High

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben, / Wird für keinen Dienst auf Erden taugen, / Und doch wird er vor dem Tode beben, / Wer die Schönheit angeschaut mit Augen! – August von Platen

Mein Herz hat die Größe eines Basketballs, eher passend für eine Elefantenkuh. Es schlägt ruhig und mächtig und treibt das Blut durch die Adern, dass es schäumt und meine Haut von innen streichelt. Die Gefäße halten dem Druck stand und geben ihn in Form wohliger Wärme wieder ab. Ein leichter Schwindel hat mein Gehirn erfasst, ganz wie bei einer Grippe mit erhöhter Temperatur. Ich fühle mich einerseits belebt und andererseits erschöpft, als käme ich gerade aus einer finnischen Sauna aus staubtrockener Hitze bei 95 °C. Mein Organismus beansprucht sich selbst, ich werde mit Sauerstoff versehen und bin rein vegetativ. Die kräftige Durchblutung erreicht auch das Geschlecht, parallel dazu formen sich die Gedanken wie von selbst zu aphrodisierenden Phantasien. Da werde ich zärtlich Hand an mich legen.

Wir haben uns länger nicht gesehen, meine afghanische Schönheit und ich. Nach Jahrzehnten der Beziehungspause haben wir eher zufällig wieder zueinander gefunden; die Vertrautheit von ehedem war gleich wieder da, auch wenn die Begegnungen jetzt viel sanfter und hegender als in der abklingenden Jugend verlaufen. Wir treffen uns heuer nicht mehr in der Lunge, sondern im Magen, der bittere Geschmack am Gaumen harmoniert bestens mit Grünem Tee und Milch, letztere verbessert nebenbei die Resorption im Verdauungstrakt. Die sedierende Wirkung, die nach rund anderthalb Stunden einsetzt, ist mir hoch willkommen, als Gegenteil von Aufputschen, Aktivität und Veräußerung. Ich gerate in eine kontemplative Stimmung, in der ich endlos Bach hören, stundenlang auf den See schauen oder die heimlichen Muster zwischen Stuck und Raufaser erfassen kann. Von der Außenwelt getrennt, erscheint sie mir viel schöner, als sie aus der Nähe sein kann.

Meine Ratio macht Pause, meine innere Welt erfährt soeben das Geschenk der Wiederverzauberung. Urteilen, Kritisieren, Sorgen und Wollen treten zurück zugunsten des schieren Geschehenlassens, diese pflanzenhafte Absichtslosigkeit wird im Zen wohl Satori genannt. An der Hand meiner Cicerona ermesse ich die Tiefen meiner Seele, die kein Sonnenstrahl erreicht; sie bahnt mir den Zugang zu den tragenden Schichten meines Selbst, die dem Verstand nicht zugänglich sind. Gedanken folgen zu wollen, ist jetzt so unnötig wie unmöglich. Es scheint in mir zu denken, ohne Rücksicht auf Struktur und Interpretation; ich beginne Farben zu fühlen, die im vom menschlichen Sinn erfassten Spektrum nicht vorkommen. Die Fuge, die ich gerade höre, scheint sich währenddessen selbst zu komponieren. Die kosmische Intelligenz der Güte.

Die Frau, deren Antlitz ich im Spiegel sehe, ist sehr viel schöner, als sie es sich gemeinhin zugesteht, mein Blick auf sie und mich wird gnädig und wehrlos. Die Ausschabung von Muskeln, Adern und Sehnen, Lymphknoten, Speicheldrüse und Gewebe am linken Hals als Folge einer Operation, im Alltag eine Entstellung, bekommt den Charakter eines Ordens für das Überleben einer Krebserkrankung. Die Narbe vom Kehlkopf über das Schlüsselbein Richtung Schulter avanciert zum Keloidcollier. Das T-Shirt mit seinem U-Boot-Ausschnitt lenkt den Blick auf die versehrte Körperpartie, die ich jetzt nicht als Zumutung empfinde, sondern als Variante; die von der Bestrahlung verbrannte Haut hat sich mit der Zeit regeneriert. Meine Augen sind gerötet wie die eines Kaninchens; wenn ich nachher in die Messe gehe, trage ich besser eine Brille, die den verschleierten Blick entschärft.

Die afghanische Schönheit hält sich gegenwärtig legal im Lande auf, wie auch ihre Schwestern aus Marokko, der Türkei und dem Libanon, für die typische Paranoia gibt es keinen Grund. Am Seeufer vermischen sich ihre duftenden Schwaden mit dem Pollenflug von Hasel, Erle und Birke. Mein Gang kommt mir etwas schwankend vor, was auch an den weichen Sohlen liegen mag. Ich bewege mich mit der intuitiven Vorhersehbarkeit meines eigenen Schattens, ohne Schwere, vom Ziel angezogen. Zum Glück muss ich mich in der kommenden Stunde nicht an einem Gespräch beteiligen, sondern darf mit der Gemeinde hören, singen, beten und kommunizieren. Ich kann der Predigt über die Erweckung des Lazarus (Joh 11,1-45) nur schemenhaft folgen, einzelne Worte bleiben im Bewusstsein, aber kein Zusammenhang und erst recht keine Moral. Das macht aber nichts, denn das Herz freut sich über den vom Kopf freigeräumten Zugang zur Wahrheit. Die Seligkeit tritt an die Stelle der Fragen.

Das High, das mir die afghanische Schönheit mit ihrem Hang zur Eifersucht spendet, trennt mich von den anderen Menschen; ich bin eingelassen in meinen Erlebnisraum, der nur in intimer Absicht geteilt werden kann. Mein Alleinsein wird durch sie nicht nur attraktiv, es ist nahezu die Bedingung für ihre Anwesenheit. Dass in mir im Dämmer des Abends die Schwermut wächst, will sie nicht zu verantworten haben; sie lässt mich wissen, dass sie nur das hervorholt und unterstreicht, was ohnehin nach oben drängt. Die tiefe Entspannung von Muskeln und Geist allerdings geht fraglos auf sie zurück, ebenso die Betäubung hartnäckiger Arthroseschmerzen. Kein Wunder, deuten doch Ausgrabungsfunde aus China darauf hin, dass sie bereits vor über 4.000 Jahren als pflanzliches Therapeutikum zum Einsatz kam, Verführung zu Rausch und Traum inklusive.

Schließlich ist es an der Zeit, ins Bett zu finden. Eingekuschelt im Dunkel, bin ich bereit für den Abschluss unserer heutigen Reise. Meine Begleitung ist bekannt und gerühmt dafür, dass sie die Tür zum Schlaf weit öffnet und über seine Tiefe wacht. Meine Brust hebt und senkt sich im Rhythmus des Atmens, der Puls verlangsamt sich, hinter den geschlossenen Lidern zündet das Feuerwerk. Meine Arme sind zu Schwingen geworden, die mich in die Höhe heben und mich mich von oben mustern lassen. Du hast doch, was Du brauchst, rufe ich mir zu; Du darfst zufrieden sein mit allem. Getröstet von soviel Weisheit, lasse ich mich fallen in den Brunnen des Vergessens. Eine Nahlebenserfahrung? Morgen werde ich leicht benebelt erwachen, will das flüchtige Glück des Augenblicks bewahren. Den Tag werde ich so gestalten, dass ich es abends zu fassen bekomme.

Parallele

„Ich bin mir nicht sicher“, wisperte Wolfgang mehr, als er sprach. „Wahrscheinlich vor sieben oder acht Jahren auf einer Dienstreise nach New York.“ Damit war die erste Frage beantwortet, und strenggenommen auch die zweite. Kerstin ließ ihre Hände auf seinen Schultern liegen, als wollte sie ihn dergestalt ermuntern, weiter zu reden. Sie stand zugleich neben sich und realisierte, dass ihr ganzes Leben ins Rutschen geraten war. Ihr Ehemann war infiziert und zeigte schwere Symptome der Erkrankung. Sie rechnete fieberhaft nach, wann sie das letzte Mal miteinander geschlafen hatten. Sie erinnerte sich an einen langen Text in der Wochenzeitung, die sich als Meinungsführerin im bürgerlich liberalen Milieu begriff, zur Infektion. Da hieß es, dass direkt nach der Ansteckung der Organismus mit grippeähnlichen Symptomen reagiere, die nach einer Woche von selbst abklängen: Geschwollene Lymphknoten, Nachtschweiß, Temperatur, Gliederschmerzen, allgemeines Unwohlsein. Nichts davon hatte sich bei ihr gezeigt. „Wolfgang, bei wem hast Du Dich infiziert?“

