einem Gesetz zur Änderung des Personenstandes Rechnung trug. Diese Einsicht, der sich viele andere Länder, unter ihnen Deutschland, angeschlossen haben, wird mit dem Vorgehen des korrupten IOC suspendiert, vorgeblich um der Gerechtigkeit willen. Cherchez la femme statt corriger la fortune?

Die SYR-Politik des IOC ist sexistisch, weil sie das erklärte Ziel verfolgt, Transfrauen von weiblichen Sportwettbewerben auszuschließen. Sie ist erst recht sexistisch, weil sie alle Frauen unter den Generalverdacht des Betrugs stellt und sie anlasslos zu einem entwürdigenden Test zwingt, der ihre Weiblichkeit beglaubigen soll. Und sie ist abschließend sexistisch, weil den Männern die demütigende Durchleuchtung ihres genetischen Programms erspart wird. Bleibt die Frage, was das IOC mit dieser absurden Praxis eigentlich erreichen will. Vermutlich geht es um die Bestätigung der irrigen Annahme, das Geschlecht sei zum einen eindeutig bestimmbar, zum anderen ein Leben lang unveränderlich. Diese Haltung ist seit fast einhundert Jahren obsolet – bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam wäre sie noch verzeihlich gewesen, bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles ist sie schlicht peinlich.

High

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben, / Wird für keinen Dienst auf Erden taugen, / Und doch wird er vor dem Tode beben, / Wer die Schönheit angeschaut mit Augen! – August von Platen

Mein Herz hat die Größe eines Basketballs, eher passend für eine Elefantenkuh. Es schlägt ruhig und mächtig und treibt das Blut durch die Adern, dass es schäumt und meine Haut von innen streichelt. Die Gefäße halten dem Druck stand und geben ihn in Form wohliger Wärme wieder ab. Ein leichter Schwindel hat mein Gehirn erfasst, ganz wie bei einer Grippe mit erhöhter Temperatur. Ich fühle mich einerseits belebt und andererseits erschöpft, als käme ich gerade aus einer finnischen Sauna aus staubtrockener Hitze bei 95 °C. Mein Organismus beansprucht sich selbst, ich werde mit Sauerstoff versehen und bin rein vegetativ. Die kräftige Durchblutung erreicht auch das Geschlecht, parallel dazu formen sich die Gedanken wie von selbst zu aphrodisierenden Phantasien. Da werde ich zärtlich Hand an mich legen.

Wir haben uns länger nicht gesehen, meine afghanische Schönheit und ich. Nach Jahrzehnten der Beziehungspause haben wir eher zufällig wieder zueinander gefunden; die Vertrautheit von ehedem war gleich wieder da, auch wenn die Begegnungen jetzt viel sanfter und hegender als in der abklingenden Jugend verlaufen. Wir treffen uns heuer nicht mehr in der Lunge, sondern im Magen, der bittere Geschmack am Gaumen harmoniert bestens mit Grünem Tee und Milch, letztere verbessert nebenbei die Resorption im Verdauungstrakt. Die sedierende Wirkung, die nach rund anderthalb Stunden einsetzt, ist mir hoch willkommen, als Gegenteil von Aufputschen, Aktivität und Veräußerung. Ich gerate in eine kontemplative Stimmung, in der ich endlos Bach hören, stundenlang auf den See schauen oder die heimlichen Muster zwischen Stuck und Raufaser erfassen kann. Von der Außenwelt getrennt, erscheint sie mir viel schöner, als sie aus der Nähe sein kann.

Meine Ratio macht Pause, meine innere Welt erfährt soeben das Geschenk der Wiederverzauberung. Urteilen, Kritisieren, Sorgen und Wollen treten zurück zugunsten des schieren Geschehenlassens, diese pflanzenhafte Absichtslosigkeit wird im Zen wohl Satori genannt. An der Hand meiner Cicerona ermesse ich die Tiefen meiner Seele, die kein Sonnenstrahl erreicht; sie bahnt mir den Zugang zu den tragenden Schichten meines Selbst, die dem Verstand nicht zugänglich sind. Gedanken folgen zu wollen, ist jetzt so unnötig wie unmöglich. Es scheint in mir zu denken, ohne Rücksicht auf Struktur und Interpretation; ich beginne Farben zu fühlen, die im vom menschlichen Sinn erfassten Spektrum nicht vorkommen. Die Fuge, die ich gerade höre, scheint sich währenddessen selbst zu komponieren. Die kosmische Intelligenz der Güte.

