Als die Maschine der Finnair am späten Vormittag in Vantaa landete, zeigte das Thermometer elf Grad Frost, nicht ungewöhnlich für Ende Januar. Sascha nahm ihre Reisetasche in Empfang und steuerte auf die Passkontrolle zu. Ein untersetzter Beamter mit wasserblauen Augen musterte sie stumpf, verglich ihr Gesicht mit dem Foto im Ausweis und winkte sie weiter. Der Schalter der Autovermietung lag in der Nähe des Ausgangs, dort wiederholte sich das Spiel aus Anschauen, Prüfen und Erlauben. Die Dame händigte ihr den Autoschlüssel aus und wies ihr ohne Lächeln und ohne Worte den Weg in die Tiefgarage. Sascha fand den panzerartigen Wagen, den sie hier für ihr Vorhaben brauchen würde, verstaute ihr Gepäck und stellte Sitz und Spiegel auf ihre Größe ein. Der Motor sprang leise surrend an, das tonnenschwere Gefährt setzte sich in Bewegung, sie nahm zunächst Kurs auf die Innenstadt.
Sie gönnte sich noch eine Stadtrundfahrt, bevor es in den hohen Norden weitergehen sollte. Sie kam an der Finlandia-Halle vorbei, hielt kurz am Sibelius-Monument und stieg am Olympiastadion am Denkmal für Paavo Nurmi aus. Vom ersten Besuch an hatte sie diese weiße Stadt im Schärengarten der Ostsee geliebt, die leicht mürrische, dabei höflich steife Art der Menschen kam ihrer Geisteshaltung sehr entgegen, auch hatten viele Frauen hier ihre Körpergröße, sodass sie weniger auffiel. Nach einem abschließenden Schlenker durch das alte Hafenviertel Katajanokka und einem Abschiedsblick auf den Dom nahm sie die Autobahn. Wenn ihre Berechnungen stimmten, sollte sie spätestens um 19:00 Uhr in Kajaani ankommen, also weit nach Einbruch der Dunkelheit. Sie tippte das Ziel in ihr Telefon ein und legte es auf den Beifahrersitz, die App zeigte leichten Griesel, aber keine Glätte an, am Ziel lag die Temperatur bei minus 15 Grad Celsius.
Auf der breiten Schnellstraße Richtung Norden gab es nur mäßigen Autoverkehr, die Wagen hielten gebührend Abstand zueinander und fuhren bereits mit Abblendlicht. Der Himmel war diesig grau, als wäre die vorherige Nacht nie richtig zuende gegangen. Die Felder auf beiden Seiten des Asphaltbandes lagen unter einem weißen Laken aus Kristallen, gelegentlich wuchsen die Schemen kleiner Ortschaften aus der wattigen Masse heraus. Kilometerweit führte die Straße durch hohe Wälder, die die beginnende Dämmerung noch verstärkten. Der starke Motor ihres Geländewagens vibrierte leise, ohne die Musik aus dem Radio zu stören. Sie beschleunigte, um einen Holztransporter vor ihr zu überholen, dann glitt sie in einem maßvollen Tempo weiter. Sie hatte erkennbar keine Eile.
Es war bereits dunkel, als sie an einer Tankstelle hielt. Sie kaufte etwas Milch, Obst, Butter und einen Laib Brot, um für das erste Frühstück versorgt zu sein. Den dünnen Kaffee, den es hier zu erwarten gab, trank sie in kleinen Schlucken, dabei um ihr geliehenes Auto herumgehend. Der Himmel klarte auf und zeigte sich vollgesprenkelt voller Sterne, kein künstliches Licht verdreckte das Firmament. Sie fand die Kälte erträglich, was sicher am fehlenden Wind lag. Kaum ein Mensch war bei dieser Witterung freiwillig unterwegs; wer konnte, saß daheim am warmen Ofen, nur wer musste, hielt sich draußen auf. Sascha ließ den Motor wieder an und setzte die Fahrt fort, gut die Hälfte der Strecke war bewältigt.
