Rudolf

Rudolf Chametowitsch Nurejew wurde 1938 während einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in Tatarstan geboren, er starb 1993 in Paris an den Folgen von Aids. Er nahm mit elf Jahren Ballettunterricht und gelangte mit sechzehn an die Ballettschule der Oper in Ufa, eigentlich zu spät für eine professionelle Ausbildung. Doch bereits 1958 wurde er Solist am Kirow-Ballett in Leningrad, 1961 nutzte er ein Gastspiel des Ensembles in Paris zur Flucht in den Westen. Das hohe Niveau seines Tanzes konnte er auch nach dem Verlassen der Sowjetunion locker halten und noch steigern, er tanzte an allen großen Häusern der Ballettwelt, oft an der Seite der zwanzig Jahre älteren Ballerina Margot Fonteyn. Als auch bei ihm in späteren Jahren das Alter seinen Tribut forderte und er die Prinzenrollen des klassischen Repertoires nicht mehr glaubhaft verkörpern konnte, widmete er sich der Choreographie und dem Dirigieren, letztes ohne großen Erfolg; in den 1980er Jahren war er zeitweilig Ballettdirektor der Pariser Oper. Er zählt mit Vaslav Nijinski, Mikhail Baryshnikov und Vladimir Malakhov zu den größten Tänzern des 20. Jahrhunderts.

Das Handlungsballett „Nurejew“ (Choreographie Yuri Possokhov, Musik llya Demutsky, Inszenierung Kirill Serebrennikov), feierte seine Uraufführung im Dezember 2017 am Bolschoi-Theater in Moskau. Im Zuge der 2022 verschärften LSBTQ-Gesetze in Russland verschwand das umjubelte Stück aus dem Programm, mit der Begründung, es verstoße gegen das Verbot von Propaganda „nicht traditioneller Werte“. Damit kann nur die offen gezeigte Homosexualität des Titelhelden gemeint sein, die dieser zeitlebens nicht verbarg, in einem Milieu, das seit jeher von der Kraft, der Intelligenz und der Anmut schwuler Tänzer und Choreographen sowie gelegentlich lesbischer Tänzerinnen lebt. Die Aufführung des Staatsballetts Berlin ist die erste Wiederaufnahme außerhalb Russlands und unterstreicht die Idee, dass die Kunst sich nicht vereinnahmen lassen möge von politischen Schergen und Intrigen.

Die Darbietung an der Deutschen Oper Berlin wird nicht, wie leider oft beim Ballett üblich, aus der Konserve begleitet, vielmehr spielt das Orchester des Hauses in voller Besetzung. Dieser Umstand erlaubt einen dramaturgischen Höhepunkt: Als auf der Bühne Nurejews Taktstock aus einem Konzert mit den Wiener Philharmonikern zur Versteigerung ansteht, geht der Tänzer Martin ten Kortenaar in der Titelrolle durch die erste Reihe im Parkett, öffnet einen verborgenen Einlass in den Orchestergraben und nimmt, bevor er zu dirigieren beginnt, den Vorschussapplaus des Publikums entgegen, genauso, wie es der tatsächliche Dirigent des Abends zu Beginn der Aufführung getan hatte. Wer die letzte Aufführung dieser Saison verpasst hat, darf sich trösten mit der Perspektive, dass ab April 2027 weitere Termine auf dem Spielplan stehen. Angesichts der Begeisterung im stets ausverkauften Haus sollten Interessenten mit dem Kauf eines Tickets nicht zu lange warten.

Die Berliner Version des Intendanten Christian Spuck setzt das Gedränge und Gewimmel auf der Bühne fort, wie er es mit Verdis „Requiem“ bereits exerziert hatte. Auf der Bühne sind permanent zwanzig und mehr Personen in Aktion: Das Corps de Ballett in seinen akkuraten Formationen, ein Teil des Chors in barocken Kostümen, Schauspieler und Solosänger der Oper, Bühnentechniker beim Umbau. Bedauerlicherweise sind die intimen Paartänze zu selten zu sehen, vor allem in der zweiten Hälfte des Abends rutscht die Darstellung mehrfach in die Beliebigkeit, der Faden der Erzählung des Handlungsballetts geht den Beteiligten verloren, die Szenen reihen sich unpassend aneinander wie bei einer Nummernrevue im Zirkus. Natürlich bleibt es ein Vergnügen, den durchtrainierten Leibern beim Vollzug eigentlich unmöglicher Gesten, Sprünge und Figuren zuzusehen, aber im Gedächtnis der Zuschauerin bleibt keine einzige Szene. Polina Semionova als Margot Fonteyn ist hinreißend, das Ensemble tanzt fraglos makellos, die Geschichte, die es erzählt, bleibt jedoch ohne Seele.

Der Film „White Crow“ in der Regie von Ralph Fiennes von 2018 ist der jüngste Versuch, Nurejews Leben und Werk für die Leinwand zu adaptieren. Dabei beschränkt sich der Film auf seine Jahre als Jugendlicher und junger Mann und steuert als Höhepunkt auf seine Flucht 1961 in den Westen zu; wie sich seine Karriere nach dem Verlassen der UdSSR entwickelt, bleibt offen. Das Ballett „Nurejew“ lässt hieran keinen Zweifel: Sein Tanz setzt bleibende Maßstäbe im klassischen Ballett, wie Reminiszenzen an „Schwanensee“, „Don Quixotte“, „Giselle“ und die „Bayadère“ belegen. Rudolf Chametowitsch führte ein Leben im Jet Set und vermehrte seine Allüren, seine Affairen, seinen Ruhm und seinen Reichtum ins Märchenhafte. Nach seinem Tod wurde seine Hinterlassenschaft – Gemälde, Möbel, Tapisserien, Kostüme – mit der seine Wohnsitze ausgestattet waren, in einer Auktion öffentlich versteigert, so die Rahmenhandlung des Balletts. Diese Reliquien seines Lebens mögen mit dazu beitragen, dass Rudolfs sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehe – nicht vergessen zu werden.