Die Frau, deren Antlitz ich im Spiegel sehe, ist sehr viel schöner, als sie es sich gemeinhin zugesteht, mein Blick auf sie und mich wird gnädig und wehrlos. Die Ausschabung von Muskeln, Adern und Sehnen, Lymphknoten, Speicheldrüse und Gewebe am linken Hals als Folge einer Operation, im Alltag eine Entstellung, bekommt den Charakter eines Ordens für das Überleben einer Krebserkrankung. Die Narbe vom Kehlkopf über das Schlüsselbein Richtung Schulter avanciert zum Keloidcollier. Das T-Shirt mit seinem U-Boot-Ausschnitt lenkt den Blick auf die versehrte Körperpartie, die ich jetzt nicht als Zumutung empfinde, sondern als Variante; die von der Bestrahlung verbrannte Haut hat sich mit der Zeit regeneriert. Meine Augen sind gerötet wie die eines Kaninchens; wenn ich nachher in die Messe gehe, trage ich besser eine Brille, die den verschleierten Blick entschärft.

Die afghanische Schönheit hält sich gegenwärtig legal im Lande auf, wie auch ihre Schwestern aus Marokko, der Türkei und dem Libanon, für die typische Paranoia gibt es keinen Grund. Am Seeufer vermischen sich ihre duftenden Schwaden mit dem Pollenflug von Hasel, Erle und Birke. Mein Gang kommt mir etwas schwankend vor, was auch an den weichen Sohlen liegen mag. Ich bewege mich mit der intuitiven Vorhersehbarkeit meines eigenen Schattens, ohne Schwere, vom Ziel angezogen. Zum Glück muss ich mich in der kommenden Stunde nicht an einem Gespräch beteiligen, sondern darf mit der Gemeinde hören, singen, beten und kommunizieren. Ich kann der Predigt über die Erweckung des Lazarus (Joh 11,1-45) nur schemenhaft folgen, einzelne Worte bleiben im Bewusstsein, aber kein Zusammenhang und erst recht keine Moral. Das macht aber nichts, denn das Herz freut sich über den vom Kopf freigeräumten Zugang zur Wahrheit. Die Seligkeit tritt an die Stelle der Fragen.

Das High, das mir die afghanische Schönheit mit ihrem Hang zur Eifersucht spendet, trennt mich von den anderen Menschen; ich bin eingelassen in meinen Erlebnisraum, der nur in intimer Absicht geteilt werden kann. Mein Alleinsein wird durch sie nicht nur attraktiv, es ist nahezu die Bedingung für ihre Anwesenheit. Dass in mir im Dämmer des Abends die Schwermut wächst, will sie nicht zu verantworten haben; sie lässt mich wissen, dass sie nur das hervorholt und unterstreicht, was ohnehin nach oben drängt. Die tiefe Entspannung von Muskeln und Geist allerdings geht fraglos auf sie zurück, ebenso die Betäubung hartnäckiger Arthroseschmerzen. Kein Wunder, deuten doch Ausgrabungsfunde aus China darauf hin, dass sie bereits vor über 4.000 Jahren als pflanzliches Therapeutikum zum Einsatz kam, Verführung zu Rausch und Traum inklusive.

Schließlich ist es an der Zeit, ins Bett zu finden. Eingekuschelt im Dunkel, bin ich bereit für den Abschluss unserer heutigen Reise. Meine Begleitung ist bekannt und gerühmt dafür, dass sie die Tür zum Schlaf weit öffnet und über seine Tiefe wacht. Meine Brust hebt und senkt sich im Rhythmus des Atmens, der Puls verlangsamt sich, hinter den geschlossenen Lidern zündet das Feuerwerk. Meine Arme sind zu Schwingen geworden, die mich in die Höhe heben und mich mich von oben mustern lassen. Du hast doch, was Du brauchst, rufe ich mir zu; Du darfst zufrieden sein mit allem. Getröstet von soviel Weisheit, lasse ich mich fallen in den Brunnen des Vergessens. Eine Nahlebenserfahrung? Morgen werde ich leicht benebelt erwachen, will das flüchtige Glück des Augenblicks bewahren. Den Tag werde ich so gestalten, dass ich es abends zu fassen bekomme.

Parallele

„Ich bin mir nicht sicher“, wisperte Wolfgang mehr, als er sprach. „Wahrscheinlich vor sieben oder acht Jahren auf einer Dienstreise nach New York.“ Damit war die erste Frage beantwortet, und strenggenommen auch die zweite. Kerstin ließ ihre Hände auf seinen Schultern liegen, als wollte sie ihn dergestalt ermuntern, weiter zu reden. Sie stand zugleich neben sich und realisierte, dass ihr ganzes Leben ins Rutschen geraten war. Ihr Ehemann war infiziert und zeigte schwere Symptome der Erkrankung. Sie rechnete fieberhaft nach, wann sie das letzte Mal miteinander geschlafen hatten. Sie erinnerte sich an einen langen Text in der Wochenzeitung, die sich als Meinungsführerin im bürgerlich liberalen Milieu begriff, zur Infektion. Da hieß es, dass direkt nach der Ansteckung der Organismus mit grippeähnlichen Symptomen reagiere, die nach einer Woche von selbst abklängen: Geschwollene Lymphknoten, Nachtschweiß, Temperatur, Gliederschmerzen, allgemeines Unwohlsein. Nichts davon hatte sich bei ihr gezeigt. „Wolfgang, bei wem hast Du Dich infiziert?“