Der bleiche Mond beschien die Weite, in der verschiedene Töne von Weiß auszumachen waren. Das Weiß auf den Zweigen wirkte heller als jenes auf dem Gras, leicht unruhig jenes Weiß auf den teilweise zugefrorenen Seen. Der Schnee schluckte alle Geräusche und verband sie zu einem Nachklang, wie er nach der Beendigung einer Sinfonie im Konzertsaal stehen bleibt. Aus dem Dunkel kamen ihr immer wieder Paare greller Scheinwerfer entgegen, die nach dem Passieren sofort vom Schwarz der beginnenden Nacht aufgesogen wurden. Sascha dachte an nichts Konkretes, sie folgte den leicht melodisch klingenden Ansagen der Moderatoren im Radio, ohne ein Wort davon zu verstehen. Einzelne Namen von Menschen, Städten und Ländern glaubte sie zu erkennen, ohne zu wissen, wie sie genau in der seltsamen Sprache mit den langen Wörtern voller ä, ö, ü, y und j geschrieben würden. Die lakonischen Laute schienen die Wärme im Auto noch zu verstärken, so hegend und märchenhaft wirkten sie für ihre fremden Ohren.
Planmäßig gegen halb sieben fuhr sie kurz vor Kajaani von der Autobahn ab und ließ sich von der KI-generierten Stimme ihrer App zu ihrer Unterkunft lotsen. Sie hatte die Vororte längst hinter sich gelassen und fand sich in voller Dunkelheit auf einem schmalen Wirtschaftsweg in einem schütteren Kiefernwald wieder. Das beißende Weiß des hohen Schnees schmerzte in den Augen, die sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie parkte den Wagen vor der Hütte, machte den Motor aus und trat in den frisch gefallenen Schnee, der ihr sofort bis zum Schaft ihrer Bergstiefel reichte. Weite Stille empfing sie, das Knirschen ihrer Sohlen im Schnee kam ihr übermäßig laut vor, ihr Atem dampfte heftig vor ihrem Gesicht, als rauchte sie eine Zigarre. Wie beschrieben, fand sie am Eingang der Blockhütte einen kleinen Kasten, der sich nach dem Eintippen des Zahlencodes, den ihr der Vermieter geschickt hatte, öffnen ließ. Sie nahm den Schlüssel heraus und schloss die massive Tür auf, die sich lautlos in den Angeln drehte. Heimelige Wärme begrüßte sie, die Zeitschaltuhr hatte die Heizung vor zwei Stunden aktiviert.
Die stabile wie komfortable Blockhütte für eine Woche zu mieten, war einfach kurz vor Lichtmess. Der Weihnachtszauber war lange abgeklungen, bis Ostern war es noch weit hin, die ohnehin dünn besiedelte Gegend schien kollektiv in den Winterschlaf gefallen zu sein. Außer Rentieren war um diese Zeit kaum ein Lebewesen unterwegs, Kinder fuhren auf Skiern zum Unterricht, Schneeräumfahrzeuge hatten die wenigen Straßen passierbar gemacht, die Forstwirtschaft pausierte im Januar, das Siedlungsgebiet der nomadischen Samen begann erst über 100 Kilometer weiter nördlich. Der Vermieter zeigte sich erfreut, sein Haus in dieser Schattensaison vermieten zu können; warum eine Frau aus Deutschland abseits der Ferien ganz allein in ein Haus groß genug für eine Familie ziehen wollte, interessierte ihn nicht weiter. Er freute sich über den unerwarteten Umsatz und richtete alles her.