„Ich weiß nicht, wie er heißt. Ich würde ihn gar nicht mehr wiedererkennen, es ist so dunkel in diesen Clubs.“ Das war es also. Ihr Mann traf sich mit Männern, hatte Sex mit ihnen, waren auch Gefühle im Spiel? Hatte er einen Liebhaber? Wolfgang schien lesen zu können, was sich hinter ihrer Stirn abspielte. „Ja, Kerstin, es stimmt. Ich habe einen Freund, den ich regelmäßig treffe. Ich liebe ihn, so wie ich auch Dich und die Kinder liebe.“ Sie wusste nicht, ob sie gerade gehört hatte, dass ihr Ehemann einen Partner hatte. „Warum hast Du mir das nie erzählt? Warum musst Du erst krankwerden, um mir zu sagen, dass Du auf Männer stehst?“ Kerstin nahm ihre Hände von seinen Schultern und setzte sich Wolfgang gegenüber, durch den Tisch mit dem Abendbrotgeschirr getrennt. „Wir sind seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet, wir haben zwei Kinder, treffen uns mit der Familie, mit Freunden und Bekannten. Und Du hälst es nicht für nötig, mir gegenüber ehrlich zu sein?“

Wolfgang hielt ihrem Blick stand, wurde aber vor ihr ganz klein und hilflos. „Ich wollte es Dir sagen, ich habe es mehrfach versucht, es hat nie gepasst.“, entschuldigte er sich. „Wie soll das nun weitergehen?“, fragte Kerstin ganz pragmatisch. „Kannst Du überhaupt noch arbeiten, was passiert jetzt medizinisch?“ – „Auch das ist unklar, ich weiß es nicht. Ein Medikament gibt es nicht, haben sie mir in Eppendorf gesagt. Die Ärzte können nur untersuchen, was an Beschwerden hinzukommt, ursächlich helfen können sie mir nicht.“ – „Verdammt, Wolfgang, Du bist unverantwortlich. Du hast eine unheilbare Erkrankung und erzählst Deiner Frau nichts davon. Was denkst Du Dir dabei, was geht in Dir vor?! Seit wann weißt Du von der Infektion?“ Vor ihrem linken Auge zuckten kurze Blitze, als bekäme sie wieder eine Migräneattacke. Das wäre das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Wolfgang saß in sich zusammengefallen auf seinem Stuhl, Messer und Gabel hatte er längst beiseite gelegt. „Kerstin, es tut mir so leid. Ich wollte Dich nicht anlügen, ich dachte …“, begann er, ohne weiter zu sprechen. „Du dachtest, Du könntest zwei Menschen nebeneinander lieben? Deine Frau und Deinen Freund, von dem Deine Frau aber nichts wissen darf? Wolfgang, ich verstehe Dich nicht. Hast Du mich all die Jahre als Alibi benutzt?“ Kerstin fingerte nach einer Haarspitze und drehte sie um ihren Daumen. Ihr kam die Situation völlig surreal vor, redete sie gerade wirklich mit ihrem Gatten über seine Liebhaber, über seinen Partner? Zum Glück konnte sie sitzen, ihre weichen Knie hätten sie nicht aufrecht tragen können. „Und dann bist auch noch sichtlich krank. Hast Du nie daran gedacht, dass Du auch mich anstecken könntest? War es Dir schlicht egal? Warum hast Du mir nichts gesagt?“

Wolfgang gab ihr keine Antwort, weil er keine hatte. Offenbar hatte er sich in ihrer Ehe eingerichtet, die für ihn Fassade und Schutz darstellte, und in deren Schatten er seine eigentliche Liebe pflegte. Wie naiv und treugläubig sie doch gewesen war. Sie dachte an einen Urlaub vor fünf Jahren auf Gran Canaria, wo Wolfgang demonstrativ Abstand hielt zu einer Gruppe durchtrainierter Rennradfahrer, obwohl er selbst Ausdauersport trieb. Natürlich, er hielt sich in der Öffentlichkeit von jenem fern, was er begehrte. Und sie spielte das Spiel intuitiv mit und glaubte, was er sie glauben machen wollte. Mein Gott, das war kein Vertrauen, das war Theater, das war Inszenierung und Illusion. Und dann ein Abend im Thalia, als sie ein befreundetes Paar im Foyer trafen und Wolfgang sich bis zur Unhöflichkeit wortkarg zeigte: Er wollte weg vom Mann, dem er verfallen war. Es war so offensichtlich und zugleich so naheliegend getarnt; sie kam sich vor wie in einer Szene aus „Sodom und Gomorrha“.

„Du hast mich angelogen, Wolfgang. Wir haben uns geschworen, dass wir zueinander immer ehrlich sein wollen, was auch geschieht. Und jetzt gibst Du zu, dass Du mich – wie lange? – hintergangen hast, dass Du ein paralleles Leben neben unserer Ehe führst. Wo wohnt denn Dein Freund?“ Auf die letzte Frage wollte sie keine Antwort erhalten, stellen musste sie sie trotzdem. „Es ist ja egal, Wolfgang. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht zwischen uns. Ich muss das erst einmal verdauen, Du bist nicht mehr der Mensch, für den ich Dich gehalten habe.“ Die Stille stand greifbar zwischen ihnen, sie verband sie mehr, als dass sie sie trennte; Lügen stiften ebenso Verbindungen wie Geständnisse. Kerstin stand auf, ging ins Wohnzimmer und trat auf den Balkon. Die Nachbarin von gegenüber parkte ihren Mini gewandt in die Lücke und winkte zu ihr herauf. Kerstin straffte sich und erwiderte den Gruß. Wussten hier in der Gegend alle Bescheid? War sie die Einzige, die die Zeichen nicht zu deuten vermochte?

Sie wusste nur, dass sie gerade eine echte Zäsur in ihrem Leben erlebte. Nicht nur ihr Leben, das ihrer Familie, löste sich gerade in unbekannte Elemente auf. Sie war verheiratet mit einem Mann, der Männer liebte, der sich mit dem tückischen Virus infiziert hatte, der bereits ernsthaft erkrankt war. Sie wollte nur, dass sein Freund mit der weiteren Entwicklung nichts zu tun hatte, sie konnte ihn nicht neben sich ertragen. Sie trat wieder ins Zimmer und setzte sich. „Wolfgang, ich brauche jetzt meine Ruhe, ich muss mit der Situation klarkommen und überlegen, was ich jetzt brauche und wo ich es bekomme. Ich möchte, dass Du die Wohnung verlässt und Dir für heute Nacht ein Hotelzimmer nimmst.“ Wolfgang nahm diese Aufforderung hin wie ein Urteil, das aus den Wolken über ihn kam. Er spürte mit jeder Faser, dass Kerstin recht hatte, dass er hier nur störte. Er drückte seinen geschwächten Körper vom Tisch hoch und warf ein paar Kleidungsstücke in eine Reisetasche. Als er die Wohnungstür ins Schloss zog, trafen sich ihre Blicke, ihre Augen schienen weiß zu glühen.

Täuschung

Kerstin schloss ihr Fahrrad an einem Laternenpfahl an. Hier in Uhlenhorst ging das gut, geklaut wurde bevorzugt rund um den Hauptbahnhof von den Drogensüchtigen, aber nicht in einer so grünen wie ruhigen Wohngegend an der Außenalster. Es schien ihr so, als ob die eierschalenweißen Jugendstilbauten sich selbst und ihre Bewohner vor Vandalismus und Diebstahl schützten. Sie trat in den Hausflur und öffnete den Briefkasten, eine Karte von Luise aus dem Urlaub in Griechenland an sie beide sowie ein förmlicher Brief mit Adressfenster an Wolfgang, vom Klinikum Eppendorf. Sie nahm die Treppe in die Beletage und schloss die Wohnungstür auf, Schlüssel und Post legte sie auf den Sekretär im Vestibül.

Sie ging in die Küche und setzte Teewasser auf, die Blätter des feinen Senchas im Sieb waren noch leicht feucht und gaben genug Geschmack für einen zweiten Aufguss her. Sie hatte sich Klassenarbeiten zum Korrigieren mit nach Hause genommen, vor ihr lagen die ruhigen Nachmittagsstunden, bevor Wolfgang am frühen Abend wiederkommen würde. Er war heute morgen vor ihr aufgebrochen, auf dem Küchentisch stand noch sein Frühstücksteller neben seiner Kaffeetasse. Was hatte er im Klinikum Eppendorf gemacht? Von einem Besuch, von einer Untersuchung hatte er ihr nichts erzählt. Luise ging es bestens, sie war mit ihrem Freund per Interrail auf den Peloponnes gefahren und aalte sich jetzt am Strand auf Lesbos in der Vorsommersonne.

Der letzte Familienurlaub lag schon Jahre zurück, Luise und ihr Zwillingsbruder Matthias wollten nicht mehr mit ihren Eltern nach Norwegen oder Irland zum Wandern fahren, zu langweilig, zu viel Nähe zu Mama und Papa. Der Auszug der Kinder hatte die Wohnung leiser und größer gemacht, ihre Zimmer hatten sie unverändert gelassen, ab und an kamen sie für ein Wochenende zu Besuch. Die jetzt mehr zur Verfügung stehende Zeit nutzen sie unterschiedlich, Kerstin hatte wieder mit dem Reiten begonnen, Wolfgang traf sich mit Kollegen oder Freunden, wie er erzählte. Sie selbst fuhren öfter zusammen an die Küste und verbrachten lange Stunden am Meer. Wolfgang war schon immer ein schweigsamer Typ gewesen, für sie wirkte es so, als ob er über den Auszug ihrer Kinder erleichtert wäre. Gesagt hatte er das nie.