„Ich weiß nicht, wie er heißt. Ich würde ihn gar nicht mehr wiedererkennen, es ist so dunkel in diesen Clubs.“ Das war es also. Ihr Mann traf sich mit Männern, hatte Sex mit ihnen, waren auch Gefühle im Spiel? Hatte er einen Liebhaber? Wolfgang schien lesen zu können, was sich hinter ihrer Stirn abspielte. „Ja, Kerstin, es stimmt. Ich habe einen Freund, den ich regelmäßig treffe. Ich liebe ihn, so wie ich auch Dich und die Kinder liebe.“ Sie wusste nicht, ob sie gerade gehört hatte, dass ihr Ehemann einen Partner hatte. „Warum hast Du mir das nie erzählt? Warum musst Du erst krankwerden, um mir zu sagen, dass Du auf Männer stehst?“ Kerstin nahm ihre Hände von seinen Schultern und setzte sich Wolfgang gegenüber, durch den Tisch mit dem Abendbrotgeschirr getrennt. „Wir sind seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet, wir haben zwei Kinder, treffen uns mit der Familie, mit Freunden und Bekannten. Und Du hälst es nicht für nötig, mir gegenüber ehrlich zu sein?“

Wolfgang hielt ihrem Blick stand, wurde aber vor ihr ganz klein und hilflos. „Ich wollte es Dir sagen, ich habe es mehrfach versucht, es hat nie gepasst.“, entschuldigte er sich. „Wie soll das nun weitergehen?“, fragte Kerstin ganz pragmatisch. „Kannst Du überhaupt noch arbeiten, was passiert jetzt medizinisch?“ – „Auch das ist unklar, ich weiß es nicht. Ein Medikament gibt es nicht, haben sie mir in Eppendorf gesagt. Die Ärzte können nur untersuchen, was an Beschwerden hinzukommt, ursächlich helfen können sie mir nicht.“ – „Verdammt, Wolfgang, Du bist unverantwortlich. Du hast eine unheilbare Erkrankung und erzählst Deiner Frau nichts davon. Was denkst Du Dir dabei, was geht in Dir vor?! Seit wann weißt Du von der Infektion?“ Vor ihrem linken Auge zuckten kurze Blitze, als bekäme sie wieder eine Migräneattacke. Das wäre das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Wolfgang saß in sich zusammengefallen auf seinem Stuhl, Messer und Gabel hatte er längst beiseite gelegt. „Kerstin, es tut mir so leid. Ich wollte Dich nicht anlügen, ich dachte …“, begann er, ohne weiter zu sprechen. „Du dachtest, Du könntest zwei Menschen nebeneinander lieben? Deine Frau und Deinen Freund, von dem Deine Frau aber nichts wissen darf? Wolfgang, ich verstehe Dich nicht. Hast Du mich all die Jahre als Alibi benutzt?“ Kerstin fingerte nach einer Haarspitze und drehte sie um ihren Daumen. Ihr kam die Situation völlig surreal vor, redete sie gerade wirklich mit ihrem Gatten über seine Liebhaber, über seinen Partner? Zum Glück konnte sie sitzen, ihre weichen Knie hätten sie nicht aufrecht tragen können. „Und dann bist auch noch sichtlich krank. Hast Du nie daran gedacht, dass Du auch mich anstecken könntest? War es Dir schlicht egal? Warum hast Du mir nichts gesagt?“

Wolfgang gab ihr keine Antwort, weil er keine hatte. Offenbar hatte er sich in ihrer Ehe eingerichtet, die für ihn Fassade und Schutz darstellte, und in deren Schatten er seine eigentliche Liebe pflegte. Wie naiv und treugläubig sie doch gewesen war. Sie dachte an einen Urlaub vor fünf Jahren auf Gran Canaria, wo Wolfgang demonstrativ Abstand hielt zu einer Gruppe durchtrainierter Rennradfahrer, obwohl er selbst Ausdauersport trieb. Natürlich, er hielt sich in der Öffentlichkeit von jenem fern, was er begehrte. Und sie spielte das Spiel intuitiv mit und glaubte, was er sie glauben machen wollte. Mein Gott, das war kein Vertrauen, das war Theater, das war Inszenierung und Illusion. Und dann ein Abend im Thalia, als sie ein befreundetes Paar im Foyer trafen und Wolfgang sich bis zur Unhöflichkeit wortkarg zeigte: Er wollte weg vom Mann, dem er verfallen war. Es war so offensichtlich und zugleich so naheliegend getarnt; sie kam sich vor wie in einer Szene aus „Sodom und Gomorrha“.

