Wagner hören heißt Weinen lernen – Andrea Warnekros
Kirche ist mehr als ein nach den Brandschutzvorschriften oder den Gesetzen der Akustik umbauter Raum: Sie ist ein heiliger Ort mit klarer Bestimmung. Mit der Weihe wird der Kirchbau zu einem Ort, an dem die Heilige Messe gefeiert werden kann. Doch auch einem sakralen Bau kann mit der Zeit sein Ursprungszweck abhanden kommen. Sowohl die katholische Kirche als auch die evangelischen kirchenähnlichen Gemeinschaften verlieren in Deutschland kontinuierlich Mitglieder und damit Kirchensteuerzahler. Dieser Mitgliederschwund führt zum Zusammenlegen ehemals selbstständiger Pfarreien zu sogenannten pastoralen Räumen, letzten Endes zur Aufgabe einzelner Kirchen. Sobald diese profaniert worden sind, können sie für eine weltliche Nutzung umgebaut werden.
Wie eine Profanierung keineswegs ablaufen sollte, zeigt das abschreckende Beispiel von Sankt Kamillus am Klausenerplatz. Vis-à-vis des Schlosses Charlottenburg gelegen, wurde die Kirche 1932 geweiht; von Beginn an wurde sie vom namensgebenden Kamillianerorden betreut, der in dem Gebäude neben der Kirche auch eine Kita und eine Altenpflegestation betrieb. Anfang des Jahres machten erste Gerüchte über eine bevorstehende Schließung der Kirche die Runde unter den Gemeindemitgliedern, im Sommer wurden diese zur traurigen Gewissheit. Das Erzbistum Berlin, finanziell und administrativ verantwortlich für Bau und Glauben am Klausenerplatz, gab sich zugeknöpft ob der Zukunft des Gebäudes, das, typisch für Preußen, als katholische Kirche nicht freistehen darf, sondern sich von der Traufhöhe einfügen muss in die Blockrandbebauung der Stadt.
Immerhin war in Erfahrung zu bringen, dass das Erzbistum eine spezialisierte Maklerfirma mit der Nachnutzung des zu profanierenden Baus beauftragt hat. Ob diese Firma bereits einen Kunden hat finden können; worin genau die geplante Nachnutzung bestehen wird; wie lange mögliche Umbauarbeiten dauern werden – auf diese naheliegenden Fragen der Gläubigen verweigert das Erzbistum halsstarrig jede Antwort. Bereits im Herbst wurden die Kinder auf andere Kitas verteilt, auch die Pflegebedürftigen mussten sich eine neue Bleibe suchen. Am II. Weihnachtstag ging das letzte Licht in Sankt Kamillus aus, die Möbel aus dem Pfarrsaal waren längst abtransportiert, in einer schalen Zeremonie wurde aus dem sakralen Raum ein Gebäude ohne bestimmte Zukunft. Bleibenden Schaden aber dürfte die wegwerfende Kommunikation des Bistums hinterlassen, das die Gläubigen wie dumme Schafe behandelte; diese müssen nun sehen, wer sich um ihr Seelenheil kümmern wird.
Im zuende gehenden Jahr 2025 wurden in Deutschland 46 katholische Kirchen profaniert, im Jahr zuvor waren es noch deren 66. Meist liegen die Gebäude auf großzügigen Grundstücken attraktiv in den Zentren der Städte oder der Quartiere; jahrzehntelang bildeten sie den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, das sich über Taufen, Firmungen, Heiraten und Beerdigungen vorwärts bewegte. Daher sind die Begehrlichkeiten, die eine Entweihung in der Immobilienbranche weckt, prima vista nur zu verständlich. Ein ganzer Strauß an Nutzungskonzepten drängt sich förmlich auf: Naheliegend die Umwidmung zu Wohnungen oder Büros, denkbar die Einrichtung eines Restaurants oder einer Disco, vorstellbar der Umbau zu Ateliers und Proberäumen. Weitere Lösungen sind etwa eine Kletterhalle, eine Fahrradgarage, eine Bibliothek oder ein Museum. Und im schlimmsten Fall wird aus einer ehemaligen Kirche eine Moschee, angesichts des ungehindert um sich greifenden Islam in Westeuropa eine berechtigte Horrorvision.
Dass Sankt Kamillus nun ausgerechnet am II. Weihnachtstag von einem sakralen zu einem profanen Raum wird, hätte dümmer seitens des Erzbistums nicht aufgesetzt werden können. Immerhin ist Weihnachten nicht nur ein kommerziell hemmungslos überwölbtes Fest, es ist auch der Einbruch des Göttlichen in die irdische Welt, in Gestalt eines Kindes – ein Phänomen, das keine andere Religion kennt. Warum man den Weihnachtsfestkreis, der bis zur Taufe des Herrn am Sonntag nach Epiphanie geht, sich nicht schließen lässt, bevor man die Kirchentür für immer versperrt, lässt sich den Gläubigen nur schwer vermitteln. Gerade die katholische Kirche, die in ihrer zweitausend Jahre währenden Geschichte ein immenses Gespür für die Wirkung von Gesten, Zeichen und Symbolen entwickelt hat, sollte wissen, wie verstörend ein Akt der Profanierung ausgerechnet an einem Hochfest daherkommt, egal, welche Geschichte des Gebäudes damit beginnt.
Selbst erklärte Atheisten sind der Auffassung, dass mit dem Schließen einer Kirche nicht nur die Feier der Messe an diesem Ort ihr Ende findet, sondern dass auch das soziale Leben eines Viertels empfindlich getroffen wird. Das bezieht sich ganz direkt auf die Möglichkeiten, sich mit anderen Gemeindemitgliedern zum Spiel und zur ehrenamtlichen Arbeit zu treffen, andere Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten, kennenzulernen, Freundschaften mit Gleichgesinnten zu schließen; es geht auch um den Verlust einer bindenden Energie, die sich im Glockengeläut ebenso manifestiert wie im Chorgesang, den schmückenden Gewändern und den weiß-gelben Flaggen des Vatikan. Die Profanierung einer Kirche wird unweigerlich begleitet von einer Verweltlichung des Geistes – mit Max Weber kann man von einer Entzauberung der Welt sprechen.
Bei allem Spott und aller Häme, die sich das ganze Jahr über die katholische Kirche und den Glauben ergießen, darf nicht übersehen werden, dass es noch immer knapp 20 Millionen Katholiken in Deutschland gibt (und weltweit annähernd 1,4 Milliarden). Selbst in einer gottlosen Stadt wie Berlin mit einer Katholikenquote im mittleren einstelligen Bereich demonstrieren die Gläubigen Sonntag für Sonntag, dass es auf der Erde um mehr geht als um Geld, Macht, Ruhm und Schönheit. Natürlich strukturieren diese Kategorien ganz wesentlich den Umgang der Menschen untereinander, und den meisten wird kaum der Gedanke kommen, dass in dieser Aufzählung noch etwas fehle. Erst wenn die nächste Kirche verschwindet und an ihrer Stelle gegebenenfalls ein Parkhaus errichtet wird, dämmert es selbst den religiös Unmusikalischen, dass ein Stück abendländischer Identität dahingeht. Die sich auftuende Leere ist keine Baulücke, die sich routiniert füllen ließe. Es ist eher wie nach einer Amputation: Das Leben ändert sich zum Schlechten, es muss eine Strategie her, mit den Einschränkungen umzugehen. Das geht so lange so leidlich gut, bis eine invasive Lehre sich des Raumes bemächtigt und ihn mit harschen Geboten füllt, Sanktionen inbegriffen. Das kann niemand bei Verstand ernsthaft wollen.