Sie setzte sich mit ihrer Kanne Grüntee in ihr Arbeitszimmer und begann mit dem Anstreichen falscher Vokabeln und fehlerhafter grammatikalischer Konstruktionen. Der Brief vom Klinikum ließ ihr keine Ruhe. Wolfgang wirkte in den letzten Monaten abgespannt und müde. Er hatte deutlich an Gewicht verloren, was ihm nicht stand; seine Lymphknoten in den Achseln und in der Leiste waren olivengroß verhärtet, auch schwitzte er nachts stark und zeigte keine Freude mehr am Schwimmen. Sie fragte ihn, was mit ihm los sei, bekam aber nur die Antwort, dass er im Büro viel zu tun habe und ziemlich unter Stress stehe. Wenn sie einander berührten, kam ihr seine Haut schlaff und fahl vor, wie die eines Rauchers, der er nicht war. Waren das die Zeichen des Alters, nach denen sie auch bei sich fahndete, in der Hoffnung, dass es nur das Weißwerden ihrer Haare betraf?

Ohne richtig ins Arbeiten gekommen zu sein, stand sie auf und setzte sich mit der Zeitung auf den Balkon. Das Jahr hatte schlimm begonnen mit dem Mord am schwedischen Ministerpräsidenten, dann folgte der Anschlag auf die Diskothek in Westberlin, vor vier Wochen dann die Explosion im sowjetischen Kernkraftwerk, über die die Behörden keine Informationen herausgaben. Körnige Bilder flackerten über den Fernseher, die genau die freigesetzte Radioaktivität nicht zeigten. Ausländische Reporter waren nicht zugelassen, über das genaue Ausmaß des Schadens und die Reaktion der Regierung war kaum etwas bekannt. Kerstin hatte in der Klasse mit ihren Schülerinnen und Schülern darüber gesprochen, sie wussten, dass die hoch gesicherte Grenze mitten durch Europa den Wind nicht daran hindern konnte, die Gifte Richtung Westen zu tragen.

Vor ein paar Tagen war ihr an Wolfgangs Oberarm ein violetter Fleck aufgefallen, von der Größe eines Fingernagels und knotig hervortretend, wie ein größerer Pickel. Als sie ihn fragte, woher der Fleck stamme, meinte er, er habe sich gestoßen, mehr nicht. Verblassen wollte die Stelle nicht, wie es von einem Bluterguss zu erwarten wäre. Sie gestand sich ein, dass sie ihrem Mann nicht mehr vertraute; sie hatte das Gefühl, dass er ihr nicht alles sagte, dass er sie gar belog. Er war für die Reederei regelmäßig auf Dienstreisen, er flog öfter in die USA und brachte ihr neben einer original 501 die neuesten Singles von Blondie mit, die es in den hiesigen Plattenläden nicht zu kaufen gab. Auch die je aktuelle Ausgabe des „New Yorker“ gehörte zu den Souvenirs. Sie hatte sich während seiner Abwesenheit immer sicher gefühlt, hatte nie den Argwohn gehabt, er könne sie hintergehen oder betrügen. Das wachsende Gefühl einer Entfremdung ließ sie nicht los, sie musste etwas dagegen tun.

Bei aller Nähe und Vertrautheit hatten beide ihre Tabuzonen. Ohne es aussprechen zu müssen, waren ihre Schreibtische und ihre Kleiderschränke für den jeweils anderen nicht zugänglich, anders hätte es mit dem Zusammenleben nicht funktioniert. Das Klingeln des Telefons holte sie zurück in die Gegenwart. Sie ging in die Diele und nahm den Hörer ab, sich mit „Steinfeld“ meldend. Die Leitung blieb stumm, nach einem Augenblick hörte sie das beendende Klacken eines nicht geführten Gesprächs. Bildete sie es sich ein oder war dieser Anrufsversuch nicht der erste seiner Art? Ihr konnte er nicht gegolten haben, warum sollten ihre Freundinnen, ihre Kolleginnen oder ihre betagte Mutter auflegen, wenn sie abnahm? Sie stand unschlüssig vor Wolfgangs Kleiderschrank. Wenn sie jetzt die Tür öffnete und in seinen Sachen wühlte, hätte sie vor ihm ein Geheimnis, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Was befürchtete sie zu finden? Briefe in einer runden, weiblichen Handschrift? Lange blonde Haare auf dem Sakko? Theaterkarten für eine Vorstellung ohne sie? Es dränge sie, Klarheit zu bekommen, zugleich wollte sie den Schutz des Nichtwissens behalten. Sein Schreibtisch war aufgeräumt wie stets, im rechten Winkel lagen Tastatur, Bleistift, Lineal und Notizblock zueinander. Nur das gerahmte Foto von Luise und Matthias stand schräg auf der Ecke. Was vermutete sie in den Schubladen? Sie konnte nicht an sich halten und zog an der obersten Lade, deren Inhalt gleitend offen vor ihr lag. Die alte Taschenuhr seines Großvaters, die Zeichnung einer Möve von ihr, eine Packung Taschentücher, ein klappbares Reiseschachspiel, alles Dinge, die sie kannte. Sie schlug die Lade heftig zu, als wäre sie zu weit gegangen. War das nun richtig oder blieb es falsch, dass sie seine vermutete Täuschung mit Misstrauen und Nachforschungen beantwortete?

In einer Stunde würde er zu Hause sein. Sie ging in die Küche und richtete einen Salat an, der nur noch mit Essig und Öl übergossen werden musste. Sie deckte den Tisch für zwei, stellte Weingläser neben die Teller und holte eine Flasche Riesling aus der Kammer. Den Brief aus dem Klinikum lehnte sie aufrecht an den Stiel des Glases an seinem Platz, als stille Aufforderung, ihr zu sagen, was los sei. Als er schließlich kam, begrüßte sie ihn mit einem Kuss; er wirkte nach dem Treppensteigen in den ersten Stock ungewohnt kurzatmig. Sein Mund formte ein Lächeln, seine Augen hatten den gelblichen Schimmer behalten, der ihr parallel zum lila Fleck auf dem Oberarm aufgefallen war. Als er sich an den Tisch setzte, bemerkte sie, dass er seinen Ehering nicht trug. Hatte er ihn heute früh im Bad liegengelassen? „Wie war Dein Tag?“, fragte sie ihn automatisch. „Luise hat eine Karte aus Griechenland geschickt. Und Du hast auch Post bekommen.“

„Danke, ganz gut. Wir haben viel zu tun im Büro, ich hatte ja von den Expansionsplänen der Firma berichtet.“, gab er technisch Auskunft. Als sie den Salat anmachte und beiden auftat, registrierte sie, dass er den Brief aus Eppendorf gesehen hatte. Anstatt ihn zu öffnen, drehte er ihn mit dem Adressfeld nach unten und schenkte beiden etwas Wein ein. „Willst Du nicht nachsehen, was die Klinik Dir schreibt?“, fragte Kerstin zwischen zwei Streifen Rucola. Sein „Ach, das ist nichts von Bedeutung, ich schaue später nach.“ klang eine Spur zu locker, um glaubhaft zu wirken. Kerstin widerstand dem Impuls, mit dem Messer ans Glas zu schlagen, als wollte sie seine Aufmerksamkeit, um zu einer Rede ansetzen. Ruhig und gefasst fragte sie: „Wolfgang, was ist los?“ Er senkte die Augen, hob sie wieder, wich ihrem Blick aus, griff sich an den Kragen und lockerte seine Krawatte. „Nichts, was soll sein?“

Kerstin legte Messer und Gabel neben den Teller, straffte den Rücken und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie musterte ihren Mann und sah, wie er sich innerlich wand. Drohte er zu fallen, wenn er sagen sollte, was sie zu hören sich ausmalte? Ihre Stimme war belegt, als sie ihre Frage wiederholte: „Wolfgang, was ist los mit Dir?“ Er wirkte auf sie wie ein halbwüchsiger Schüler, den sie wegen Schwänzens ermahnte. „Was ist mit Dir, Wolfgang? Ich erkenne Dich nicht mehr wieder, was ist geschehen?“ In die Stille nach diesen Worten tickte die Küchenuhr überlaut hinein, durch die offene Balkontür wehten heitere Stimmen von der Straße in die Wohnung. „Was verbirgst Du vor mir? Ich bin Deine Frau, was darf ich nicht wissen?“ Er rückte den Stuhl leicht vom Tisch weg, als könnte er damit ihre Fragen überhören.

Kerstin stand auf und nahm sich aus der Lade ein sauberes Messer. Im Stehen griff sie nach dem Brief und setzte die Klinge an, den Umschlag aufzuschlitzen. „Soll ich Dir vorlesen, was die Klinik Dir schreibt?“ Als hätte sie damit ein Zauberwort ausgesprochen, gefror Wolfgangs Miene, seine Augen wurden leer, aber er widersprach nicht. Kerstin öffnete den Umschlag, entnahm ihm die beiden Papierbögen und gab sie Wolfgang, ohne sie auch nur zu überfliegen. Sie wollte ihm helfen, ihn nicht bedrängen. Er fingerte seine Lesebrille aus der Jackentasche, las das Schreiben und ließ es auf die Tischplatte sinken. „Es ist das Ergebnis einer Blutuntersuchung. Es ist leider schlecht, ich bin krank.“ – „Wolfgang, das sehe ich. Was heißt krank, was hast Du?“, fuhr ihre Stimme ihn an.