Sascha machte eine kurze Tour durch das Haus aus hellem Erlenholz, das überall würzig duftete, in Erinnerung an lange erloschenes Sommerlicht. Im Parterre gab es eine sauber ausgestattete Küche und ein großes Wohnzimmer, im ersten Stock nahm sie sich eines der geräumigen Schlafzimmer. Auf dem Küchentisch fand sie eine Beschreibung zur Bedienung der Sauna, die am Rand des Grundstücks direkt am schneebestreuten See lag. Natürlich hatte ihr Telefon hier in der Ödnis Empfang, auch das Wlan funktionierte einwandfrei. Sie holte eine Bienenwachskerze aus ihrer Tasche und entzündete sie, die Flamme zuckte leicht im warmen Luftstrom der Heizung. Angekommen, um nicht wieder zu gehen, das war ihre Empfindung. Sie beglückwünschte sich für die Wahl dieses Logis, wie geschaffen für ihre Absichten. Das Dorf lag fünf Autominuten entfernt, das nächstbenachbarte Haus konnte sie nicht sehen, lediglich eine dünne Rauchsäule stieg darüber senkrecht Richtung Himmel empor.
Beim Auspacken stellte sie erfreut fest, dass sie nichts vergessen hatte. Sie legte die vier Bücher, die sie sich als Grabbeigaben wünschte, auf den Tisch: Sodome et Gomorrhe von Marcel Proust, Garry Kasparov on Garry Kasparov, Part II, Conundrum von Ian Morris sowie die Jerusalemer Bibel aus dem Nachlass ihrer Mutter. Daneben ihr kardinalrotes Moleskine, das sie als Tagebuch benutzte und in das nach Lichtmess keine Termine mehr eingetragen waren. Die Dose mit feinem Sencha stellte sie auf die Anrichte, die dicke Winterjacke im Schlafsackdesign hängte sie an die Garderobe, die Tube mit sämiger Creme für Hände und Gesicht fand Platz im Bad. Das schwarze Stück Haschisch von der Größe des oberen Daumengliedes hatte die flüchtige Zollkontrolle unbeschadet im Necessaire überstanden, vorerst ließ sie es im transparenten Plastiktütchen. Sie kämmte sich die braun getönten Haare, schlüpfte in ihr langes Nachthemd, rollte sich unter der dicken Daunendecke zusammen und lauschte in die Winternacht.
Sie erwachte nach einer traumlosen Nacht, als habe sie geschlafen für zwei, so traulich erschöpft fühlte sie sich, als sie in die frühen Sonnenstrahlen blinzelte. Nach einer Kanne Grüntee zog sie sich an und fuhr ins nächste Dorf. Die Landschaft kam ihr im Morgenlicht entgrenzter vor als gestern bei der Ankunft im Dunklen, die Sonne schickte sich an, an einem azurblauen Himmel ihren Thron im Reigen der Gestirne einzunehmen. Im kleinen Krämerladen war sie die einzige Kundin, die etwa gleichaltrige Kassiererin akzeptierte nur ihre Kreditkarte. Spätestens zu Mittag würde das ganze Dorf wissen, dass sich eine schweigsame Deutsche hier für ein paar Tage eingenistet hatte. Sie räumte den Proviant in die reinlich ausgewischten Schränke und machte sich auf einen Spaziergang durch den tief verschneiten Wald. Vor dem Haus konnte sie einige Fährten erkennen, der Größe der Fußabdrücke nach müsste es sich um ein schweres Tier gehandelt haben, das des nachts allein seine Kreise zog.
