Parallele

„Ich bin mir nicht sicher“, wisperte Wolfgang mehr, als er sprach. „Wahrscheinlich vor sieben oder acht Jahren auf einer Dienstreise nach New York.“ Damit war die erste Frage beantwortet, und strenggenommen auch die zweite. Kerstin ließ ihre Hände auf seinen Schultern liegen, als wollte sie ihn dergestalt ermuntern, weiter zu reden. Sie stand zugleich neben sich und realisierte, dass ihr ganzes Leben ins Rutschen geraten war. Ihr Ehemann war infiziert und zeigte schwere Symptome der Erkrankung. Sie rechnete fieberhaft nach, wann sie das letzte Mal miteinander geschlafen hatten. Sie erinnerte sich an einen langen Text in der Wochenzeitung, die sich als Meinungsführerin im bürgerlich liberalen Milieu begriff, zur Infektion. Da hieß es, dass direkt nach der Ansteckung der Organismus mit grippeähnlichen Symptomen reagiere, die nach einer Woche von selbst abklängen: Geschwollene Lymphknoten, Nachtschweiß, Temperatur, Gliederschmerzen, allgemeines Unwohlsein. Nichts davon hatte sich bei ihr gezeigt. „Wolfgang, bei wem hast Du Dich infiziert?“

„Ich weiß nicht, wie er heißt. Ich würde ihn gar nicht mehr wiedererkennen, es ist so dunkel in diesen Clubs.“ Das war es also. Ihr Mann traf sich mit Männern, hatte Sex mit ihnen, waren auch Gefühle im Spiel? Hatte er einen Liebhaber? Wolfgang schien lesen zu können, was sich hinter ihrer Stirn abspielte. „Ja, Kerstin, es stimmt. Ich habe einen Freund, den ich regelmäßig treffe. Ich liebe ihn, so wie ich auch Dich und die Kinder liebe.“ Sie wusste nicht, ob sie gerade gehört hatte, dass ihr Ehemann einen Partner hatte. „Warum hast Du mir das nie erzählt? Warum musst Du erst krankwerden, um mir zu sagen, dass Du auf Männer stehst?“ Kerstin nahm ihre Hände von seinen Schultern und setzte sich Wolfgang gegenüber, durch den Tisch mit dem Abendbrotgeschirr getrennt. „Wir sind seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet, wir haben zwei Kinder, treffen uns mit der Familie, mit Freunden und Bekannten. Und Du hälst es nicht für nötig, mir gegenüber ehrlich zu sein?“

Wolfgang hielt ihrem Blick stand, wurde aber vor ihr ganz klein und hilflos. „Ich wollte es Dir sagen, ich habe es mehrfach versucht, es hat nie gepasst.“, entschuldigte er sich. „Wie soll das nun weitergehen?“, fragte Kerstin ganz pragmatisch. „Kannst Du überhaupt noch arbeiten, was passiert jetzt medizinisch?“ – „Auch das ist unklar, ich weiß es nicht. Ein Medikament gibt es nicht, haben sie mir in Eppendorf gesagt. Die Ärzte können nur untersuchen, was an Beschwerden hinzukommt, ursächlich helfen können sie mir nicht.“ – „Verdammt, Wolfgang, Du bist unverantwortlich. Du hast eine unheilbare Erkrankung und erzählst Deiner Frau nichts davon. Was denkst Du Dir dabei, was geht in Dir vor?! Seit wann weißt Du von der Infektion?“ Vor ihrem linken Auge zuckten kurze Blitze, als bekäme sie wieder eine Migräneattacke. Das wäre das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Wolfgang saß in sich zusammengefallen auf seinem Stuhl, Messer und Gabel hatte er längst beiseite gelegt. „Kerstin, es tut mir so leid. Ich wollte Dich nicht anlügen, ich dachte …“, begann er, ohne weiter zu sprechen. „Du dachtest, Du könntest zwei Menschen nebeneinander lieben? Deine Frau und Deinen Freund, von dem Deine Frau aber nichts wissen darf? Wolfgang, ich verstehe Dich nicht. Hast Du mich all die Jahre als Alibi benutzt?“ Kerstin fingerte nach einer Haarspitze und drehte sie um ihren Daumen. Ihr kam die Situation völlig surreal vor, redete sie gerade wirklich mit ihrem Gatten über seine Liebhaber, über seinen Partner? Zum Glück konnte sie sitzen, ihre weichen Knie hätten sie nicht aufrecht tragen können. „Und dann bist auch noch sichtlich krank. Hast Du nie daran gedacht, dass Du auch mich anstecken könntest? War es Dir schlicht egal? Warum hast Du mir nichts gesagt?“

