Täuschung

Kerstin schloss ihr Fahrrad an einem Laternenpfahl an. Hier in Uhlenhorst ging das gut, geklaut wurde bevorzugt rund um den Hauptbahnhof von den Drogensüchtigen, aber nicht in einer so grünen wie ruhigen Wohngegend an der Außenalster. Es schien ihr so, als ob die eierschalenweißen Jugendstilbauten sich selbst und ihre Bewohner vor Vandalismus und Diebstahl schützten. Sie trat in den Hausflur und öffnete den Briefkasten, eine Karte von Luise aus dem Urlaub in Griechenland an sie beide sowie ein förmlicher Brief mit Adressfenster an Wolfgang, vom Klinikum Eppendorf. Sie nahm die Treppe in die Beletage und schloss die Wohnungstür auf, Schlüssel und Post legte sie auf den Sekretär im Vestibül.

Sie ging in die Küche und setzte Teewasser auf, die Blätter des feinen Senchas im Sieb waren noch leicht feucht und gaben genug Geschmack für einen zweiten Aufguss her. Sie hatte sich Klassenarbeiten zum Korrigieren mit nach Hause genommen, vor ihr lagen die ruhigen Nachmittagsstunden, bevor Wolfgang am frühen Abend wiederkommen würde. Er war heute morgen vor ihr aufgebrochen, auf dem Küchentisch stand noch sein Frühstücksteller neben seiner Kaffeetasse. Was hatte er im Klinikum Eppendorf gemacht? Von einem Besuch, von einer Untersuchung hatte er ihr nichts erzählt. Luise ging es bestens, sie war mit ihrem Freund per Interrail auf den Peloponnes gefahren und aalte sich jetzt am Strand auf Lesbos in der Vorsommersonne.

Der letzte Familienurlaub lag schon Jahre zurück, Luise und ihr Zwillingsbruder Matthias wollten nicht mehr mit ihren Eltern nach Norwegen oder Irland zum Wandern fahren, zu langweilig, zu viel Nähe zu Mama und Papa. Der Auszug der Kinder hatte die Wohnung leiser und größer gemacht, ihre Zimmer hatten sie unverändert gelassen, ab und an kamen sie für ein Wochenende zu Besuch. Die jetzt mehr zur Verfügung stehende Zeit nutzen sie unterschiedlich, Kerstin hatte wieder mit dem Reiten begonnen, Wolfgang traf sich mit Kollegen oder Freunden, wie er erzählte. Sie selbst fuhren öfter zusammen an die Küste und verbrachten lange Stunden am Meer. Wolfgang war schon immer ein schweigsamer Typ gewesen, für sie wirkte es so, als ob er über den Auszug ihrer Kinder erleichtert wäre. Gesagt hatte er das nie.

Sie setzte sich mit ihrer Kanne Grüntee in ihr Arbeitszimmer und begann mit dem Anstreichen falscher Vokabeln und fehlerhafter grammatikalischer Konstruktionen. Der Brief vom Klinikum ließ ihr keine Ruhe. Wolfgang wirkte in den letzten Monaten abgespannt und müde. Er hatte deutlich an Gewicht verloren, was ihm nicht stand; seine Lymphknoten in den Achseln und in der Leiste waren olivengroß verhärtet, auch schwitzte er nachts stark und zeigte keine Freude mehr am Schwimmen. Sie fragte ihn, was mit ihm los sei, bekam aber nur die Antwort, dass er im Büro viel zu tun habe und ziemlich unter Stress stehe. Wenn sie einander berührten, kam ihr seine Haut schlaff und fahl vor, wie die eines Rauchers, der er nicht war. Waren das die Zeichen des Alters, nach denen sie auch bei sich fahndete, in der Hoffnung, dass es nur das Weißwerden ihrer Haare betraf?

Ohne richtig ins Arbeiten gekommen zu sein, stand sie auf und setzte sich mit der Zeitung auf den Balkon. Das Jahr hatte schlimm begonnen mit dem Mord am schwedischen Ministerpräsidenten, dann folgte der Anschlag auf die Diskothek in Westberlin, vor vier Wochen dann die Explosion im sowjetischen Kernkraftwerk, über die die Behörden keine Informationen herausgaben. Körnige Bilder flackerten über den Fernseher, die genau die freigesetzte Radioaktivität nicht zeigten. Ausländische Reporter waren nicht zugelassen, über das genaue Ausmaß des Schadens und die Reaktion der Regierung war kaum etwas bekannt. Kerstin hatte in der Klasse mit ihren Schülerinnen und Schülern darüber gesprochen, sie wussten, dass die hoch gesicherte Grenze mitten durch Europa den Wind nicht daran hindern konnte, die Gifte Richtung Westen zu tragen.

