LSBTIQetc

Der August ist fast rum, die schlimmste Zeit des Sommers mit seinem nicht endenden Licht ist überstanden. In den Gemüseläden tauchen jetzt vermehrt Feigen auf, gerade reif, sehr erfrischend bei obszön hohen Temperaturen. Die Ferien sind vielerorts vorbei, auch die CSD-Saison neigt sich dem Ende zu. Trauriger Höhepunkt der diesjährigen Paraden für die Rechte Schwuler, Lesben und Transmenschen war natürlich der Anschlag auf den CSD in Berlin Ende Juli. Ein Attentäter war am Abend mit einem Auto in die Menge gerast, tötete eine Frau und verletzte 30 weitere Menschen zum Teil schwer. Keine 24 Stunden später wurde der Täter beim Versuch, ihn zu verhaften, von der Polizei erschossen.

Der Täter kann den Ermittlern nun keine Auskunft mehr über sein Motive geben, kann Planung und Vorbereitung der Tat nicht mehr rekonstruieren. Das ist auch nicht nötig, denn bei den Behörden war der 21 Jahre alte Mann als sogenannter Gefährder registriert, dem eine hohe Gewaltbereitschaft gegen „Ungläubige“ attestiert wurde. Zudem war er einschlägig vorbestraft und hatte die gerichtliche Auflage, an einem Deradikalisierungsprogramm für Islamisten teilzunehmen. Die forensische Analyse seiner Aktivitäten im Internet und speziell auf Social Media-Plattformen vervollständigt das Bild eines Mannes, der Schwule, Lesben und Transmenschen anlasslos hasste und der für sich in Anspruch nahm, gegen diese „Degenerierten“ militant vorzugehen. Am islamistischen Motiv des Täters gibt es keine begründeten Zweifel, sein Hass auf geschlechtliche und sexuelle Freiheit dürfte sich als therapieresistent erwiesen haben.

Die im August folgenden Paraden zum Christopher Street Day in deutschen Städten von Hamburg bis Münster konnten den Terroranschlag in der Hauptstadt nicht aussparen, die Organisatoren bezogen sich ebenso darauf wie Lobbygruppen und Medienvertreter. Allen Stellungnahmen war gemein, dass zwar von Bestürzung und Schmerz die Rede war, von Trauer und Wut, auch vom Bestehen auf Sichtbarkeit. Mit keinem Wort aber wurde die mentale Herkunft des Täters erwähnt, wurde auf das islamistische Milieu verwiesen, das schon länger speziell gegen Schwule, Lesben und Transmenschen mobil macht, wie es auch Juden ins Visier nimmt. Voller Verkrampfungen redeten die selbst ernannten Repräsentanten einer „queeren Community“ von angeblichen autoritären, faschistischen, rechtsextremen Strukturen, die für den Anschlag verantwortlich seien. Wie praktisch, denn über anonyme Strukturen kann man ausgiebig lamentieren, diese aber nicht zur Rechenschaft ziehen.

Wer auf einem der zahlreichen CSD dieses erbarmungslosen Hitzesommers anwesend war, sah zunächst die allgegenwärtige Regenbogenflagge, die zum Zeichen einer ausdifferenzierten „queeren“ Szene geworden ist; gerade junge studentisch geprägte Menschen tragen die Flagge wie einen hegenden Umhang. Eigentlich dominant aber sind explizit politische Symbole, die auf das linksradikale Spektrum verweisen: Die aggressive „Palästina“-Flagge ist ebenso präsent wie das Doppelsignum der Antifa, Pappschilder mit „Refugees welcome“-Slogans werden ebenso in die Höhe gereckt wie Hammer und Sichel der Sowjet-Nostalgiker. Animierten früher Songs von ABBA, Marianne Rosenberg und Kylie Minouge die Leute zum Tanzen, schnarren heute die Kommandos des Gangsta-Rap über die Köpfe der Teilnehmer. Es geht beim CSD nicht mehr um politische Forderungen der Schwulen, Lesben und Transmenschen, vielmehr wird die Parade von den Kadern der Linksradikalen gekapert, die ihre Vernichtungsphantasien gegen Israel und Juden ohne Scheu artikulieren.