„Du hast mich angelogen, Wolfgang. Wir haben uns geschworen, dass wir zueinander immer ehrlich sein wollen, was auch geschieht. Und jetzt gibst Du zu, dass Du mich – wie lange? – hintergangen hast, dass Du ein paralleles Leben neben unserer Ehe führst. Wo wohnt denn Dein Freund?“ Auf die letzte Frage wollte sie keine Antwort erhalten, stellen musste sie sie trotzdem. „Es ist ja egal, Wolfgang. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht zwischen uns. Ich muss das erst einmal verdauen, Du bist nicht mehr der Mensch, für den ich Dich gehalten habe.“ Die Stille stand greifbar zwischen ihnen, sie verband sie mehr, als dass sie sie trennte; Lügen stiften ebenso Verbindungen wie Geständnisse. Kerstin stand auf, ging ins Wohnzimmer und trat auf den Balkon. Die Nachbarin von gegenüber parkte ihren Mini gewandt in die Lücke und winkte zu ihr herauf. Kerstin straffte sich und erwiderte den Gruß. Wussten hier in der Gegend alle Bescheid? War sie die Einzige, die die Zeichen nicht zu deuten vermochte?

Sie wusste nur, dass sie gerade eine echte Zäsur in ihrem Leben erlebte. Nicht nur ihr Leben, das ihrer Familie, löste sich gerade in unbekannte Elemente auf. Sie war verheiratet mit einem Mann, der Männer liebte, der sich mit dem tückischen Virus infiziert hatte, der bereits ernsthaft erkrankt war. Sie wollte nur, dass sein Freund mit der weiteren Entwicklung nichts zu tun hatte, sie konnte ihn nicht neben sich ertragen. Sie trat wieder ins Zimmer und setzte sich. „Wolfgang, ich brauche jetzt meine Ruhe, ich muss mit der Situation klarkommen und überlegen, was ich jetzt brauche und wo ich es bekomme. Ich möchte, dass Du die Wohnung verlässt und Dir für heute Nacht ein Hotelzimmer nimmst.“ Wolfgang nahm diese Aufforderung hin wie ein Urteil, das aus den Wolken über ihn kam. Er spürte mit jeder Faser, dass Kerstin recht hatte, dass er hier nur störte. Er drückte seinen geschwächten Körper vom Tisch hoch und warf ein paar Kleidungsstücke in eine Reisetasche. Als er die Wohnungstür ins Schloss zog, trafen sich ihre Blicke, ihre Augen schienen weiß zu glühen.

Täuschung

Kerstin schloss ihr Fahrrad an einem Laternenpfahl an. Hier in Uhlenhorst ging das gut, geklaut wurde bevorzugt rund um den Hauptbahnhof von den Drogensüchtigen, aber nicht in einer so grünen wie ruhigen Wohngegend an der Außenalster. Es schien ihr so, als ob die eierschalenweißen Jugendstilbauten sich selbst und ihre Bewohner vor Vandalismus und Diebstahl schützten. Sie trat in den Hausflur und öffnete den Briefkasten, eine Karte von Luise aus dem Urlaub in Griechenland an sie beide sowie ein förmlicher Brief mit Adressfenster an Wolfgang, vom Klinikum Eppendorf. Sie nahm die Treppe in die Beletage und schloss die Wohnungstür auf, Schlüssel und Post legte sie auf den Sekretär im Vestibül.

Sie ging in die Küche und setzte Teewasser auf, die Blätter des feinen Senchas im Sieb waren noch leicht feucht und gaben genug Geschmack für einen zweiten Aufguss her. Sie hatte sich Klassenarbeiten zum Korrigieren mit nach Hause genommen, vor ihr lagen die ruhigen Nachmittagsstunden, bevor Wolfgang am frühen Abend wiederkommen würde. Er war heute morgen vor ihr aufgebrochen, auf dem Küchentisch stand noch sein Frühstücksteller neben seiner Kaffeetasse. Was hatte er im Klinikum Eppendorf gemacht? Von einem Besuch, von einer Untersuchung hatte er ihr nichts erzählt. Luise ging es bestens, sie war mit ihrem Freund per Interrail auf den Peloponnes gefahren und aalte sich jetzt am Strand auf Lesbos in der Vorsommersonne.

Der letzte Familienurlaub lag schon Jahre zurück, Luise und ihr Zwillingsbruder Matthias wollten nicht mehr mit ihren Eltern nach Norwegen oder Irland zum Wandern fahren, zu langweilig, zu viel Nähe zu Mama und Papa. Der Auszug der Kinder hatte die Wohnung leiser und größer gemacht, ihre Zimmer hatten sie unverändert gelassen, ab und an kamen sie für ein Wochenende zu Besuch. Die jetzt mehr zur Verfügung stehende Zeit nutzen sie unterschiedlich, Kerstin hatte wieder mit dem Reiten begonnen, Wolfgang traf sich mit Kollegen oder Freunden, wie er erzählte. Sie selbst fuhren öfter zusammen an die Küste und verbrachten lange Stunden am Meer. Wolfgang war schon immer ein schweigsamer Typ gewesen, für sie wirkte es so, als ob er über den Auszug ihrer Kinder erleichtert wäre. Gesagt hatte er das nie.