Vor ein paar Tagen war ihr an Wolfgangs Oberarm ein violetter Fleck aufgefallen, von der Größe eines Fingernagels und knotig hervortretend, wie ein größerer Pickel. Als sie ihn fragte, woher der Fleck stamme, meinte er, er habe sich gestoßen, mehr nicht. Verblassen wollte die Stelle nicht, wie es von einem Bluterguss zu erwarten wäre. Sie gestand sich ein, dass sie ihrem Mann nicht mehr vertraute; sie hatte das Gefühl, dass er ihr nicht alles sagte, dass er sie gar belog. Er war für die Reederei regelmäßig auf Dienstreisen, er flog öfter in die USA und brachte ihr neben einer original 501 die neuesten Singles von Blondie mit, die es in den hiesigen Plattenläden nicht zu kaufen gab. Auch die je aktuelle Ausgabe des „New Yorker“ gehörte zu den Souvenirs. Sie hatte sich während seiner Abwesenheit immer sicher gefühlt, hatte nie den Argwohn gehabt, er könne sie hintergehen oder betrügen. Das wachsende Gefühl einer Entfremdung ließ sie nicht los, sie musste etwas dagegen tun.

Bei aller Nähe und Vertrautheit hatten beide ihre Tabuzonen. Ohne es aussprechen zu müssen, waren ihre Schreibtische und ihre Kleiderschränke für den jeweils anderen nicht zugänglich, anders hätte es mit dem Zusammenleben nicht funktioniert. Das Klingeln des Telefons holte sie zurück in die Gegenwart. Sie ging in die Diele und nahm den Hörer ab, sich mit „Steinfeld“ meldend. Die Leitung blieb stumm, nach einem Augenblick hörte sie das beendende Klacken eines nicht geführten Gesprächs. Bildete sie es sich ein oder war dieser Anrufsversuch nicht der erste seiner Art? Ihr konnte er nicht gegolten haben, warum sollten ihre Freundinnen, ihre Kolleginnen oder ihre betagte Mutter auflegen, wenn sie abnahm? Sie stand unschlüssig vor Wolfgangs Kleiderschrank. Wenn sie jetzt die Tür öffnete und in seinen Sachen wühlte, hätte sie vor ihm ein Geheimnis, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Was befürchtete sie zu finden? Briefe in einer runden, weiblichen Handschrift? Lange blonde Haare auf dem Sakko? Theaterkarten für eine Vorstellung ohne sie? Es dränge sie, Klarheit zu bekommen, zugleich wollte sie den Schutz des Nichtwissens behalten. Sein Schreibtisch war aufgeräumt wie stets, im rechten Winkel lagen Tastatur, Bleistift, Lineal und Notizblock zueinander. Nur das gerahmte Foto von Luise und Matthias stand schräg auf der Ecke. Was vermutete sie in den Schubladen? Sie konnte nicht an sich halten und zog an der obersten Lade, deren Inhalt gleitend offen vor ihr lag. Die alte Taschenuhr seines Großvaters, die Zeichnung einer Möve von ihr, eine Packung Taschentücher, ein klappbares Reiseschachspiel, alles Dinge, die sie kannte. Sie schlug die Lade heftig zu, als wäre sie zu weit gegangen. War das nun richtig oder blieb es falsch, dass sie seine vermutete Täuschung mit Misstrauen und Nachforschungen beantwortete?

In einer Stunde würde er zu Hause sein. Sie ging in die Küche und richtete einen Salat an, der nur noch mit Essig und Öl übergossen werden musste. Sie deckte den Tisch für zwei, stellte Weingläser neben die Teller und holte eine Flasche Riesling aus der Kammer. Den Brief aus dem Klinikum lehnte sie aufrecht an den Stiel des Glases an seinem Platz, als stille Aufforderung, ihr zu sagen, was los sei. Als er schließlich kam, begrüßte sie ihn mit einem Kuss; er wirkte nach dem Treppensteigen in den ersten Stock ungewohnt kurzatmig. Sein Mund formte ein Lächeln, seine Augen hatten den gelblichen Schimmer behalten, der ihr parallel zum lila Fleck auf dem Oberarm aufgefallen war. Als er sich an den Tisch setzte, bemerkte sie, dass er seinen Ehering nicht trug. Hatte er ihn heute früh im Bad liegengelassen? „Wie war Dein Tag?“, fragte sie ihn automatisch. „Luise hat eine Karte aus Griechenland geschickt. Und Du hast auch Post bekommen.“