Eine verdrängte Ahnung stieg heftig in ihr auf und blockierte ihren Atem. Hatte sie das Offensichtliche übersehen? Nein, das konnte nicht sein, sie waren doch verheiratet, seit einem Vierteljahrhundert. Sie addierte seine Symptome, verglich sie mit den reißerischen Berichten der Presse über eine neue Krankheit und interpretierte beides vor dem Hintergrund seines Ausweichverhaltens. Wenn ihre Schlussfolgerung stimmte, saß vor ihr ein Unbekannter, der in Gedanken nicht bei ihr und seiner Familie war, sondern in den Armen … eines … Es war zu spät, diese Vorstellung zu verscheuchen, auch ihr Selbstbetrug kam an ein Ende: „Was. Ist. Mit. Dir!“, rief sie mehr, als sie fragte.

In New York und San Francisco wurden zu Beginn des Jahrzehnts die ersten Fälle einer neuen Infektion beschrieben, die bevorzugt junge schwule Männer traf, ihr Immunsystem ausschaltete und sie in der Folge tötete; auch Prostituierte, Bluter und Fixer gehörten zu den Opfern. Vor drei Jahren war das Virus als Auslöser der Krankheit identifiziert worden, das über Blut, Sperma und Vaginalsekret weitergegeben wurde, von einem heilsamen Medikament oder einer Impfung keine Spur. Auch in der Bundesrepublik waren die Anzeichen einer Epidemie zu erkennen, das Gesundheitsministerium setzte auf Aufklärung und auf Kondome. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern. „Wann hast Du Dich infiziert? Bei wem?“

Büttel

Zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres hat eine Allianz aus Israel und den USA den Iran angegriffen. Die israelische Luftwaffe bombardiert seit Samstag Vormittag militärische und zivile Ziele in Teheran und weiteren iranischen Städten, die USA feuern von ihren am Golf zusammengezogenen Kriegsschiffen Raketen auf militärische und zivile Ziele in Teheran und weiteren iranischen Städten, wahrscheinlich auch auf die Atomanlagen des Landes und auf wissenschaftliche Einrichtungen. Berichte aus der Region über Opfer lassen sich schwer überprüfen, die Dossiers der Generäle sind tendentiös. Ein Mandat für diesen Angriff haben die Militärs und ihre Oberbefehlshaber nicht, weder die Knesset noch der Kongress haben dem Überfall zugestimmt, von der NATO oder den UN zu schweigen. Aber um solche Petitessen haben sich die Kriegsherren aller Zeiten noch nie geschert.

Der israelisch-amerikanische Überfall auf den Iran, bei dem bislang der oberste religiöse Führer und der Generalstabschef der Armee getötet wurden, war zu erwarten; schließlich haben noch bis Freitag letzter Woche Abgesandte des Iran und der USA in Doha über das iranische Atomprogramm „verhandelt“. Seitens der USA nur zum Schein, um die letzten Vorbereitungen zum Angriff vorzunehmen. Nicht zu erwarten war indes die infame Reaktion der Machthaber in London, Paris und Berlin. Die drei Regierungschefs stellten sich vor die Kameras und verurteilten – nicht etwa den völkerrechtswidrigen Angriff der Aggressoren auf ein souveränes Land, sondern dessen Verteidigung. Der Iran hat zwischenzeitlich als Reaktion auf den Überfall Raketen auf Israel und einige Golfstaaten abgefeuert. Und er hat die Straße von Hormus geschlossen, eine Meerenge im Persischen Golf, durch die etwa zwanzig Prozent des geförderten Öls weltweit transportiert werden.

In den Augen der britischen, deutschen und französischen Büttel soll der Iran also dem Bombenhagel auf seine Wohn- und Geschäftsviertel und natürlich auf seine Menschen begeistert zustimmen. Die drei betreiben eine perfide Täter/Opfer-Umkehr. Als Russland vor vier Jahren seinerseits die Ukraine überfiel, haben die selben Figuren keineswegs die Ukraine zum Verzicht auf Gegenwehr aufgerufen, ganz im Gegenteil. Bis heute verschenken sie fleißig Waffen, die den eigenen Armeen fehlen, an die Ukraine. Das brave Deutschland darf auf Geheiß der EU und des eigenen Regimes zusätzlich den kompletten zivilen Staatshaushalt der Ukraine finanzieren, plus Renten, plus Versorgung der Auslandsukrainer. Dafür ist neben dem Geld auch der Moralüberschuss vorhanden oder wird via Schulden aufgenommen.

Der Iran, genauer die Islamische Republik Iran, ist sicher kein Muster für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Demokratie, Religionsfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit; gesellschaftliche Errungenschaften, die in der islamischen Welt generell kaum verbreitet sind. Beim Schimpfen auf die Mullahs, die im Verein mit der Polizei und dem Geheimdienst das Land seit 1979 knechten, wird gern vergessen, dass der Iran auch unter dem zivilen Schah auf dem Pfauenthron eine Diktatur war, die ihre Gegner in Foltergefängnissen verschwinden ließ. In den 1960er Jahren war das Land unter Reza Pahlewi ein gesuchter Partner just der USA und Israels, zum einen zur Eindämmung des sich ausbreitenden Kommunismus, zum anderern als profane Antithese zum sich formierenden politischen Islam in der Region. So können sich die politischen und wirtschaftlichen Interessen eines Imperiums ändern. Dennoch bleibt der Iran ein souveränes Land, zumindest auf Papier derjenigen, die an Regeln und Normen glauben.

Dass das Regime in Washington das nicht tut, hat es vor zwei Monaten bei der Entführung des venezolanischen Präsidenten gezeigt. Auch damals fiel die Reaktion des deutschen Kanzlers auf den Staatsterror der USA unterwürfig aus. Ähnlich peinlich geht es nun weiter. Nicht etwa wird der Aggressor zur Einstellung der Kampfhandlungen aufgerufen (wie man es jede Woche in Richtung Moskau wiederholt), vielmehr wird dem Angegriffenen untersagt, sich mit vergleichbaren Mitteln zu wehren (was man Kiew nicht zu sagen traut). Ein durchdachter Plan des Regimes in Washington ist hinter der Attacke nicht erkennbar. Zwar wird das iranische Volk via Social Media großzügig zum Umsturz der Priesterkrieger aufgerufen, wie das aber gehen soll ohne Bodentruppen, bleibt das Geheimnis des Paten im Weißen Haus. Sollte es ihm primär um das Öl der Region gehen, kann er schon jetzt verfaulte Früchte ernten: Der Ölpreis ist seit dem Wochenende steil nach oben gegangen. Bleibt der mögliche Besitz von Atomwaffen. Der Iran soll keine haben, Nordkorea aber schon. Israel habe nach den Worten Golda Meirs keine Atombombe, werde sie aber einsetzen, wenn es nötig sein sollte.

Der deutsche Kanzler hat weder Niccoló Machiavelli noch Carl Schmitt gelesen, und falls wider Erwarten doch, nicht verstanden. Diese beiden schwefligen Autoren könnten ihn belehren über das Wesen der Politik, die der Kanzler noch immer mit der Aufsichtsratssitzung eines Hedgefonds zu verwechseln scheint. Machiavelli macht seinem Fürsten klar, dass jedes Mittel zum Machterhalt erlaubt sei, mal Schmeichelei, mal Drohung, mal Kooperation. Nur ein Gewissen gehöre nicht dazu, es sei der Entschlossenheit abträglich. Schmitt als alter Verächter des Parlamentes denkt in Einflusszonen, in denen sich Nationen und Staaten behaupten müssen, mit wirtschaftlichen, politischen und nötigenfalls auch militärischen Mitteln. Wie der Florentiner Staatssekretär schließt auch der Bonner Staatsrechtler den Einfluss und die Bedeutung der Moral aus der Politik aus, dazu gebe es die Religion. Man muss Machiavelli und Schmitt nicht bis zum Ende ihres Denkens folgen, aber eines lehren sie unmissverständlich: Wer zu klein für die Bühne ist, bleibe besser im Gang stehen und verfolge das Geschehen schweigend. Er hat nichts zu sagen, aber viel zu befürchten.