Sie setzte sich mit ihrer Kanne Grüntee in ihr Arbeitszimmer und begann mit dem Anstreichen falscher Vokabeln und fehlerhafter grammatikalischer Konstruktionen. Der Brief vom Klinikum ließ ihr keine Ruhe. Wolfgang wirkte in den letzten Monaten abgespannt und müde. Er hatte deutlich an Gewicht verloren, was ihm nicht stand; seine Lymphknoten in den Achseln und in der Leiste waren olivengroß verhärtet, auch schwitzte er nachts stark und zeigte keine Freude mehr am Schwimmen. Sie fragte ihn, was mit ihm los sei, bekam aber nur die Antwort, dass er im Büro viel zu tun habe und ziemlich unter Stress stehe. Wenn sie einander berührten, kam ihr seine Haut schlaff und fahl vor, wie die eines Rauchers, der er nicht war. Waren das die Zeichen des Alters, nach denen sie auch bei sich fahndete, in der Hoffnung, dass es nur das Weißwerden ihrer Haare betraf?

Ohne richtig ins Arbeiten gekommen zu sein, stand sie auf und setzte sich mit der Zeitung auf den Balkon. Das Jahr hatte schlimm begonnen mit dem Mord am schwedischen Ministerpräsidenten, dann folgte der Anschlag auf die Diskothek in Westberlin, vor vier Wochen dann die Explosion im sowjetischen Kernkraftwerk, über die die Behörden keine Informationen herausgaben. Körnige Bilder flackerten über den Fernseher, die genau die freigesetzte Radioaktivität nicht zeigten. Ausländische Reporter waren nicht zugelassen, über das genaue Ausmaß des Schadens und die Reaktion der Regierung war kaum etwas bekannt. Kerstin hatte in der Klasse mit ihren Schülerinnen und Schülern darüber gesprochen, sie wussten, dass die hoch gesicherte Grenze mitten durch Europa den Wind nicht daran hindern konnte, die Gifte Richtung Westen zu tragen.

Vor ein paar Tagen war ihr an Wolfgangs Oberarm ein violetter Fleck aufgefallen, von der Größe eines Fingernagels und knotig hervortretend, wie ein größerer Pickel. Als sie ihn fragte, woher der Fleck stamme, meinte er, er habe sich gestoßen, mehr nicht. Verblassen wollte die Stelle nicht, wie es von einem Bluterguss zu erwarten wäre. Sie gestand sich ein, dass sie ihrem Mann nicht mehr vertraute; sie hatte das Gefühl, dass er ihr nicht alles sagte, dass er sie gar belog. Er war für die Reederei regelmäßig auf Dienstreisen, er flog öfter in die USA und brachte ihr neben einer original 501 die neuesten Singles von Blondie mit, die es in den hiesigen Plattenläden nicht zu kaufen gab. Auch die je aktuelle Ausgabe des „New Yorker“ gehörte zu den Souvenirs. Sie hatte sich während seiner Abwesenheit immer sicher gefühlt, hatte nie den Argwohn gehabt, er könne sie hintergehen oder betrügen. Das wachsende Gefühl einer Entfremdung ließ sie nicht los, sie musste etwas dagegen tun.

Bei aller Nähe und Vertrautheit hatten beide ihre Tabuzonen. Ohne es aussprechen zu müssen, waren ihre Schreibtische und ihre Kleiderschränke für den jeweils anderen nicht zugänglich, anders hätte es mit dem Zusammenleben nicht funktioniert. Das Klingeln des Telefons holte sie zurück in die Gegenwart. Sie ging in die Diele und nahm den Hörer ab, sich mit „Steinfeld“ meldend. Die Leitung blieb stumm, nach einem Augenblick hörte sie das beendende Klacken eines nicht geführten Gesprächs. Bildete sie es sich ein oder war dieser Anrufsversuch nicht der erste seiner Art? Ihr konnte er nicht gegolten haben, warum sollten ihre Freundinnen, ihre Kolleginnen oder ihre betagte Mutter auflegen, wenn sie abnahm? Sie stand unschlüssig vor Wolfgangs Kleiderschrank. Wenn sie jetzt die Tür öffnete und in seinen Sachen wühlte, hätte sie vor ihm ein Geheimnis, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Was befürchtete sie zu finden? Briefe in einer runden, weiblichen Handschrift? Lange blonde Haare auf dem Sakko? Theaterkarten für eine Vorstellung ohne sie? Es dränge sie, Klarheit zu bekommen, zugleich wollte sie den Schutz des Nichtwissens behalten. Sein Schreibtisch war aufgeräumt wie stets, im rechten Winkel lagen Tastatur, Bleistift, Lineal und Notizblock zueinander. Nur das gerahmte Foto von Luise und Matthias stand schräg auf der Ecke. Was vermutete sie in den Schubladen? Sie konnte nicht an sich halten und zog an der obersten Lade, deren Inhalt gleitend offen vor ihr lag. Die alte Taschenuhr seines Großvaters, die Zeichnung einer Möve von ihr, eine Packung Taschentücher, ein klappbares Reiseschachspiel, alles Dinge, die sie kannte. Sie schlug die Lade heftig zu, als wäre sie zu weit gegangen. War das nun richtig oder blieb es falsch, dass sie seine vermutete Täuschung mit Misstrauen und Nachforschungen beantwortete?