Die klare Polarluft benebelte ihre Sinne, ihre Augen schützte sie mit einer Sonnenbrille vor dem gleißenden Weiß, an dem sich nicht vorbeischauen ließ. Der Schnee machte es ihr leicht, sich im endlosen Gewirr der schlanken Bäume nicht zu verlaufen; hier gab es offenbar niemanden, der ihre Spuren hätte verwischen können, sie musste nur ihren eigenen Schritten zurück zur Hütte folgen. Eine solche Stille hatte sie noch nie erlebt, beinahe materiell drückte sie auf die Zweige, in denen sie keinen einzigen Vogel ausmachen konnte. Wie überstehen die Tiere diese langen Monate, in denen es praktisch nichts zu fressen für sie gibt? Teils sammelten sie sich in Höhlen oder gruben sich in den Boden ein, bevor dieser im Frost erstarrte; teils zogen sie weiter nach Süden, wo es etwas wärmer war. Und dann gab es Tiere, die an diese strengen klimatischen Bedingungen optimal angepasst waren, auch dadurch, dass sie keine Fressfeinde zu fürchten hatten. Knackte da ein Zweig im Gehölz unter dem Huf eines Elches? Huschte da ein Polarfuchs im hellgrauen Fell durch das Unterholz? Sie fühlte sich beobachtet, ohne sagen zu können, von wem. Bevor es ihr unheimlich werden konnte, machte sie kehrt, jeder Schritt durch den verwehten Schnee war Teil einer Expedition.
Den kurzen Nachmittag verbrachte sie im Wohnzimmer sitzend. Das Panoramafenster ging auf den zugefrorenen See hinaus, an dessen entlegenem Ufer sich die Baumwipfel aneinanderzuschmiegen schienen. Mochte es auch fast zwanzig Grad Kälte haben, unbelebt war die Gegend hier sicher nicht. Nur folgte das Leben hier anderen Regeln als in der Stadt, die vollends in der Hand des Menschen und seiner Technik ist und um seine Bedürfnisse herum organisiert wird. Sie wusste, dass sie nicht mehr dorthin zurückkehren würde, dass sie an diesem Ort ihren Ausgang aus dem Leben gefunden hatte. Sie hatte es sich seit Monaten ausgemalt, hatte mit tiefem Ernst auf diesen Moment hingewirkt, hatte alle notwendigen Schritte getan, sich darauf vorzubereiten. Nun, als sie ihrem Ziel so nahe gekommen war, konnte sie sich sagen, wie richtig alles war. Nach Einbruch der Dämmerung stapfte sie zum Seeufer und setzte anhand der kurzen Beschreibung die Sauna in Betrieb. Nach drei ausgedehnten Gängen bei 95 Grad Celsius in trockener Luft, die sie fast hätten bewusstlos werden lassen, schlief sie leergeschwitzt und selig wie Eva, die erste Frau auf Erden.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, ahnte sie instinktiv, dass ihr jüngster Tag begonnen hatte. Sie verließ das Bett im Wissen, alles, was sie nun tun würde, zum letzten Mal zu tun. Zu ihrer Morgenroutine gehörte das Schlucken von L-Thyroxin und dem Östrogenpräparat, dem sie ihre seidige Haut zu verdanken hatte; fortan überflüssig, aber warum nicht symbolisch am Bewährten festhalten? Sie machte sich auf zum Seeufer und schaufelte eine etwa zwei mal zwei Meter große Fläche frei und grub eine vielleicht zwanzig Zentimeter tiefe Kuhle. Sie setzte sich mit einer Kanne Sencha, einer Schale Müsli und frischen Orangen an den Tresen in der Küche und lauschte ihren ruhigen Atemzügen. Um sie herum lag die Welt in winterlicher Erstarrung, sie selbst war beweglich wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Was wäre, wenn dieser Zustand länger anhielte? Sollte sie umkehren und auf einen anderen Weg umschwenken? Warum? Sie wusste ja, was sie im alten Heim erwartete: Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Schmerz. Warum sich zustimmend der langsamen Vernichtung zuwenden? Sie fand auf dem Musikportal eine konzertante Einspielung der Tannhäuser-Ouvertüre. Diese fünfzehn Minuten hochheiliger Musik hatte sie nie hören können, ohne dabei zu weinen, aus Freude, aus Erleichterung, im Vorgriff auf die Auferstehung.