Sterbenswund

Ich will nicht länger in einer Welt leben, in der

Kassenpatienten keinen Platz beim Psychotherapeuten bekommen,
der Wert eines Menschen sich an seinem Steueraufkommen bemisst,
ich lediglich als Konsumentin willkommen bin,
den Menschen ein Bewusstsein chronischer Schuld eingeimpft wird,
ich im Alter Staub und Dornen ernten werde,
das Reisen die Last der Einsamkeit nur vervielfacht,
selbst mein Schatten mich als Fremde sieht,
das Geschlecht mir Quell des Leidens ist,

automobile Gewalt aus jeder Stadt Gomorrha macht,
ich nach dem letzten Zug am Gleis verbleibe,
meine Wohnung Zuflucht für Gespenster bietet,
ich den Versprechungen nicht länger Glauben schenke,
ich beim Betreten eines Geschäftes beargwöhnt werde,
ich nur unter Betäubungsmitteln durch den Tag komme,
die einzige Hand auf meiner Haut die meine ist,
ich auf der Straße nur von Spendenwerbern angesprochen werde,

Algorithmen aus mir einen Avatar formen,
ich Liebe nur in Büchern finde,
Häuser zur Qual ihrer Bewohner dienen,
allerorten Werbung meinen Geist beleidigt,
Täuschungen als Nachrichten verkauft werden,
unter großem Aufwand Demokratie simuliert wird,
mir Erinnerungen an ein süßes Früher fehlen,
auch heile Musik die Trauer nur verstärkt,

ich trotz aller Mühen nie genügen werde,
mir jugendliche Paare Angst bereiten,
die Menschen über Korruption kommunizieren,
die Entstellten das Licht scheuen aus Scham,
Menschen eine Beziehung führen mit einer KI,
der Schlaf der einzig erträgliche Zustand ist,
ich keine Kraft zu kämpfen mehr habe,
ich Imitat bin und nicht Vorbild.

Daher ist es Zeit zu gehen.

Capri

Die Wohnung in Neapel kann man ansehen als einen Versuch der Festmachung, als ein Surrogat für Verlöbnis oder Ehestand. – Hans Werner Henze

„Sag mal, was hälst Du davon, wenn wir heiraten?“. Markus zuckte kurz mit dem Kopf, galt die Frage etwa ihm? Hatte Sibylle ihn gerade gefragt, ob sie nicht heiraten sollten? Aber niemand sonst saß am Frühstückstisch auf der Terrasse, mit dem verboten schönen Blick auf den Golf, an dessen geschwungenem Strand sich die Stadt mit ihrem schmutzig weißen Marmor abzeichnete. „Ob wir heiraten sollen, Carissima adorabile? Wie meinst Du das?“. Er lächelte bubenhaft zu ihr herüber, sich selbst eine Tasse Kaffee einschenkend. „Warum nicht? Ich habe schon länger darüber nachgedacht, ich glaube, es könnte klappen.“ – „Sibylle“, begann er förmlich, „Du bist großartig und ich bete Dich an und verzehre mich nach Dir, wenn Du nicht bei mir bist. Und natürlich will ich, dass Du glücklich bist. Aber heiraten? Was ist mit Maurizio? Und mit Deinem Schweizer Architekten?“ – „Das sind Geschichten. Du wärest der ideale Gatte, eben deshalb.“

Sibylle strich sich eine Strähne aus der Stirn und zündete sich die erste Zigarette des Tages an, die besser schmeckte als alle folgenden. Sie zwinkerte leicht, weil die Sonne mittlerweile über dem Dach stand und ihre Gesichter traf. Sie ruckte ihren Stuhl weiter Richtung Schatten und wiederholte ihre Feststellung: „Du wärest der perfekte Ehemann, für mich auf jeden Fall.“ Automatisch folgte Markus ihrem Beispiel und steckte sich ebenfalls eine Zigarette an, eine simultane Geste, die die beiden seit ihrer ersten Begegnung begleitete. Sie hatten sich im Foyer der Münchner Oper bei der Premiere von „Hera“ getroffen, ihr Verlagsagent hatte sie einander vorgestellt. Sie verstand seine Musik offenbar viel besser als seine Komponistenkollegen, die ihm nicht genug avantgardistisches Bewusstsein vorhielten und ihm ankreideten, er kreiere zu viele Arien. Er las ihre Gedichte, als prüfte er sie für ihre Eignung, als Strophen eines Liedes vertont zu werden. Wie dafür geschrieben, lautete sein Urteil.

Längst war er in Italien heimisch geworden, das dolce vita galt auch für ihn. Die westdeutsche Justiz machte umstandslos dort weiter, wo das III. Reich aufgehört hatte. Die Bundesrepublik hatte den § 175 in der Fassung von 1935 in ihr Strafgesetzbuch übernommen und verfolgte Schwule beflissen und unbarmherzig. Die Gejagten und Verurteilten kamen zwar nicht mehr mit dem rosa Winkel ins Konzentrationslager, aber ins Gefängnis; mit der Haft ging verlässlich die Vernichtung ihrer bürgerlichen Existenz einher. Auch um dieser Drohung zu entkommen, war Markus nach Süden aufgebrochen. Jenseits der neutralen Alpen begann das Gelobte Land für Seinesgleichen, schon das feine Mailand mit seinen Banken, seinen Modehäusern und der Galleria Vittorio Emanuele II war eine Widerlegung der westdeutschen Nachkriegsenge. Und das sündige Neapel erfüllte alle Wünsche, die er sich geschlechtlich zugestand. Das Chaos im italienischen Alltag, die Anarchie des Verkehrs, die mediterrane Küche und die barocken Skulpturen gaben die passende Kulisse für sein Schaffen ab. Unter der Sonne des Mittelmeeres fand er seine berufliche und persönliche Freiheit.

Rund um Neapel hatte sich Anfang der 1950er Jahre eine homosexuelle Internationale geformt, die Exilierten der Geschlechter fanden hier auf Zeit zueinander und bargen sich gegenseitig. In Positano lebte eine junge amerikanische Romanautorin mit ihrer Geliebten, im benachbarten Sorrent ein englischer Dichter mit seinem Lebensgefährten; ein spanischer Theaterregisseur kam mit seinem als Sekretär getarnten Partner zu Besuch an die Amalfiküste, eine italienische Designerin traf sich diskret mit ihren Gespielinnen auf Ischia. Sie erkannten einander auf den ersten Blick an den Codes der Eingeweihten, sie kochten zusammen, gingen gemeinsam aus und deckten sich im Licht der schwatzhaften Öffentlichkeit. Markus führte Sibylle nach und nach in diese Subkultur ein, sie wurde in Arkadien aufgenommen als Botin aus der Welt der Bühne, ihr ohnehin schon flüssiges Italienisch verbesserte sich im Wochenrhythmus.

Auch Sibylle war getragen vom Wunsch, die heimatlichen Fesseln hinter sich zu lassen. Nach dem Ende ihres Studiums fand sie eine Anstellung beim Rundfunk in Wien, die ihr Zeit für die eigenen Verse und Essays ließ. Von einer Hamburger Illustrierten eilfertig zum „Fräuleinwunder der Nachkriegsliteratur“ erklärt, tat ihr der frühe Ruhm nicht nur gut. Die anzüglichen Fragen der Journaille, die Fototermine, die Lesereisen zehrten mehr an ihr, als sie anfangs glaubte. Während eines Aufenthaltes in Rom in der Wohnung, die ihr Verlag seinen Autoren als Refugium zur Verfügung stellte, hörte sie, dass Markus gerade in der Stadt war. Beim Abendessen in einer Trattoria in der Via Veneto lud er sie für den Sommer in sein Haus auf Capri ein. Der Juli und der August wurden ihre gemeinsamen Monate, mit dem Ergebnis, dass sie am Libretto für seine nächste Oper zu schreiben begann. Dass Markus abends loszog, um seine ragazzi zu finden, störte sie nicht; wenn er am nächsten Morgen wiederkam und den gemeinsamen Frühstückstisch deckte, pfiff er voller Freude und weckte sie mit dem Geklapper des Geschirrs.

„Geschichten?“, nahm Markus das Gespräch wieder auf. „Ich liebe Maurizio, das siehst und weißt Du. Und Du redest über Deinen Schweizer Architekten auf eine Weise, die geeignet ist, mich hellhörig werden zu lassen.“ – „Das ist schon richtig. Aber wir beide sind einander ganz tief verwandt, wir sind liebevoll befreundet, wie ich es nirgends kenne. Ich vertraue Dir und will für Dich sorgen.“ – „Cara, bitte, all das sehe ich auch so, aber wir sind doch eher casti come fratello e sorella, eine Hochzeit wäre Inzest.“ Sibylle drückte ihre Zigarette aus und legte ein Bein über das andere. Die dunkle Hose, die die Knöchel dekorativ freiließ, betonte ihren schlanken Wuchs vorteilhaft. Sie nahm sich eine Scheibe Brot aus dem Korb und bestrich sie mit blutroter Konfitüre. „Das muss nicht so bleiben. Du hättest Deinen Freiraum, ich hätte meinen, und wir wüssten beide, dass wir uns von unseren Reisen die schönsten Souvenirs mitbrächten.“

Markus wusste nicht zu sagen, wie ernst es Sibylle mit diesem verqueren Antrag war. Er fuhr sich mit der Hand über das rasch schütter werdende Haupthaar und nahm einen Schluck Kaffee. „Wir sollten unser wunderbares Verhältnis so genießen, wie es ist. Ich schwärme Dir von meinem Liebhaber vor, Du möchtest meinen Rat im Umgang mit Deinem Schweizer Architekten. Wir sind deshalb zusammen, weil wir nicht offiziell gebunden sind. Was willst Du denn noch mehr? Du kannst hier auf Capri ein und aus gehen, Du hast hier Dein Zimmer, Deine Schreibmaschine, Deine Bücher. Und wir leben unter einem Dach ohne jede Eifersucht und gehen abends in Neapel ins Teatro San Carlo.“ Sibylle hörte ihm aufmerksam zu. Die Sonne schien ins Wohnzimmer und brachte den schwarzen Flügel zum Leuchten. Markus hatte gestern Abend noch lange komponiert, aus einzelnen angeschlagenen Tönen wurden über die Stunden komplexe Harmonien, die sie heute früh treffend summen konnte mit ihrem absoluten Gehör. Sie hatte schon öfter für ihn als Korrepetitorin gearbeitet.