Es braucht schon ein gerüttelt Maß an Chuzpe, um von Gefahren für den CSD und die „queere“ Gemeinde zu sprechen, ohne die größte Bedrohung durch den Islam auch nur in einem Nebensatz zu erwähnen. Die jahrelange Agitationsarbeit an den Universitäten mit ihren obskuren Gender, Postcolonial, Cultural und Antiracist Studies trägt nun faule Früchte. Die Verharmlosung der islamistischen Gefahr gerade für Schwule gipfelt in den lächerlichen Sprechchören der „Queers for Gaza“, ausgestoßen von Menschen, die damit rechnen müssten, in eben jenem Gaza für ihre blanke Existenz im Namen Allahs ermordet zu werden. Dass sich ausgerechnet westlich sozialisierte junge Akademiker nach dem Hamassaker mit einer alles Individuelle hassenden archaischen Kultur der Geschlechterhierarchie solidarisieren oder gar identifizieren, kann nur als besonders schwerer Fall des Stockholm-Syndroms interpretiert werden, Heilung unwahrscheinlich.

In einer liberalen Republik haben Schwule, Lesben und Transmenschen gottlob keinen Grund mehr, politische Forderungen zu erheben, ihre Gleichstellung ist längst erreicht. 1994 hat die Bundesrepublik den berüchtigten § 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte, ersatzlos aus dem Strafgesetzbuch gestrichen; Lesben wurden in Deutschland nie wegen ihrer Sexualität verfolgt; Transmenschen können seit 1981 legal den Namen und den Personenstand ihres erlebten Geschlechts annehmen; auch die steuerliche und erbrechtliche Gleichstellung ist vollzogen, das Institut der Ehe steht ausnahmslos allen Menschen offen. In den letzten Jahrzehnten hat die gesellschaftliche Öffnung gegenüber Schwulen, Lesben und Transmenschen mit den rechtlichen Normen Schritt gehalten. Diese Akzeptanz ist nun in Gefahr: Die Bedrohung kommt dabei nicht länger vom Staat, auch nicht von einer tödlichen Krankheit namens Aids, auch nicht vom rechten Rand des politischen Spektrums, sondern vom rasch wachsenden islamistischen Milieu, das es heute in ganz Westeuropa in bedenklicher Stärke gibt.

Hört man den Lautsprechern der „queeren“ Gemeinde zu, wähnt man sich in einem sozialen Paralleluniversum. Ausgerechnet jene Kultur, die in den Staaten, in denen sie hegemonial wird, Schwule verfolgt, mit dem Gefängnis und in Teilen mit dem Tod bedroht, wird von naiven westlichen Studenten als Alliierte im Kampf für die eigenen Rechte gesehen. In Frankreich nennt sich dieses Anbiedern der Linken bei den Muslimen Islamo-Gauchisme, die deutsche Entsprechung wäre cum grano salis „Gays for Palestine“. Die Parteien links der Mitte hierzulande sind eifrig dabei, islamistische Attentate zu relativieren oder gar klammheimlich zu begrüßen; auch die organisierte queere Szene ist anfällig für diese selbstmörderische Empathie mit einem generischen Gegner. Zu den lähmenden Folgen universitärer Intersektionalität gehört der Glaube an einen Schulterschluss „marginalisierter Gruppen“, als die Queere, Arme, Schwarze und Muslime betrachtet werden.

Es reicht im Übrigen ein Blick auf die Teilnehmer einer beliebigen Demonstration zum CSD, um ihren verfemten „weißen“ Charakter zu entlarven; die viel beschworenen Unterstützer aus der muslimischen Welt sind schlicht inexistent. Solange es die größte Sorge der Organisatoren eines CSD ist, der Terroranschlag von Berlin könnte zu Ressentiments gegenüber Muslimen führen, sind die Paraden Teil des Problems, nicht der Lösung. Die verbohrte Identitätspolitik der Linken hat im Falle LSBTIQetc zu einem grotesken Akronym geführt, das für Außenstehende nicht länger aufzuschlüsseln ist. Sie hat aus einer Geschlechtszugehörigkeit und einer sexuellen Orientierung eine politische Haltung gemacht, die keine parlamentarische Repräsentationslücke vorfindet. Und sie verkennt in einer grausamen Täter/Opfer-Umkehr, aus welcher Richtung die Bedrohung für Schwule, Lesben und Transmenschen kommt. Noch ist es nicht zu spät, diese Gefahr zu benennen und gegebenenfalls zu bannen. In 20 Jahren aber, die laufende demographische Entwicklung extrapolierend, könnten Paraden zum CSD bereits verboten sein.