Es ist erstaunlich, wie sich das Finden von Büchern im Verlauf eines Leselebens ändert. In der Jugend und dann später in den Zwanzigern und Dreißigern waren die Bücher, die ich las, offenkundig miteinander verwandt, sie schienen sich automatisch zu finden. Von Albert Camus ist es nicht weit bis zu Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Wer die Lyrik Ingeborg Bachmanns liest, wird in deren Sog Max Frisch und Hans Werner Henze entdecken. Fedor Dostoewski ruft nach Anton Cechov und, warum nicht, nach Mikhail Bulgakov. Diese Familienähnlichkeit ist zumindest im Bereich der Literatur, also der fiktionalen Texte, bei mir ins Stocken geraten; es bedarf schon länger externer Hinweise auf lesenswerte Romane, Erzählungen oder Gedichte. Derlei Fingerzeige erhalte ich bevorzugt im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen“, die auf diesem Feld ihre Hegemonie nicht eingebüßt zu haben scheint.
Neulich musste ich erleben, dass das Mich-Inspirieren-Lassen in der Buchhandlung nicht mehr ohne weiteres funktioniert. Ich betrat die kleine Buchhandlung bei mir im Quartier, in der ich regelmäßig meine Bücher bestelle; sie verfügt über einen Schwerpunkt bei zeitgenössischer Literatur, sollte also beste Bedingungen bieten, mich auf frische, verblüffende Federn hinzuweisen. Aber ach, ich stand vor den Regalen und an den Tischen, auf denen die Neuheiten der Saison präsentiert wurden, und fühlte mich verloren. Die Namen der Autorinnen – schreiben Männer eigentlich nur noch Sachbücher über Schwarze Löcher, Bitcoin, Hochseeyachten oder den 30jährigen Krieg? – auf den fröhlich bunten Umschlägen sagten mit gar nichts, keine Spur von Vertrautheit im Lesegedächtnis. Die Werbesprüche auf den Rückseiten wirken nur noch wie eine Ausladung; da wird das Werk wahlweise als „bahnbrechend“ oder „verstörend“, „sprachgewaltig“ oder einfach nur „faszinierend“ angepriesen, was mich das gerade in die Hand genommene Buch reflexhaft wieder zurücklegen lässt.
Auch der rote Aufkleber, Bestseller einer Hamburger Illustrierten zu sein, wirkt auf mich eher abschreckend. Und wenn ich dann versuchsweise in ein Buch einer mir unbekannten Autorin hineinlese, bin ich oft nach ein paar Passagen angeödet. Sie schreibt in Sätzen mit maximal acht Wörtern und hauptsächlich im Präsens, benutzt ad nauseam und sinnfrei den Gedankenstrich, der Text wirkt wie ein aufgeblasener Kommentar auf Facebook oder YouTube. Und in der Tat, die Autorin wird im Klappentext als Social Media Managerin eines TV-Senders vorgestellt, damit ist sie also das Gegenteil einer Literatin. In der Belletristik suche ich eben keine Gebrauchstexte, sondern Kunst, kein PR-Gedrechsel, sondern Stil. Die Auslagen in meiner Buchhandlung sind mir unter diesem Aspekt Überforderung und Enttäuschung zugleich.
Im stadtbekannten „Bücherbogen“ am Savignyplatz widerfährt mir derlei Trauriges nicht. Allerdings suche und finde ich dort Bücher zur Architektur, zur Stadtplanung und zur Mobilität; in dieser gut sortierten Buchhandlung mache ich immer Beute, was mein Budget für gedruckte Texte verlässlich strapaziert. Jede Steuererklärung bringt es ans Licht: Ich kaufe im Jahr über 50 Bücher, also im Schnitt eines pro Woche. Dabei gebe ich meist zwischen 1.600,- und 1.800,- Euro aus und liege damit weit über dem Durchschnitt der deutschen Buchkäuferin. Für das Jahr 2024 notiert der Börsenverein des deutschen Buchhandels einen Branchenumsatz von 9,8 Mrd. Euro. Nach Warengruppen differenziert, liegt die Belletristik mit 36 Prozent an der Spitze, es folgen Kinder- und Jugendbücher mit 18 Prozent sowie Ratgebertitel mit knapp zwölf Prozent. Weil ich keinen Platz im Regal mehr habe, wachsen derzeit Bücherstapel auf der herausgezogenen Schublade meines Lesepultes, das so zweckentfremdet wird. Die dort ruhenden Bücher widmen sich architektonischen, historischen, soziologischen und religiösen Themen; lediglich zehn Prozent sind im engen Sinn Literatur, aber nur deswegen, weil ich kein Gespür mehr dafür habe, welche neuen Romane das Genussversprechen halten könnten.