„Soll es mein Traum bleiben? Du bist aufmerksam, kultiviert und attraktiv, gewandt und aufrichtig. Du hast nichts gegen meinen Erfolg, ich gönne Dir den Deinen. Wir konkurrieren nicht, weder künstlerisch noch intim. Gibt es bessere Vorrausetzungen für eine glückliche Ehe?“ – „Ich weiß es nicht, Cara. Ich weiß nur, dass ich unsere besondere Freundschaft erhalten und pflegen will. Vor fünfzehn Jahren noch wäre Dein Angebot eine Lebensversicherung für einen Mann wie mich gewesen, aber heute nähmest Du Dir die Gelegenheit, den Mann zu finden, der zu Dir gehört, mit all den Schwierigkeiten, die das Zusammenleben mutmaßlich mit sich bringt. Soll ich Dir helfen, Deinen Einen zu finden?“ Dieser Plänkelton ohne Hintergedanken war typisch für ihre Gespräche. Er hielt die Sache unverbaut in der Schwebe, dabei das Fundament ihrer Beziehung unangetastet lassend. Markus blickte sie einladend an.

„Und denke bitte daran, dass wir kaum geeignet wären, Eltern zu werden. Wir sind das halbe Jahr über unterwegs, ich arbeite im Herbst in Amsterdam, Du hast ein Stipendium für Stockholm, wer weiß, was in zwölf Monaten sein wird. Zumal wir uns Kinder finanziell gar nicht leisten können. Unsere Beziehung ist doch bereits perfekt, wir setzen da an, wo wir vor Wochen unterbrochen haben. Du sprichst die Antwort auf meine Frage aus, noch bevor ich sie gestellt habe.“ Er zog die Augenbrauen hoch, als wollte er das Gesagte mimisch unterstreichen. Dann beugte er sich vor und fuhr ihr vom Handgelenk bis zum Ellenbogen: „Wir haben doch, was wir brauchen.“ Die ersten Segelboote hatten den Hafen verlassen und kreuzten an der Insel vorbei auf das offene Meer, von wo die Fischer von ihrem Nachtfang zurückkehrten. Der Tag würde heiß werden, wie der anlandige Wind verkündete.

„Du sprichst jetzt so nüchtern, so rational. Denke doch bitte daran, wie romantisch es wäre, in Neapel eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, in einer schattigen Seitengasse, in einem verfallenen Palazzo mit vier Meter hohen Decken, verwitterten Fresken, Mosaikfußboden und Blick auf den Vesuv. Wir suchen die Möbel aus, den Stoff für die Vorhänge, die Pflanzen für das Bad, das Service für die Gäste. Wir leben zusammen, sind einander nah, ohne uns zu bedrängen.“ – „Gut, das klingt alles verführerisch, aber denken wir es zu Ende. Wir sind gerade Dreißig und ernstlich bindungswillig; was geschieht, wenn Du Dich in einen Mann verliebst, so sehr, dass Du mit ihm eine Familie gründen willst? Wirst Du Dich dann von mir scheiden lassen?“ Sibylle hörte es an seiner Stimme, dass er beim Sprechen lächelte. Sie stand auf, trat hinter ihn und streichelte ihm über den Nacken und die Schultern; er griff nach ihrer Hand und blickte sie von unten an, neugierig und verwundert. Sie ließ ihre freie Hand unter sein Hemd gleiten und zwirbelte an seinen Brusthaaren, was sie noch nie getan hatte. „Was wäre, wenn ich diesen Mann bereits gefunden hätte? Lass uns doch herausfinden, wie weit wir schon gegangen sind. Und lass uns ans Gelingen glauben.“

Ohne Widerstreben ließ er sich von ihr aus seinem Stuhl aufhelfen, als forderte sie ihn zum Tanz auf. Er ließ es geschehen, dass sie ihn sanft in ihr Schlafzimmer zog und dort die Knöpfe seines Hemdes öffnete. Ihre Gesichter waren noch nie so nah beieinander gewesen, mit Ausnahme bei Gelegenheit der südlichen Begrüßungsküsse. Er erlebte sie zum ersten Mal als begehrenswerte Frau und sah in ihr nicht mehr nur die Gefährtin seiner Gegenwart. Ihr Schmiegen und ihre Griffe an seinem nackten Körper schienen ihm von Erfahrung und Zielstrebigkeit zu künden; er war überrascht, dass er auf diese Reize zustimmend und ergeben reagierte. Er überließ ihr vollständig die Führung und genoss es, sich fallen zu lassen. Als sie später wohlig ermattet unter dem dünnen Laken lagen und sie ihre Zigarette an seiner anzündete, meinte er lakonisch: „Weißt Du was, donna mia? Wir müssen ja nicht gleich das Aufgebot für San Lorenzo Maggiore bestellen, wir könnten ja vielleicht im kleinen Kreis beim Cena auf Capri unsere Verlobung bekanntgeben.“

Damnatio

Mauritz gilt im wohlhabenden und bürgerlichen Münster als ein besonders wohlhabender und bürgerlicher Stadtteil. Das Viertel östlich der Innenstadt mit altem Baumbestand zwischen Warendorfer Straße, Ring und Kanal ist charakterisiert durch freistehende Einfamilienhäuser auf großzügigen Grundstücken, viele der Stadtvillen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut. Klingende Namen wie Dechaneischanze, Zum Guten Hirten, Prozessionsweg und Vorsehungskloster beschwören eine Welt hinauf, die von Tradition, Glauben und Ergebenheit gekennzeichnet ist. Und dieses so beschauliche wie begehrte Quartier der Westfalenmetropole wurde in den letzten Wochen Schauplatz eines Kulturkampfes. Es ging um die angestrebte Umbenennung von fünf Straßen im sogenannten Marineviertel, erschlossen als Siedlungsgebiet vor 90 Jahren.

Die inkriminierten Namen stehen für zwei Orte von Schlachten während des I. Weltkriegs, Langemarck und Skagerrak, sowie für drei Marinekommandanten des Kaiserreichs, Scheer, Spee und Weddigen; vergeben wurden sie 1936. Heutige Aktivisten wollen in diesen Benennungen eine Verherrlichung des I. Weltkrieges und eine Verharmlosung des NS-Regimes erkennen, als einziger Ausweg aus diesem historischen Dilemma erscheint ihnen eine nachträgliche Tilgung der Namen. Die Bezirksvertretung Münster-Mitte hatte im Mai 2025 einen Beschluss gefasst, nach dem die Straßen umzubenennen und die als belastet geltenden Namen zu ersetzen seien. Dem hatte sich eine lokale Bürgerinitiative widersetzt, die mit einer Unterschriftensammlung schließlich den stattgefundenen Bürgerentscheid auf den Weg brachte.

Am gestrigen Sonntag waren alle Wahlberechtigten ab 16 Jahren aus dem Wahlbezirk Mitte aufgerufen, über die geplante Umbenennung der fünf Straßen abzustimmen, insgesamt gut 107.000 Menschen. Von ihnen nahmen rund 33 Prozent an der Abstimmung teil, eine enorme Quote für ein solch regionales Thema, das aber fraglos zur Mobilisierung taugte. Von den abgegebenen Stimmen entfielen 52,39 Prozent auf die Beibehaltung der alten Namen, 47,61 Prozent der Stimmberechtigten votierten für eine Umbenennung; eine knappe, aber deutliche Entscheidung zugunsten des Status Quo. Offenbar hat es eine qualifizierte Mehrheit der Anwohner des Viertels und der Nachbarschaft als bevormundend empfunden, dass Spuren der Geschichte einfach so aus dem Stadtbild gelöscht werden sollten.

Dieser Versuch einer Damnatio Memoriae ist seit dem römischen Imperium bekannt. Hierbei wurden regelmäßig Spuren aus dem Leben einer verhassten oder als gefährlich geltenden Person getilgt, bevorzugt ehemalige Kaiser wie Nero oder Caligula; ihr Name wurde aus Inschriften und Dokumenten verbannt, Denkmäler wurden entfernt, Bilder wurden übermalt, ganz so, als habe diese Person niemals existiert. Groteske Züge nahm diese Abschaffung der Erinnerung während des Stalinismus an, als in Ungnade gefallene Bolschewiki aus Fotos retuschiert wurden; die bekanntesten Fälle trafen Leo Trotzki und Nikolai Jeschow. Dieser Akt der Säuberung sollte zum einen das Andenken an die Verfemten diskreditieren, zum anderen diente er der Festigung der Position der neuen Machthaber. Der heutige Ausdruck für diese Praxis der Geschichtsvertreibung ist die Cancel Culture.

