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80 Jahre alt zu werden, ist für sich allein nicht unbedingt eine Nachricht. Mit 80 Jahren in den Ruhestand zu gehen, aber schon. Am heutigen Samstag hatte das „Pressezentrum am Kaiserdamm“ den allerletzten Tag geöffnet, zum späten Vormittag versammelten sich rund zwanzig Menschen vorgerückten Alters aus der erweiterten Nachbarschaft, um dem Inhaber Dank und Lebewohl zu sagen. Kerstin hatte rechtzeitig von diesem Termin erfahren, sodass sie sich dafür freimachen konnte. In den letzten fünfzehn Jahren hatte sie ihre tägliche „Frankfurter Allgemeine“ in dem vollgestopften Geschäft gekauft; sie war nolens volens zur Stammkundin geworden, auch weil in der näheren und auch weiteren Umgebung immer mehr Verkaufsstellen für gedruckte Zeitungen schlossen. Warum noch aufmerksam Print lesen, wenn es alberne Zerstreuung rund um die Uhr auf TikTok und Instagram gibt?

Der Empfang hatte unfreiwillig etwas von einer Beerdigung. Immerhin wurde Abschied vom Vertrauten genommen, und das Kommende, ganz Andere wurde mit betont fröhlichen Worten beschworen, als ließe es sich dergestalt auf Abstand halten. Die Vorsitzende eines Nachbarschaftsvereins, der sich um den nahen Lietzensee verdient macht, setzte zu einer Eloge auf den Inhaber an; der Repräsentant der Industrie- und Handelskammer überreichte ihm eine gerahmte Urkunde als Anerkennung einer 50 Jahre währenden Einzelunternehmerschaft. Ein Fotograf des ortsansässigen Boulevardblattes nötigte den so Geehrten zu einer Serie von Fotos, allein, zusammen mit seiner treuen Mitarbeiterin, im Kreise der Gratulanten. Einige der Gesichter hatte Kerstin schon in der Canisius-Kirche gesehen, einem der zentralen dritten Orte im Quartier.

Da stand er nun, der ganz bald ehemalige Inhaber des Ladens, und wusste ob der lobenden Worte nicht wohin mit seiner Verlegenheit. Seit Jahresbeginn wurden keine Zeitungen mehr verkauft, der Laden wurde Schritt für Schritt abgewickelt, um Ende blieben die leergeräumten Regale und eine Verkaufsfläche, die nun blank weniger groß wirkte als vorher. Draußen auf dem Trottoir fanden sich einige der berüchtigten „Zu verschenken“-Kisten, die das Stadtbild des Reichshauptslums verunzieren helfen; sie enthielten Artikel, die nicht mehr verkauft werden konnten und nun flehentlich zum gefälligen Mitnehmen aufriefen. Die Hausverwaltung zeigte sich bezüglich der Nachfolgefrage nicht kooperativ und lehnte einen Interessenten, der das Geschäft mit seinem Sortiment übernehmen wollte, ab; über ihre Pläne mit der Gewerbeimmobilie schwieg sie sich aus. Noch ein Nagelstudio? Ein weiterer Handyladen? Oder die Parzellierung in möblierte Apartments à 12 m³ Wohnvolumen?

Der Besitzer hielt das Angebot an Zeitungen konsequent à jour. Neben den rührigen Lokalblättern und den wöchentlich erscheinenden Illustrierten aus Hamburg gab es natürlich prominent das Amtsblatt der Republik. Dazu die „Welt“, die „NZZ“, die „Süddeutsche“, die „Zeit“, das „Handelsblatt“, die „Jüdische Allgemeine“ und sogar die „Junge Freiheit“; lediglich der „Postillon“ hatte es nicht ins Regal geschafft. Bei den Zeitschriften fanden sich dann die „Freundin“, die „Vogue“, die „Bunte“ und die unverwüstliche „Brigitte“. Weitere Standbeine des Ladens waren eine Lottoannahmestelle, Tabakwaren und Schreib- sowie Dekoartikel. Den Hauch eines Antiquariats bekam das Geschäft durch preisreduzierte Bücher vergangener Tage aus allen erdenklichen Richtungen: kiloschwere Hefte mit Kreuzworträtseln, Lilli Palmers Memoiren, ein Michelin-Straßenatlas vom Beginn des Jahrtausends, Regionalkrimis sowie Tipps zur Verhütung ohne Hormone. Kerstin machte sich eine Freude daraus, den Preis ihres Zeitungsexemplars genau abgezählt bereit zu halten; dass hier noch in bar bezahlt werden konnte.

Kerstin hatte immer mal wieder mit dem alten Mann geschwatzt, der sich ihr als Junggeselle, Gartenfreund und Katzenliebhaber vorstellte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass das Geschäft einmal wegen Urlaubs geschlossen war; werktäglich ab 6:00 Uhr war die Tür geöffnet. Der Inhaber sprach sie auf die jeweiligen heißen Themen in Politik und Wirtschaft an und war ehrlich interessiert an ihrer Meinung. Wer dreißig Jahre am Kaiserdamm ein Ladenlokal bespielt, wird zwangsläufig zu einer Institution, erst recht, wenn der Laden inhabergeführt wird. Sollte das Ende des „Pressezentrums“ nun als schlechtes Omen zu werten sein, dass sie endlich auf ein Digitalabonnement ihrer Lieblingszeitung umsteigen sollte? Eher hatte sie das Gefühl, dass hier nicht nur ein betagter Mann in den sicher wohl verdienten Ruhestand ging, sondern dass ein weiteres Stück des alten Westens verschwand, speziell hier im tendentiell bürgerlichen Charlottenburg. Das Einzige, was an dieser Ecke leider penetrant konstant dem Wandel entzog, war die automobile Gewalt auf der elfspurigen Stadtautobahn.

Als Kerstin neulich auf dem Heimweg die S-Bahn nahm, schweiften ihre Augen durch das Abteil nach einem freien Platz. Instinktiv setze sie sich einem älteren Herren gegenüber, der eine gedruckte Zeitung für Deutschland in Händen hielt, deren Layout und Typographie sowie die Karikatur auf dem Titel sie international unverwechselbar machen. Sie holte ihr Exemplar aus der Tasche und blätterte das Feuilleton auf, in die Richtung ihres Gegenübers lächelnd. Er sah sie ihr Pendant aufschlagen und lächelte ebenfalls. Sie lasen nicht mehr für sich, unterhielten sich stattdessen, beide waren sichtlich erfreut über den unvermuteten Kontakt. Wer heute noch ein gedrucktes Presseexemplar liest, begeht einen Akt der Nostalgie. Zeitunglesen in der S-Bahn als analoge Dating-App?