In einer Stunde würde er zu Hause sein. Sie ging in die Küche und richtete einen Salat an, der nur noch mit Essig und Öl übergossen werden musste. Sie deckte den Tisch für zwei, stellte Weingläser neben die Teller und holte eine Flasche Riesling aus der Kammer. Den Brief aus dem Klinikum lehnte sie aufrecht an den Stiel des Glases an seinem Platz, als stille Aufforderung, ihr zu sagen, was los sei. Als er schließlich kam, begrüßte sie ihn mit einem Kuss; er wirkte nach dem Treppensteigen in den ersten Stock ungewohnt kurzatmig. Sein Mund formte ein Lächeln, seine Augen hatten den gelblichen Schimmer behalten, der ihr parallel zum lila Fleck auf dem Oberarm aufgefallen war. Als er sich an den Tisch setzte, bemerkte sie, dass er seinen Ehering nicht trug. Hatte er ihn heute früh im Bad liegengelassen? „Wie war Dein Tag?“, fragte sie ihn automatisch. „Luise hat eine Karte aus Griechenland geschickt. Und Du hast auch Post bekommen.“

„Danke, ganz gut. Wir haben viel zu tun im Büro, ich hatte ja von den Expansionsplänen der Firma berichtet.“, gab er technisch Auskunft. Als sie den Salat anmachte und beiden auftat, registrierte sie, dass er den Brief aus Eppendorf gesehen hatte. Anstatt ihn zu öffnen, drehte er ihn mit dem Adressfeld nach unten und schenkte beiden etwas Wein ein. „Willst Du nicht nachsehen, was die Klinik Dir schreibt?“, fragte Kerstin zwischen zwei Streifen Rucola. Sein „Ach, das ist nichts von Bedeutung, ich schaue später nach.“ klang eine Spur zu locker, um glaubhaft zu wirken. Kerstin widerstand dem Impuls, mit dem Messer ans Glas zu schlagen, als wollte sie seine Aufmerksamkeit, um zu einer Rede ansetzen. Ruhig und gefasst fragte sie: „Wolfgang, was ist los?“ Er senkte die Augen, hob sie wieder, wich ihrem Blick aus, griff sich an den Kragen und lockerte seine Krawatte. „Nichts, was soll sein?“

Kerstin legte Messer und Gabel neben den Teller, straffte den Rücken und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie musterte ihren Mann und sah, wie er sich innerlich wand. Drohte er zu fallen, wenn er sagen sollte, was sie zu hören sich ausmalte? Ihre Stimme war belegt, als sie ihre Frage wiederholte: „Wolfgang, was ist los mit Dir?“ Er wirkte auf sie wie ein halbwüchsiger Schüler, den sie wegen Schwänzens ermahnte. „Was ist mit Dir, Wolfgang? Ich erkenne Dich nicht mehr wieder, was ist geschehen?“ In die Stille nach diesen Worten tickte die Küchenuhr überlaut hinein, durch die offene Balkontür wehten heitere Stimmen von der Straße in die Wohnung. „Was verbirgst Du vor mir? Ich bin Deine Frau, was darf ich nicht wissen?“ Er rückte den Stuhl leicht vom Tisch weg, als könnte er damit ihre Fragen überhören.

Kerstin stand auf und nahm sich aus der Lade ein sauberes Messer. Im Stehen griff sie nach dem Brief und setzte die Klinge an, den Umschlag aufzuschlitzen. „Soll ich Dir vorlesen, was die Klinik Dir schreibt?“ Als hätte sie damit ein Zauberwort ausgesprochen, gefror Wolfgangs Miene, seine Augen wurden leer, aber er widersprach nicht. Kerstin öffnete den Umschlag, entnahm ihm die beiden Papierbögen und gab sie Wolfgang, ohne sie auch nur zu überfliegen. Sie wollte ihm helfen, ihn nicht bedrängen. Er fingerte seine Lesebrille aus der Jackentasche, las das Schreiben und ließ es auf die Tischplatte sinken. „Es ist das Ergebnis einer Blutuntersuchung. Es ist leider schlecht, ich bin krank.“ – „Wolfgang, das sehe ich. Was heißt krank, was hast Du?“, fuhr ihre Stimme ihn an.