Bereits 2012 war der zentral gelegene Hindenburgplatz in Münster einer rhetorischen Reinigung zum Opfer gefallen, er firmiert seitdem neutral als Schlossplatz. Doch auch für die Zukunft drohen weitere Initiativen: So soll der Kardinal-von-Galen-Ring, der an den Bischof des Bistums während des II. Weltkriegs erinnert, überschrieben werden. Die Abstimmung aus Mauritz zeigt allerdings, dass die Apologeten einer übertriebenen politischen Korrektheit den Bogen überspannt haben. Wer vermag heute die Orte Skagerrak und Langemarck mit heftigen Schlachten des I. Weltkriegs assoziieren? Wem sagen die Namen Scheer, Spee und Weddigen heute noch etwas? Die Verfechter einer Streichung dieser Namen aus dem öffentlichen Raum verschaffen ihnen durch ihr Agitieren erst die Prominenz, die sie angeblich untragbar macht. Sie schaffen sich die Begründung ihrer Forderungen selbst, in der Sache jedenfalls liegt sie nicht.

Die Praxis der Damnatio Memoriae funktioniert vor der Folie einer selektiven Realitätswahrnehmung. Es ist das unhintergehbare Kennzeichen historischer Ereignisse und Zusammenhänge, dass sie eben vergangen sind – im vorliegenden Fall seit einem Menschenleben. Was konkret mit der angepeilten Umbenennung hätte erreicht werden sollen, konnten die Aktivisten nicht überzeugend darlegen, außer vielleicht einem diffusen Gefühl der Behaglichkeit, beim Spaziergang durch Mauritz nicht an einen lange zurückliegenden Krieg erinnert zu werden. Doch verschwinden weder Kaiserreich noch I. Weltkrieg aus der Geschichte, indem man Zeichen der Erinnerung, in diesem Fall Straßenschilder, einfach ändert beziehungsweise ersetzt. Die Geschichte einer Stadt, einer Region, eines Landes, eines Volkes muss als Ganzes betrachtet und verstanden werden, am besten aus der jeweiligen Zeit heraus. Es ist billig, sich nur jenen Figuren, Begebenheiten und Epochen zuzuwenden, die auch aus heutiger Sicht moralisch einwandfrei erscheinen mögen. Es ist vor allem eine Verachtung des eigenen Erbes, das nur ungeteilt zu haben ist.

Zeitung

80 Jahre alt zu werden, ist für sich allein nicht unbedingt eine Nachricht. Mit 80 Jahren in den Ruhestand zu gehen, aber schon. Am heutigen Samstag hatte das „Pressezentrum am Kaiserdamm“ den allerletzten Tag geöffnet, zum späten Vormittag versammelten sich rund zwanzig Menschen vorgerückten Alters aus der erweiterten Nachbarschaft, um dem Inhaber Dank und Lebewohl zu sagen. Kerstin hatte rechtzeitig von diesem Termin erfahren, sodass sie sich dafür freimachen konnte. In den letzten fünfzehn Jahren hatte sie ihre tägliche „Frankfurter Allgemeine“ in dem vollgestopften Geschäft gekauft; sie war nolens volens zur Stammkundin geworden, auch weil in der näheren und auch weiteren Umgebung immer mehr Verkaufsstellen für gedruckte Zeitungen schlossen. Warum noch aufmerksam Print lesen, wenn es alberne Zerstreuung rund um die Uhr auf TikTok und Instagram gibt?

Der Empfang hatte unfreiwillig etwas von einer Beerdigung. Immerhin wurde Abschied vom Vertrauten genommen, und das Kommende, ganz Andere wurde mit betont fröhlichen Worten beschworen, als ließe es sich dergestalt auf Abstand halten. Die Vorsitzende eines Nachbarschaftsvereins, der sich um den nahen Lietzensee verdient macht, setzte zu einer Eloge auf den Inhaber an; der Repräsentant der Industrie- und Handelskammer überreichte ihm eine gerahmte Urkunde als Anerkennung einer 50 Jahre währenden Einzelunternehmerschaft. Ein Fotograf des ortsansässigen Boulevardblattes nötigte den so Geehrten zu einer Serie von Fotos, allein, zusammen mit seiner treuen Mitarbeiterin, im Kreise der Gratulanten. Einige der Gesichter hatte Kerstin schon in der Canisius-Kirche gesehen, einem der zentralen dritten Orte im Quartier.

Da stand er nun, der ganz bald ehemalige Inhaber des Ladens, und wusste ob der lobenden Worte nicht wohin mit seiner Verlegenheit. Seit Jahresbeginn wurden keine Zeitungen mehr verkauft, der Laden wurde Schritt für Schritt abgewickelt, um Ende blieben die leergeräumten Regale und eine Verkaufsfläche, die nun blank weniger groß wirkte als vorher. Draußen auf dem Trottoir fanden sich einige der berüchtigten „Zu verschenken“-Kisten, die das Stadtbild des Reichshauptslums verunzieren helfen; sie enthielten Artikel, die nicht mehr verkauft werden konnten und nun flehentlich zum gefälligen Mitnehmen aufriefen. Die Hausverwaltung zeigte sich bezüglich der Nachfolgefrage nicht kooperativ und lehnte einen Interessenten, der das Geschäft mit seinem Sortiment übernehmen wollte, ab; über ihre Pläne mit der Gewerbeimmobilie schwieg sie sich aus. Noch ein Nagelstudio? Ein weiterer Handyladen? Oder die Parzellierung in möblierte Apartments à 12 m³ Wohnvolumen?

Der Besitzer hielt das Angebot an Zeitungen konsequent à jour. Neben den rührigen Lokalblättern und den wöchentlich erscheinenden Illustrierten aus Hamburg gab es natürlich prominent das Amtsblatt der Republik. Dazu die „Welt“, die „NZZ“, die „Süddeutsche“, die „Zeit“, das „Handelsblatt“, die „Jüdische Allgemeine“ und sogar die „Junge Freiheit“; lediglich der „Postillon“ hatte es nicht ins Regal geschafft. Bei den Zeitschriften fanden sich dann die „Freundin“, die „Vogue“, die „Bunte“ und die unverwüstliche „Brigitte“. Weitere Standbeine des Ladens waren eine Lottoannahmestelle, Tabakwaren und Schreib- sowie Dekoartikel. Den Hauch eines Antiquariats bekam das Geschäft durch preisreduzierte Bücher vergangener Tage aus allen erdenklichen Richtungen: kiloschwere Hefte mit Kreuzworträtseln, Lilli Palmers Memoiren, ein Michelin-Straßenatlas vom Beginn des Jahrtausends, Regionalkrimis sowie Tipps zur Verhütung ohne Hormone. Kerstin machte sich eine Freude daraus, den Preis ihres Zeitungsexemplars genau abgezählt bereit zu halten; dass hier noch in bar bezahlt werden konnte.

Kerstin hatte immer mal wieder mit dem alten Mann geschwatzt, der sich ihr als Junggeselle, Gartenfreund und Katzenliebhaber vorstellte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass das Geschäft einmal wegen Urlaubs geschlossen war; werktäglich ab 6:00 Uhr war die Tür geöffnet. Der Inhaber sprach sie auf die jeweiligen heißen Themen in Politik und Wirtschaft an und war ehrlich interessiert an ihrer Meinung. Wer dreißig Jahre am Kaiserdamm ein Ladenlokal bespielt, wird zwangsläufig zu einer Institution, erst recht, wenn der Laden inhabergeführt wird. Sollte das Ende des „Pressezentrums“ nun als schlechtes Omen zu werten sein, dass sie endlich auf ein Digitalabonnement ihrer Lieblingszeitung umsteigen sollte? Eher hatte sie das Gefühl, dass hier nicht nur ein betagter Mann in den sicher wohl verdienten Ruhestand ging, sondern dass ein weiteres Stück des alten Westens verschwand, speziell hier im tendentiell bürgerlichen Charlottenburg. Das Einzige, was an dieser Ecke leider penetrant konstant dem Wandel entzog, war die automobile Gewalt auf der elfspurigen Stadtautobahn.

Als Kerstin neulich auf dem Heimweg die S-Bahn nahm, schweiften ihre Augen durch das Abteil nach einem freien Platz. Instinktiv setze sie sich einem älteren Herren gegenüber, der eine gedruckte Zeitung für Deutschland in Händen hielt, deren Layout und Typographie sowie die Karikatur auf dem Titel sie international unverwechselbar machen. Sie holte ihr Exemplar aus der Tasche und blätterte das Feuilleton auf, in die Richtung ihres Gegenübers lächelnd. Er sah sie ihr Pendant aufschlagen und lächelte ebenfalls. Sie lasen nicht mehr für sich, unterhielten sich stattdessen, beide waren sichtlich erfreut über den unvermuteten Kontakt. Wer heute noch ein gedrucktes Presseexemplar liest, begeht einen Akt der Nostalgie. Zeitunglesen in der S-Bahn als analoge Dating-App?

