Testfrau

Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug. – Parsifal zu Amfortas

In der modernen Gesellschaft gibt es neben dem Krieg keinen Bereich, der sich so paradigmatisch über den Leistungsgedanken definiert wie der Sport. Das exklusive Ziel ist der Sieg, besser zu sein als die Anderen. Metaphern des Sports haben Einzug gehalten in die Welt der Wirtschaft, wo von Training, Erfolg, Performance, Durchsetzen, Vorsprung und dergleichen die Rede ist. Wobei der Wettbewerb hehr und fair sein soll, also alle Teilnehmer mit den potentiell gleichen Voraussetzungen an den Start gehen sollen. Um diese Fairness macht sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) große Sorgen. Es hat nun verfügt, dass ab den Sommerspielen 2028 in Los Angeles alle Aktiven, die in der Frauenkonkurrenz starten wollen, einen reziproken Dopingtest auf das SRY-Gen erdulden müssen, egal, ob sie in Einzel- oder Teamsportarten antreten.

Das IOC, eine kriminelle Vereinigung wie die Camorra, die FIFA und die US-Kamarilla, lässt auf seiner Webseite wissen, dass es weibliche Athletinnen „schützen“ wolle. „Bedroht“ werden sie nach dieser Lesart von Transfrauen, die für das IOC Männer bleiben. Ist der Gentest positiv, handelt es sich laut der vom IOC konsultierten, anonymen Experten um einen Mann, ist er negativ, um eine Frau, besser, um eine Testfrau. Dieser Interpretation zufolge bedeutet das Vorhandensein des SRY-Gens, dass die (erwachsene) Person eine maskuline Pubertät durchlaufen habe, also gegenüber Frauen prinzipiell bessere Bedingungen für den sportlichen Erfolg aufweise: Durch einen größeren Brustkorb und damit ein größeres Lungenvolumen, längere Arme und Beine, eine prägnantere Muskulatur. All das schlage sich in größerer Kraft, Entschlossenheit, Härte und Ausdauer nieder, komme also einem unzumutbaren Wettbewerbsvorteil gleich.

Das Geschäftsmodell des IOC ist mafiös: Es lizensiert alle zwei Jahre die Nutzung der eingetragenen Marke „Olympische Sommer/Winterspiele“ an eine austragungswillige Stadt und beteiligt sich am Profit der Fernsehrechte, nicht aber an der Finanzierung der für den Sport notwendigen Infrastruktur. Seit Montreal 1976 ist noch jede Olympiade zum Verlustgeschäft für die ausrichtende Stadt geworden, die Nachnutzungseffekte der Sportstätten stehen dabei in keinem akzeptablen Verhältnis zu ihren Kosten. Das Revival verpflichtender Tests, die vor über 30 Jahren im Profisport als Eingriff in die Intimsphäre abgeschafft wurden, offenbart, dass das IOC keinen Schimmer hat vom Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Dimensionen des Geschlechts. Oder es handelt in erklärt böser Absicht, um sich unterwürfig gegenüber dem Paten im Weißen Haus auf Linie zu bringen, der mit seinen Gesetzen dafür gesorgt hat, dass Transfrauen in den USA bereits auf College-Ebene vom Frauensport ausgeschlossen sind.

Dabei gibt es genügend skandalisierte Beispiele dafür, dass im Sport eine männliche Vorgeschichte nicht zwingend zu einem verzerrenden Benefit im Frauenwettbewerb führt. So erreichte Renée Richards 1979, vier Jahre nach ihrer Transition, im Alter von 45 Jahren mit Platz 20 ihre höchste Notierung in der Weltrangliste der Frauen im Tennis, von einer erdrückenden Dominanz der Konkurrenz konnte keine Rede sein. 1988 hingegen holte Steffi Graf, langjährige Weltranglistenerste und keineswegs transverdächtig, den Sieg bei allen vier Grand Slam-Turnieren und obendrein die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul. Seit drei Jahren gehört mit Leroy Mokgatle eine Transfrau zur Compagnie des Staatsballetts Berlin, dort tanzt sie auf den Zehenspitzen und ist filigran genug, von ihren Partnern gehoben zu werden. Sie zeigt, wie differenziert die aktuelle Leistungsfähigkeit eines wie auch immer variierten Körpers zu beurteilen ist.

Das IOC versteift sich auf eine (zumindest bisher) unabänderliche Größe, das individuelle Genom. Möglicherweise lassen sich mit Genscheren oder Stammzellbehandlungen künftig XY-Chromosomen zu XX-Chromosomen und vice versa formen, damit wäre die letzte opake Spur eines vorherigen Geschlechtes getilgt. Dem IOC entgeht bei seiner verdorbenen SYR-Politik, wie sehr sich Körper im Verlauf der Zeit unter dem Einfluss externer Hormone wandeln können. Nicht nur werden die Gesichtszüge weicher und die Haut seidiger, die Muskeln werden zum Teil abgebaut und durch Fettgewebe ersetzt. Nach einer mehrjährigen Östrogenbehandlung sowie der Entfernung der körpereigenen Keimdrüsen weisen Transfrauen einen vergleichbaren Testosteronspiegel wie gebürtige Frauen auf, sie regenerieren damit keinen Deut schneller und starten phänotypisch auf gleichem Niveau.

In den 1920er Jahren synthetisierte die Berliner Firma Schering, längst im Bayer-Konzern aufgegangen, das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. 1931 kam es in Dresden zur ersten dokumentierten genitalchirurgischen Operation. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich Homosexualität, Travestie und Transidentität begrifflich und anschaulich sauber trennen; seitdem ist klar, dass das Geschlecht weniger statisch und vielmehr dynamisch aufgefasst werden sollte, ohne dass es für eine Seite Verluste gäbe. Schweden war das erste Land, das diesem Umstand 1972 mit einem Gesetz zur Änderung des Personenstandes Rechnung trug. Diese Einsicht, der sich viele andere Länder, unter ihnen Deutschland, angeschlossen haben, wird mit dem Vorgehen des korrupten IOC suspendiert, vorgeblich um der Gerechtigkeit willen. Cherchez la femme statt corriger la fortune?

Die SYR-Politik des IOC ist sexistisch, weil sie das erklärte Ziel verfolgt, Transfrauen von weiblichen Sportwettbewerben auszuschließen. Sie ist erst recht sexistisch, weil sie alle Frauen unter den Generalverdacht des Betrugs stellt und sie anlasslos zu einem entwürdigenden Test zwingt, der ihre Weiblichkeit beglaubigen soll. Und sie ist abschließend sexistisch, weil den Männern die demütigende Durchleuchtung ihres genetischen Programms erspart wird. Bleibt die Frage, was das IOC mit dieser absurden Praxis eigentlich erreichen will. Vermutlich geht es um die Bestätigung der irrigen Annahme, das Geschlecht sei zum einen eindeutig bestimmbar, zum anderen ein Leben lang unveränderlich. Diese Haltung ist seit fast einhundert Jahren obsolet – bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam wäre sie noch verzeihlich gewesen, bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles ist sie schlicht peinlich.