Ich stelle ernüchtert fest, dass ich den Kontakt zur zeitgenössischen Literatur verloren habe. Gut, ich kenne und schätze die Texte von Karl Ove Knausgard und Sofi Oksanen, von Lea Streisand und Alain Claude Sulzer, aber eben auch schon seit zehn und mehr Jahren, da lässt sich kaum von einer Neuentdeckung sprechen. Die letzte wirklich erschütternde, in Teilen verletzende Begegnung im Bereich des Lesens war jene mit Warlam Schalamow und seinen „Erzählungen aus Kolyma“; allerdings halte ich diese Texte nicht für Belletristik, auch wenn sie formal als Kurzgeschichten daherkommen und auch wenn der Autor immer Wert darauf legte, ein Dichter und kein Chronist zu sein. Seine Darstellung der Welt der sowjetischen Vernichtungslager im äußersten Osten Sibiriens reiht sich eindrucksvoll ein in die Memoirenliteratur zum Gulag, Seite an Seite mit Jewgenia Ginzburg, Angela Rohr oder Alexander Solschenizyn.
Das schreibende Wüten Louis-Ferdinand Célines ist fesselnd, keine Frage, aber dieser in Deutschland verfemte Autor ist seit 65 Jahren tot. Und was an den ausgedehnten Romanen Ayn Rands, die in den USA in puncto Popularität gleich nach der Heiligen Schrift kommen, so spektakulär sein soll, habe ich beim Lesen ihres „Ursprungs“ auch nicht verstanden; eh bien, ebenfalls eine längst verstorbene Autorin. Ljudmila Ulitzkaja hingegen lebt noch, sie könnte mit ihren über 80 Jahren bei etwas gutem Willen als zeitgenössische russische Erzählerin durchgehen; ihre Bücher sind voller nostalgischem Witz. Es bleibt unterm Strich festzuhalten, dass die deutsche und erst recht die internationale Gegenwartsliteratur an mir vorbeigeht und ich nur zufällig erfahre, wer gerade unbekannte Wege der Beschreibung des Immergleichen vermisst und beschreitet.
Denn das ist mein Anspruch an das erzählende Schreiben: Es soll nicht die Phrasen der Politik und den Zynismus des Journalismus wiederholen, auch soll es Abstand halten zum Dozieren der Wissenschaft und zur Trivialität der Fernsehserien. Kurzum, es soll imstande sein, die lebendige Sprache selbst zu untersuchen sowie zu analysieren und dergestalt in Erinnerung zu bleiben. Das gelingt selbstredend den Bewohnern des literarischen Olymps und manchmal ihren Epigonen. Und diese Welt der Phantasie ist noch nicht bedroht von den großen Sprachmodellen à la Gemini, von denen allerdings bereits Arztromane von der Stange zu erwarten sind. Auch das boomende Fach des New Adult hat den Ruch des KI-Generierten; es scheint jedoch den Nerv der Generation TikTok zu treffen und bedient das Verlangen der Leserinnen nach Zerstreuung und Unterhaltung anstrengungslos.
Und nun, was tun? Zum Verzweifeln gibt es keinen Grund. Zum einen kann ich, wann immer ich es will, die „Verlorene Zeit“ ein weiteres Mal lesen, durchaus auch nur einzelne Kapitel. Auch der „Zauberberg“ und das „Goldene Notizbuch“ laufen nicht weg, auch „Mrs. Dalloway“ und die „Hundejahre“ warten artig im Regal. Zum anderen werden mir weitere Bücher zustoßen, gegebenenfalls von heutigen Autorinnen, eventuell von solchen aus dem 19. Jahrhundert. Mir hat die benediktinische Vorstellung, dass Bücher wie Freunde seien, immer eingeleuchtet. Sie sind verlässlich da, sie geben Anregungen, sie erzählen denen, die zu hören verstehen, Geschichten, sie weisen Wege und stiften Trost. Das kann das Buch Numeri ebenso sein wie die „Statischen Gedichte“ Gottfried Benns. Es bleibt mir noch mehr als genug zu entdecken und zu lesen, im Gegensatz zu den mir noch bemessenen Jahren ist der Produktion neuer Bücher praktisch keine Grenze gesetzt. Angesichts der Endlichkeit meines Leselebens wollen die noch zu findenden Titel gut gewählt sein. Solange die Freude am Lesen noch da ist, ist mir vor der Zukunft nicht bang.