Als die Sonne untergegangen war und die nordische Dunkelheit alles absorbiert hatte, setzte Sascha den lang gehegten Plan um. Sie duschte und zog sich frische Wäsche an, betrachtete sich lange im Spiegel und wunderte sich über ihre Gelassenheit. Sie schminkte sich die Lippen in Kirschrot, tuschte die Wimpern und ließ die frisch gewaschenen Haare offen auf die Schultern fallen. Sie nahm pflichtschuldig ihr Telefon und schaute auf Signal und Telegram, ob dort Nachrichten eingegangen waren, die es gegebenenfalls zu beantworten gelte. Ganz offiziell hatte sie eine Woche Urlaub genommen, im Büro würde sie niemand vermissen. Sie wischte durch ihre Kontakte und sprach die einzelnen Namen halblaut zu sich, jedem gab sie ein hauchendes Tschüss hinterher. Dann öffnete sie ihre App für Bankgeschäfte und räumte ihr Konto weitgehend leer. Die ordentliche Summe ging an die Benediktinerabtei in den Baumbergen, die sie schon öfter mit Spenden bedacht hatte. Der Rest auf dem Konto sollte ausreichen für die anstehenden Kosten für die Bergung und die anschließende Bestattung. Auch dafür hatte sie beizeiten Vorkehrungen getroffen. Abschließend hebelte sie mit einer Nadel die SIM-Karte ihres Telefons hervor, zerschnitt diese und spülte sie die Toilette hinunter.
Das dunkle harzige Haschisch roch betörend, es hatte eine Konsistenz zwischen Wachs und Lakritz. Sie nahm das ganze Stück, das gereicht hätte, um vier Erwachsene high zu machen, schob es auf die Zunge, speichelte es ein und lutschte darauf herum, bis es schließlich zu einem krümeligen Gelee wurde, den sie portionsweise schluckte. Sie trank ein Glas Milch dazu, deren Fett die Aufnahme des Wirkstoffs THC über den Magen beschleunigen würde. Nun blieb ihr eine runde Stunde, bis die berauschende und sodann schlaferzwingende Wirkung einsetzen würde. Sie las die berühmte Stelle bei Marcel Proust, wo der Baron de Charlus und Jupien unvermutet zueinander finden, dabei vom verborgenen Erzähler beobachtet. Sie las die Kommentare Garri Kasparows zu der 24. Partie seines Wettkampfes von 1985 gegen Anatoli Karpow, die er in bravourösem Stil gewann und mit der er Schachweltmeister wurde. Sie las bei Ian Morris über die heilende Wirkung der externen Östrogene, die den testosteronverwüsteten Leib einer lebensrettenden Transformation unterziehen. Und schließlich las sie die Verse aus Num 6,24-26: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.
Ihr Geist war mit diesem literarischen Vorrat bestens versorgt, ihre Seele schmerzte und blutete indes weiter, ihr Körper schien sein Gewicht halbiert zu haben. Es gab keine Zeit mehr zu verlieren, die Schwelle des Übergangs war erreicht. Sascha legte die Schlüssel, ihre Karten und ihr Portemonnaie zu den Büchern auf den Tisch im Wohnzimmer, zog ihre Jacke an und ließ die Tür ins Schloss fallen. Am Seeufer angekommen, rollte sie ihre Yogamatte in der vorab ausgehobenen Kuhle aus. Sie schaute sich noch einmal zum Haus um, alle Lichter hatte sie gelöscht. Der hohe Mond stand so hell, dass sie beinahe ein Buch im Freien hätte lesen können. Sie legte sich auf den Rücken und schob sich ein kleines Kissen unter den Kopf; dann öffnete sie den Reißverschluss ihrer Jacke, schlug deren Schöße zur Seite und zog die Arme aus den Ärmeln. Am Torso trug sie einen Badeanzug und darüber ein dünnes Leibchen, die Hände steckten in gefütterten Laufhandschuhen. Die Beine waren mit einer Steghose bekleidet, an den Füßen trug sie ihre wasserdichten Wanderstiefel.