Eine verdrängte Ahnung stieg heftig in ihr auf und blockierte ihren Atem. Hatte sie das Offensichtliche übersehen? Nein, das konnte nicht sein, sie waren doch verheiratet, seit einem Vierteljahrhundert. Sie addierte seine Symptome, verglich sie mit den reißerischen Berichten der Presse über eine neue Krankheit und interpretierte beides vor dem Hintergrund seines Ausweichverhaltens. Wenn ihre Schlussfolgerung stimmte, saß vor ihr ein Unbekannter, der in Gedanken nicht bei ihr und seiner Familie war, sondern in den Armen … eines … Es war zu spät, diese Vorstellung zu verscheuchen, auch ihr Selbstbetrug kam an ein Ende: „Was. Ist. Mit. Dir!“, rief sie mehr, als sie fragte.

In New York und San Francisco wurden zu Beginn des Jahrzehnts die ersten Fälle einer neuen Infektion beschrieben, die bevorzugt junge schwule Männer traf, ihr Immunsystem ausschaltete und sie in der Folge tötete; auch Prostituierte, Bluter und Fixer gehörten zu den Opfern. Vor drei Jahren war das Virus als Auslöser der Krankheit identifiziert worden, das über Blut, Sperma und Vaginalsekret weitergegeben wurde, von einem heilsamen Medikament oder einer Impfung keine Spur. Auch in der Bundesrepublik waren die Anzeichen einer Epidemie zu erkennen, das Gesundheitsministerium setzte auf Aufklärung und auf Kondome. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern. „Wann hast Du Dich infiziert? Bei wem?“

Büttel

Zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres hat eine Allianz aus Israel und den USA den Iran angegriffen. Die israelische Luftwaffe bombardiert seit Samstag Vormittag militärische und zivile Ziele in Teheran und weiteren iranischen Städten, die USA feuern von ihren am Golf zusammengezogenen Kriegsschiffen Raketen auf militärische und zivile Ziele in Teheran und weiteren iranischen Städten, wahrscheinlich auch auf die Atomanlagen des Landes und auf wissenschaftliche Einrichtungen. Berichte aus der Region über Opfer lassen sich schwer überprüfen, die Dossiers der Generäle sind tendentiös. Ein Mandat für diesen Angriff haben die Militärs und ihre Oberbefehlshaber nicht, weder die Knesset noch der Kongress haben dem Überfall zugestimmt, von der NATO oder den UN zu schweigen. Aber um solche Petitessen haben sich die Kriegsherren aller Zeiten noch nie geschert.

Der israelisch-amerikanische Überfall auf den Iran, bei dem bislang der oberste religiöse Führer und der Generalstabschef der Armee getötet wurden, war zu erwarten; schließlich haben noch bis Freitag letzter Woche Abgesandte des Iran und der USA in Doha über das iranische Atomprogramm „verhandelt“. Seitens der USA nur zum Schein, um die letzten Vorbereitungen zum Angriff vorzunehmen. Nicht zu erwarten war indes die infame Reaktion der Machthaber in London, Paris und Berlin. Die drei Regierungschefs stellten sich vor die Kameras und verurteilten – nicht etwa den völkerrechtswidrigen Angriff der Aggressoren auf ein souveränes Land, sondern dessen Verteidigung. Der Iran hat zwischenzeitlich als Reaktion auf den Überfall Raketen auf Israel und einige Golfstaaten abgefeuert. Und er hat die Straße von Hormus geschlossen, eine Meerenge im Persischen Golf, durch die etwa zwanzig Prozent des geförderten Öls weltweit transportiert werden.

In den Augen der britischen, deutschen und französischen Büttel soll der Iran also dem Bombenhagel auf seine Wohn- und Geschäftsviertel und natürlich auf seine Menschen begeistert zustimmen. Die drei betreiben eine perfide Täter/Opfer-Umkehr. Als Russland vor vier Jahren seinerseits die Ukraine überfiel, haben die selben Figuren keineswegs die Ukraine zum Verzicht auf Gegenwehr aufgerufen, ganz im Gegenteil. Bis heute verschenken sie fleißig Waffen, die den eigenen Armeen fehlen, an die Ukraine. Das brave Deutschland darf auf Geheiß der EU und des eigenen Regimes zusätzlich den kompletten zivilen Staatshaushalt der Ukraine finanzieren, plus Renten, plus Versorgung der Auslandsukrainer. Dafür ist neben dem Geld auch der Moralüberschuss vorhanden oder wird via Schulden aufgenommen.

Der Iran, genauer die Islamische Republik Iran, ist sicher kein Muster für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Demokratie, Religionsfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit; gesellschaftliche Errungenschaften, die in der islamischen Welt generell kaum verbreitet sind. Beim Schimpfen auf die Mullahs, die im Verein mit der Polizei und dem Geheimdienst das Land seit 1979 knechten, wird gern vergessen, dass der Iran auch unter dem zivilen Schah auf dem Pfauenthron eine Diktatur war, die ihre Gegner in Foltergefängnissen verschwinden ließ. In den 1960er Jahren war das Land unter Reza Pahlewi ein gesuchter Partner just der USA und Israels, zum einen zur Eindämmung des sich ausbreitenden Kommunismus, zum anderern als profane Antithese zum sich formierenden politischen Islam in der Region. So können sich die politischen und wirtschaftlichen Interessen eines Imperiums ändern. Dennoch bleibt der Iran ein souveränes Land, zumindest auf Papier derjenigen, die an Regeln und Normen glauben.