Wolfgang gab ihr keine Antwort, weil er keine hatte. Offenbar hatte er sich in ihrer Ehe eingerichtet, die für ihn Fassade und Schutz darstellte, und in deren Schatten er seine eigentliche Liebe pflegte. Wie naiv und treugläubig sie doch gewesen war. Sie dachte an einen Urlaub vor fünf Jahren auf Gran Canaria, wo Wolfgang demonstrativ Abstand hielt zu einer Gruppe durchtrainierter Rennradfahrer, obwohl er selbst Ausdauersport trieb. Natürlich, er hielt sich in der Öffentlichkeit von jenem fern, was er begehrte. Und sie spielte das Spiel intuitiv mit und glaubte, was er sie glauben machen wollte. Mein Gott, das war kein Vertrauen, das war Theater, das war Inszenierung und Illusion. Und dann ein Abend im Thalia, als sie ein befreundetes Paar im Foyer trafen und Wolfgang sich bis zur Unhöflichkeit wortkarg zeigte: Er wollte weg vom Mann, dem er verfallen war. Es war so offensichtlich und zugleich so naheliegend getarnt; sie kam sich vor wie in einer Szene aus „Sodom und Gomorrha“.

„Du hast mich angelogen, Wolfgang. Wir haben uns geschworen, dass wir zueinander immer ehrlich sein wollen, was auch geschieht. Und jetzt gibst Du zu, dass Du mich – wie lange? – hintergangen hast, dass Du ein paralleles Leben neben unserer Ehe führst. Wo wohnt denn Dein Freund?“ Auf die letzte Frage wollte sie keine Antwort erhalten, stellen musste sie sie trotzdem. „Es ist ja egal, Wolfgang. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht zwischen uns. Ich muss das erst einmal verdauen, Du bist nicht mehr der Mensch, für den ich Dich gehalten habe.“ Die Stille stand greifbar zwischen ihnen, sie verband sie mehr, als dass sie sie trennte; Lügen stiften ebenso Verbindungen wie Geständnisse. Kerstin stand auf, ging ins Wohnzimmer und trat auf den Balkon. Die Nachbarin von gegenüber parkte ihren Mini gewandt in die Lücke und winkte zu ihr herauf. Kerstin straffte sich und erwiderte den Gruß. Wussten hier in der Gegend alle Bescheid? War sie die Einzige, die die Zeichen nicht zu deuten vermochte?

Sie wusste nur, dass sie gerade eine echte Zäsur in ihrem Leben erlebte. Nicht nur ihr Leben, das ihrer Familie, löste sich gerade in unbekannte Elemente auf. Sie war verheiratet mit einem Mann, der Männer liebte, der sich mit dem tückischen Virus infiziert hatte, der bereits ernsthaft erkrankt war. Sie wollte nur, dass sein Freund mit der weiteren Entwicklung nichts zu tun hatte, sie konnte ihn nicht neben sich ertragen. Sie trat wieder ins Zimmer und setzte sich. „Wolfgang, ich brauche jetzt meine Ruhe, ich muss mit der Situation klarkommen und überlegen, was ich jetzt brauche und wo ich es bekomme. Ich möchte, dass Du die Wohnung verlässt und Dir für heute Nacht ein Hotelzimmer nimmst.“ Wolfgang nahm diese Aufforderung hin wie ein Urteil, das aus den Wolken über ihn kam. Er spürte mit jeder Faser, dass Kerstin recht hatte, dass er hier nur störte. Er drückte seinen geschwächten Körper vom Tisch hoch und warf ein paar Kleidungsstücke in eine Reisetasche. Als er die Wohnungstür ins Schloss zog, trafen sich ihre Blicke, ihre Augen schienen weiß zu glühen.