Die Wirkung des THC hatte sie soghaft erfasst. Sie spürte ihr Blut schneller zirkulieren, was sie groteskerweise etwas wärmte, wie es eine Ganzkörpermassage tut. Auch ihr Geschlecht wurde stärker durchblutet, was von wollüstigen Phantasien begleitet wurde. Gleichzeitig breitete sich eine paradiesische Ruhe in ihrem Inneren aus, wie am siebten Tag der Schöpfung, der erlösende ewige Schlaf war ganz nah. Ihre Gedanken kamen und gingen ohne jede Richtung, sie fuhren Karussell und brachen unvermindert wieder ab, ihr ganzer Geist wollte sich öffnen und sich von der Erdenschwere befreien. Gleichzeitig erfasste der Nachtfrost wie gewünscht ihren Leib, von unten feucht, von oben als eisiger Schauer, die Bronchien schmerzten bei jedem Atemzug, was sie automatisch flacher atmen ließ. Ihre großen Gelenke fingen an zu ziehen und zu knacken, sie wusste nicht, ob ihre Knöchel sie noch getragen hätten, wäre sie von ihrem Lager aufgestanden. Aber das wollte sie ohnehin nicht. Mein Gott, nimm mich an, wie ich bin, wisperte sie.
Es fiel ihr schwer, die Augenlider zu heben; die Sterne über ihr funkelten in einer bis dahin unbekannten Schönheit. Sie hatte ihre Arme und Beine geöffnet und lag nun wie ein Seestern in der offenen Nacht. Ihre Gesichtshaut spannte, ihre Zunge schmeckte Eis auf den Lippen, Brust und Bauch wollten sich konkav zusammenziehen als Reaktion auf die beginnende Erstarrung des Leibes. Der Blutkreislauf beschränkte sich auf die Versorgung der inneren Organe, der Herzschlag verlangsamte sich, die Körpertemperatur begann bedrohlich zu sinken. Ein leichter Wind hatte angefangen, Schneeflocken vor sich herzutreiben, diese bedeckten ihren Leib mit einer dünnen Schicht gefrorenen Wassers. Eine Welle des Fröstelns erfasste ihn, ihre gedämmte Seele hatte dem beginnenden Erfrieren der Vitalfunktionen nichts mehr entgegenzusetzen, gottlob. Von klarem Denken konnte nicht länger die Rede sein, längst hatten sich ihre Gedanken selbstständig gemacht und sich gelöst von der sie ermöglichenden Materialität des Leibes. War das die Unzerstörbarkeit der Seele, von der im katholischen Glauben permanent die Rede ist?
Bekannte Gesichter zogen an ihr vorbei. Sie dachte intensiv an ihre Mutter, die vor neun Jahren einen Tag vor Lichtmess gestorben war. Die Andeutung eines Lächelns kam auf ihre Lippen, als sie gewahr wurde, ihre Mutter möglicherweise bald wieder zu sehen. Schließlich wurde sie von einem heftigen Schwindel gepackt, der jeden Willen beendete und sie vollends in den Kreislauf des Werdens und Vergehens einspeiste. Warum etwas aktiv beenden, was ohnehin zeitlich begrenzt ist? Weil darin ein Akt der Freiheit liegt, eine Revolte gegen das Schicksal? Viel einfacher, weil damit die quälende Hoffnung auf Besserung abtritt, weil damit das unmenschliche Leiden abgekürzt wird. Das Letzte, was sie auf dem Grund dieser Nacht wahrnahm, war ein intensives Farbschimmern, von Schwarz und Kohle über Grau und Meer, Tinte und Azur zu Elfenbein und Ei. Zum Ende hin blendete das Weiß mehr, als Kälte und Hitze es gemeinsam je taten. Im letzten Schritt hörte das Zucken auf, der Kopf rollte zur Seite, der Raum wurde ein einziges Strahlen. Sascha starb, wie sie gelebt hatte, allein, am Rand, beziehungslos. Bevor sie endgültig das Bewusstsein verlor, murmelte sie ein paar Worte, mehrfach wiederholt. War es ein Gebet? Niemand war in der Nähe, der es hätte bezeugen können.