Dass das Regime in Washington das nicht tut, hat es vor zwei Monaten bei der Entführung des venezolanischen Präsidenten gezeigt. Auch damals fiel die Reaktion des deutschen Kanzlers auf den Staatsterror der USA unterwürfig aus. Ähnlich peinlich geht es nun weiter. Nicht etwa wird der Aggressor zur Einstellung der Kampfhandlungen aufgerufen (wie man es jede Woche in Richtung Moskau wiederholt), vielmehr wird dem Angegriffenen untersagt, sich mit vergleichbaren Mitteln zu wehren (was man Kiew nicht zu sagen traut). Ein durchdachter Plan des Regimes in Washington ist hinter der Attacke nicht erkennbar. Zwar wird das iranische Volk via Social Media großzügig zum Umsturz der Priesterkrieger aufgerufen, wie das aber gehen soll ohne Bodentruppen, bleibt das Geheimnis des Paten im Weißen Haus. Sollte es ihm primär um das Öl der Region gehen, kann er schon jetzt verfaulte Früchte ernten: Der Ölpreis ist seit dem Wochenende steil nach oben gegangen. Bleibt der mögliche Besitz von Atomwaffen. Der Iran soll keine haben, Nordkorea aber schon. Israel habe nach den Worten Golda Meirs keine Atombombe, werde sie aber einsetzen, wenn es nötig sein sollte.

Der deutsche Kanzler hat weder Niccoló Machiavelli noch Carl Schmitt gelesen, und falls wider Erwarten doch, nicht verstanden. Diese beiden schwefligen Autoren könnten ihn belehren über das Wesen der Politik, die der Kanzler noch immer mit der Aufsichtsratssitzung eines Hedgefonds zu verwechseln scheint. Machiavelli macht seinem Fürsten klar, dass jedes Mittel zum Machterhalt erlaubt sei, mal Schmeichelei, mal Drohung, mal Kooperation. Nur ein Gewissen gehöre nicht dazu, es sei der Entschlossenheit abträglich. Schmitt als alter Verächter des Parlamentes denkt in Einflusszonen, in denen sich Nationen und Staaten behaupten müssen, mit wirtschaftlichen, politischen und nötigenfalls auch militärischen Mitteln. Wie der Florentiner Staatssekretär schließt auch der Bonner Staatsrechtler den Einfluss und die Bedeutung der Moral aus der Politik aus, dazu gebe es die Religion. Man muss Machiavelli und Schmitt nicht bis zum Ende ihres Denkens folgen, aber eines lehren sie unmissverständlich: Wer zu klein für die Bühne ist, bleibe besser im Gang stehen und verfolge das Geschehen schweigend. Er hat nichts zu sagen, aber viel zu befürchten.

Sterbenswund

Ich will nicht länger in einer Welt leben, in der

Kassenpatienten keinen Platz beim Psychotherapeuten bekommen,
der Wert eines Menschen sich an seinem Steueraufkommen bemisst,
ich lediglich als Konsumentin willkommen bin,
den Menschen ein Bewusstsein chronischer Schuld eingeimpft wird,
ich im Alter Staub und Dornen ernten werde,
das Reisen die Last der Einsamkeit nur vervielfacht,
selbst mein Schatten mich als Fremde sieht,
das Geschlecht mir Quell des Leidens ist,

automobile Gewalt aus jeder Stadt Gomorrha macht,
ich nach dem letzten Zug am Gleis verbleibe,
meine Wohnung Zuflucht für Gespenster bietet,
ich den Versprechungen nicht länger Glauben schenke,
ich beim Betreten eines Geschäftes beargwöhnt werde,
ich nur unter Betäubungsmitteln durch den Tag komme,
die einzige Hand auf meiner Haut die meine ist,
ich auf der Straße nur von Spendenwerbern angesprochen werde,

Algorithmen aus mir einen Avatar formen,
ich Liebe nur in Büchern finde,
Häuser zur Qual ihrer Bewohner dienen,
allerorten Werbung meinen Geist beleidigt,
Täuschungen als Nachrichten verkauft werden,
unter großem Aufwand Demokratie simuliert wird,
mir Erinnerungen an ein süßes Früher fehlen,
auch heile Musik die Trauer nur verstärkt,

ich trotz aller Mühen nie genügen werde,
mir jugendliche Paare Angst bereiten,
die Menschen über Korruption kommunizieren,
die Entstellten das Licht scheuen aus Scham,
Menschen eine Beziehung führen mit einer KI,
der Schlaf der einzig erträgliche Zustand ist,
ich keine Kraft zu kämpfen mehr habe,
ich Imitat bin und nicht Vorbild.

Daher ist es Zeit zu gehen.