„Danke, ganz gut. Wir haben viel zu tun im Büro, ich hatte ja von den Expansionsplänen der Firma berichtet.“, gab er technisch Auskunft. Als sie den Salat anmachte und beiden auftat, registrierte sie, dass er den Brief aus Eppendorf gesehen hatte. Anstatt ihn zu öffnen, drehte er ihn mit dem Adressfeld nach unten und schenkte beiden etwas Wein ein. „Willst Du nicht nachsehen, was die Klinik Dir schreibt?“, fragte Kerstin zwischen zwei Streifen Rucola. Sein „Ach, das ist nichts von Bedeutung, ich schaue später nach.“ klang eine Spur zu locker, um glaubhaft zu wirken. Kerstin widerstand dem Impuls, mit dem Messer ans Glas zu schlagen, als wollte sie seine Aufmerksamkeit, um zu einer Rede ansetzen. Ruhig und gefasst fragte sie: „Wolfgang, was ist los?“ Er senkte die Augen, hob sie wieder, wich ihrem Blick aus, griff sich an den Kragen und lockerte seine Krawatte. „Nichts, was soll sein?“

Kerstin legte Messer und Gabel neben den Teller, straffte den Rücken und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie musterte ihren Mann und sah, wie er sich innerlich wand. Drohte er zu fallen, wenn er sagen sollte, was sie zu hören sich ausmalte? Ihre Stimme war belegt, als sie ihre Frage wiederholte: „Wolfgang, was ist los mit Dir?“ Er wirkte auf sie wie ein halbwüchsiger Schüler, den sie wegen Schwänzens ermahnte. „Was ist mit Dir, Wolfgang? Ich erkenne Dich nicht mehr wieder, was ist geschehen?“ In die Stille nach diesen Worten tickte die Küchenuhr überlaut hinein, durch die offene Balkontür wehten heitere Stimmen von der Straße in die Wohnung. „Was verbirgst Du vor mir? Ich bin Deine Frau, was darf ich nicht wissen?“ Er rückte den Stuhl leicht vom Tisch weg, als könnte er damit ihre Fragen überhören.

Kerstin stand auf und nahm sich aus der Lade ein sauberes Messer. Im Stehen griff sie nach dem Brief und setzte die Klinge an, den Umschlag aufzuschlitzen. „Soll ich Dir vorlesen, was die Klinik Dir schreibt?“ Als hätte sie damit ein Zauberwort ausgesprochen, gefror Wolfgangs Miene, seine Augen wurden leer, aber er widersprach nicht. Kerstin öffnete den Umschlag, entnahm ihm die beiden Papierbögen und gab sie Wolfgang, ohne sie auch nur zu überfliegen. Sie wollte ihm helfen, ihn nicht bedrängen. Er fingerte seine Lesebrille aus der Jackentasche, las das Schreiben und ließ es auf die Tischplatte sinken. „Es ist das Ergebnis einer Blutuntersuchung. Es ist leider schlecht, ich bin krank.“ – „Wolfgang, das sehe ich. Was heißt krank, was hast Du?“, fuhr ihre Stimme ihn an.

Eine verdrängte Ahnung stieg heftig in ihr auf und blockierte ihren Atem. Hatte sie das Offensichtliche übersehen? Nein, das konnte nicht sein, sie waren doch verheiratet, seit einem Vierteljahrhundert. Sie addierte seine Symptome, verglich sie mit den reißerischen Berichten der Presse über eine neue Krankheit und interpretierte beides vor dem Hintergrund seines Ausweichverhaltens. Wenn ihre Schlussfolgerung stimmte, saß vor ihr ein Unbekannter, der in Gedanken nicht bei ihr und seiner Familie war, sondern in den Armen … eines … Es war zu spät, diese Vorstellung zu verscheuchen, auch ihr Selbstbetrug kam an ein Ende: „Was. Ist. Mit. Dir!“, rief sie mehr, als sie fragte.

In New York und San Francisco wurden zu Beginn des Jahrzehnts die ersten Fälle einer neuen Infektion beschrieben, die bevorzugt junge schwule Männer traf, ihr Immunsystem ausschaltete und sie in der Folge tötete; auch Prostituierte, Bluter und Fixer gehörten zu den Opfern. Vor drei Jahren war das Virus als Auslöser der Krankheit identifiziert worden, das über Blut, Sperma und Vaginalsekret weitergegeben wurde, von einem heilsamen Medikament oder einer Impfung keine Spur. Auch in der Bundesrepublik waren die Anzeichen einer Epidemie zu erkennen, das Gesundheitsministerium setzte auf Aufklärung und auf Kondome. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern. „Wann hast Du Dich infiziert? Bei wem?“