Leseleben

Es ist erstaunlich, wie sich das Finden von Büchern im Verlauf eines Leselebens ändert. In der Jugend und dann später in den Zwanzigern und Dreißigern waren die Bücher, die ich las, offenkundig miteinander verwandt, sie schienen sich automatisch zu finden. Von Albert Camus ist es nicht weit bis zu Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Wer die Lyrik Ingeborg Bachmanns liest, wird in deren Sog Max Frisch und Hans Werner Henze entdecken. Fedor Dostoewski ruft nach Anton Cechov und, warum nicht, nach Mikhail Bulgakov. Diese Familienähnlichkeit ist zumindest im Bereich der Literatur, also der fiktionalen Texte, bei mir ins Stocken geraten; es bedarf schon länger externer Hinweise auf lesenswerte Romane, Erzählungen oder Gedichte. Derlei Fingerzeige erhalte ich bevorzugt im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen“, die auf diesem Feld ihre Hegemonie nicht eingebüßt zu haben scheint.

Neulich musste ich erleben, dass das Mich-Inspirieren-Lassen in der Buchhandlung nicht mehr ohne weiteres funktioniert. Ich betrat die kleine Buchhandlung bei mir im Quartier, in der ich regelmäßig meine Bücher bestelle; sie verfügt über einen Schwerpunkt bei zeitgenössischer Literatur, sollte also beste Bedingungen bieten, mich auf frische, verblüffende Federn hinzuweisen. Aber ach, ich stand vor den Regalen und an den Tischen, auf denen die Neuheiten der Saison präsentiert wurden, und fühlte mich verloren. Die Namen der Autorinnen – schreiben Männer eigentlich nur noch Sachbücher über Schwarze Löcher, Bitcoin, Hochseeyachten oder den 30jährigen Krieg? – auf den fröhlich bunten Umschlägen sagten mit gar nichts, keine Spur von Vertrautheit im Lesegedächtnis. Die Werbesprüche auf den Rückseiten wirken nur noch wie eine Ausladung; da wird das Werk wahlweise als „bahnbrechend“ oder „verstörend“, „sprachgewaltig“ oder einfach nur „faszinierend“ angepriesen, was mich das gerade in die Hand genommene Buch reflexhaft wieder zurücklegen lässt.

Auch der rote Aufkleber, Bestseller einer Hamburger Illustrierten zu sein, wirkt auf mich eher abschreckend. Und wenn ich dann versuchsweise in ein Buch einer mir unbekannten Autorin hineinlese, bin ich oft nach ein paar Passagen angeödet. Sie schreibt in Sätzen mit maximal acht Wörtern und hauptsächlich im Präsens, benutzt ad nauseam und sinnfrei den Gedankenstrich, der Text wirkt wie ein aufgeblasener Kommentar auf Facebook oder YouTube. Und in der Tat, die Autorin wird im Klappentext als Social Media Managerin eines TV-Senders vorgestellt, damit ist sie also das Gegenteil einer Literatin. In der Belletristik suche ich eben keine Gebrauchstexte, sondern Kunst, kein PR-Gedrechsel, sondern Stil. Die Auslagen in meiner Buchhandlung sind mir unter diesem Aspekt Überforderung und Enttäuschung zugleich.

Im stadtbekannten „Bücherbogen“ am Savignyplatz widerfährt mir derlei Trauriges nicht. Allerdings suche und finde ich dort Bücher zur Architektur, zur Stadtplanung und zur Mobilität; in dieser gut sortierten Buchhandlung mache ich immer Beute, was mein Budget für gedruckte Texte verlässlich strapaziert. Jede Steuererklärung bringt es ans Licht: Ich kaufe im Jahr über 50 Bücher, also im Schnitt eines pro Woche. Dabei gebe ich meist zwischen 1.600,- und 1.800,- Euro aus und liege damit weit über dem Durchschnitt der deutschen Buchkäuferin. Für das Jahr 2024 notiert der Börsenverein des deutschen Buchhandels einen Branchenumsatz von 9,8 Mrd. Euro. Nach Warengruppen differenziert, liegt die Belletristik mit 36 Prozent an der Spitze, es folgen Kinder- und Jugendbücher mit 18 Prozent sowie Ratgebertitel mit knapp zwölf Prozent. Weil ich keinen Platz im Regal mehr habe, wachsen derzeit Bücherstapel auf der herausgezogenen Schublade meines Lesepultes, das so zweckentfremdet wird. Die dort ruhenden Bücher widmen sich architektonischen, historischen, soziologischen und religiösen Themen; lediglich zehn Prozent sind im engen Sinn Literatur, aber nur deswegen, weil ich kein Gespür mehr dafür habe, welche neuen Romane das Genussversprechen halten könnten.

Ich stelle ernüchtert fest, dass ich den Kontakt zur zeitgenössischen Literatur verloren habe. Gut, ich kenne und schätze die Texte von Karl Ove Knausgard und Sofi Oksanen, von Lea Streisand und Alain Claude Sulzer, aber eben auch schon seit zehn und mehr Jahren, da lässt sich kaum von einer Neuentdeckung sprechen. Die letzte wirklich erschütternde, in Teilen verletzende Begegnung im Bereich des Lesens war jene mit Warlam Schalamow und seinen „Erzählungen aus Kolyma“; allerdings halte ich diese Texte nicht für Belletristik, auch wenn sie formal als Kurzgeschichten daherkommen und auch wenn der Autor immer Wert darauf legte, ein Dichter und kein Chronist zu sein. Seine Darstellung der Welt der sowjetischen Vernichtungslager im äußersten Osten Sibiriens reiht sich eindrucksvoll ein in die Memoirenliteratur zum Gulag, Seite an Seite mit Jewgenia Ginzburg, Angela Rohr oder Alexander Solschenizyn.

Das schreibende Wüten Louis-Ferdinand Célines ist fesselnd, keine Frage, aber dieser in Deutschland verfemte Autor ist seit 65 Jahren tot. Und was an den ausgedehnten Romanen Ayn Rands, die in den USA in puncto Popularität gleich nach der Heiligen Schrift kommen, so spektakulär sein soll, habe ich beim Lesen ihres „Ursprungs“ auch nicht verstanden; eh bien, ebenfalls eine längst verstorbene Autorin. Ljudmila Ulitzkaja hingegen lebt noch, sie könnte mit ihren über 80 Jahren bei etwas gutem Willen als zeitgenössische russische Erzählerin durchgehen; ihre Bücher sind voller nostalgischem Witz. Es bleibt unterm Strich festzuhalten, dass die deutsche und erst recht die internationale Gegenwartsliteratur an mir vorbeigeht und ich nur zufällig erfahre, wer gerade unbekannte Wege der Beschreibung des Immergleichen vermisst und beschreitet.

Denn das ist mein Anspruch an das erzählende Schreiben: Es soll nicht die Phrasen der Politik und den Zynismus des Journalismus wiederholen, auch soll es Abstand halten zum Dozieren der Wissenschaft und zur Trivialität der Fernsehserien. Kurzum, es soll imstande sein, die lebendige Sprache selbst zu untersuchen sowie zu analysieren und dergestalt in Erinnerung zu bleiben. Das gelingt selbstredend den Bewohnern des literarischen Olymps und manchmal ihren Epigonen. Und diese Welt der Phantasie ist noch nicht bedroht von den großen Sprachmodellen à la Gemini, von denen allerdings bereits Arztromane von der Stange zu erwarten sind. Auch das boomende Fach des New Adult hat den Ruch des KI-Generierten; es scheint jedoch den Nerv der Generation TikTok zu treffen und bedient das Verlangen der Leserinnen nach Zerstreuung und Unterhaltung anstrengungslos.

Und nun, was tun? Zum Verzweifeln gibt es keinen Grund. Zum einen kann ich, wann immer ich es will, die „Verlorene Zeit“ ein weiteres Mal lesen, durchaus auch nur einzelne Kapitel. Auch der „Zauberberg“ und das „Goldene Notizbuch“ laufen nicht weg, auch „Mrs. Dalloway“ und die „Hundejahre“ warten artig im Regal. Zum anderen werden mir weitere Bücher zustoßen, gegebenenfalls von heutigen Autorinnen, eventuell von solchen aus dem 19. Jahrhundert. Mir hat die benediktinische Vorstellung, dass Bücher wie Freunde seien, immer eingeleuchtet. Sie sind verlässlich da, sie geben Anregungen, sie erzählen denen, die zu hören verstehen, Geschichten, sie weisen Wege und stiften Trost. Das kann das Buch Numeri ebenso sein wie die „Statischen Gedichte“ Gottfried Benns. Es bleibt mir noch mehr als genug zu entdecken und zu lesen, im Gegensatz zu den mir noch bemessenen Jahren ist der Produktion neuer Bücher praktisch keine Grenze gesetzt. Angesichts der Endlichkeit meines Leselebens wollen die noch zu findenden Titel gut gewählt sein. Solange die Freude am Lesen noch da ist, ist mir vor der Zukunft nicht bang.