Zypern

Frauen haben kein Interesse am Schach, weil ihnen der unbewusste Wunsch fehlt, ihren Vater zu töten. – Reuben Fine, Psychoanalytiker und Schachspieler

Zypern im östlichen Mittelmeer ist eine unter Europäern, Russen, Israelis und zunehmend Chinesen beliebte Urlaubsdestination. Ungeachtet der Teilung der Insel seit 1974 in einen nördlichen türkischen und einen südlichen griechischen Teil ist das Land mit einer Republik als Staatsform Mitglied der EU, der NATO und des Euroraumes. Gegenwärtig finden auf der Insel der Aphrodite die Schachturniere des Jahres statt. Acht Schachspieler und acht Schachspielerinnen kämpfen um das Recht, den amtierenden Weltmeister sowie die amtierende Weltmeisterin herauszufordern. Das sogenannte Kandidatenturnier, veranstaltet vom Weltschachbund FIDE und finanziert vom Zahlungsdienstleister Freedom Holding Corporation, der auf Zypern seinen Firmensitz hat, geht noch bis Mitte April.

In den Tagen vor Turnierbeginn Ende März stand der Austragungsort Zypern wegen des israelisch-amerikanischen Krieges gegen den Iran auf der Kippe. Die Schließung des Luftraums über mehreren Ländern im Nahen Osten und der Bombardierung der internationalen Drehkreuze in den Vereinigten Arabischen Emiraten stellten die Aktiven aus Asien vor große Reiseschwierigkeiten. Ein deutsch-israelischer Unternehmer, der sich als Mäzen des Schachs versteht, bot gar an, das Kandidatenturnier kurzfristig nach Düsseldorf zu verlegen; es blieb dann aber bei der lange im Voraus geplanten Ausrichtung in einem zypriotischen Luxusresort. Die indische Großmeisterin Humpy Koneru allerdings zog ihre Teilnahme am Kandidatinnenturnier wenige Tage vor Beginn wegen Sicherheitsbedenken zurück, für sie rückte Anna Muzychuk aus der Ukraine nach.

Am heutigen Ostermontag ruht der Turnierbetrieb, der erste Umgang ist gespielt. Bei den Männern kann man bereits von einer Vorentscheidung sprechen. Javokhir Sindarov (Usbekistan) hat nur zweimal remisiert, aber fünfmal gewonnen und liegt mit 6 (!) Punkten einsam an der Spitze, der zweitplatzierte Fabiano Caruana (USA), der das direkte Duell verloren hat, kommt bloß auf 4,5 Punkte. Die nächsten Spieler Anish Giri (Niederlande) und Praggnanandhaa Rameshbabu (Indien) kommen auf 3,5 Punkte und haben damit ernüchternde 2,5 Punkte Rückstand auf den Führenden. Hikaru Nakamura (USA), nach Elo-Punkten die Nummer 2 der Weltrangliste, hat eine enttäuschende erste Turnierhälfte gespielt, ebenso wie der junge Chinese Wei Yi, der immerhin schon eine Partie gewonnen hat. Der deutsche Matthias Bluebaum, der eloschwächste Teilnehmer, hält sich achtbar in diesem Klassefeld und konnte gegen Sindarov gar remisieren. Der junge Russe Andrey Esipenko, der unter der FIDE-Flagge antritt, liegt abgeschlagen am Ende der Konkurrenz.

Bei den Frauen, die gemeinsam mit den Männern im selben Spielsaal sitzen, liegt das Feld zur Halbzeit des doppelrundigen Turniers viel enger beisammen. Anna Muzychuk führt mit 4,5 Punkten aus 7 Partien die Tabelle an, vor Vaishali Rameshbabu (Indien, die Schwester von Praggnanandhaa) mit 4 Punkten. Mit Zhu Jiner (China), Aleksandra Goryachkina (Russland beziehungsweise FIDE), Kateryna Lagno (ebenfalls Russland beziehungsweise FIDE) und Divya Deshmukh (Indien) weisen gleich vier Spielerinnen 3,5 Punkte auf und haben somit realistische Chancen, im zweiten Umgang in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen. Die Kasachin Bibisara Assaubayeva, privat mit Javokhir Sindarov liiert, wäre von ihrer Elozahl höher einzustufen, als es der aktuelle 7. Rang ausgibt. Tan Zhongyi aus China, ehemalige Championesse, erlebt einen katastrophalen Wettbewerb und trägt ohne einen einzigen Sieg die rote Laterne.

Bei Schachturnieren, die nach Geschlechtern getrennt sind, spielen die Frauen in der Regel mehr entschiedene Partien, während sich die Männer eher eine friedliche Punkteteilung gönnen. Auf Zypern kehren sich die Verhältnisse um, wenn auch nur leicht. Bei den Männern wurden bisher elf Partien entschieden, bei den Frauen waren es deren zehn. Das liegt zum einen am sagenhaften Schach, das der junge Sindarov spielt, zum anderen am Risiko, das alle Spieler einzugehen gezwungen sind, weil sich beim Kandidatenturnier nur einer für das WM-Match qualifizieren kann. Wenn der junge Usbeke weiter so gut vorbereitet ist und so klar und zwingend spielt, wird ihm der Sieg und damit die Auseinandersetzung mit dem Titelträger Gukesh Dommaraju (Indien) nicht mehr zu nehmen sein. Bei den Frauen ist die Sache noch offen. Aleksandra Goryachkina, die bereits 2020 ein Match gegen die Chinesin Ju Wenjun spielte und nur knapp verlor, hat bisher nur remisiert. Wenn sie im zweiten Umgang den Druck erhöht, hat sie es in der Hand, als Erste durchs Ziel zu gehen.

Auch wenn das Kandidaten- und das Kandidatinnenturnier zur selben Zeit am selben Ort stattfinden und damit eine ungeteilte Aufmerksamkeit in den Medien garantieren: Eine Ungleichbehandlung lässt sich an zwei Punkten festmachen. Bei den Männern geht es um ein Preisgeld von insgesamt 700.000 Euro, von denen der Sieger 70.000 Euro bekommt, der Zweite 45.000 Euro, der Dritte noch 25.000 Euro. Zusätzlich erhält jeder Spieler für jeden erzielten halben Punkt 5.000 Euro. Bei den Frauen werden lediglich insgesamt 300.000 Euro an Preisgeld ausgeschüttet. Die Siegerin kann mit 28.000 Euro rechnen, die Zweite mit 17.000 Euro und die Dritte mit 8.600 Euro. Jeder halbe Punkt für jede Spielerin wird mit weiteren 2.200 Euro vergütet.

Auch bei der Zeitnahme ergeben sich auffällige Differenzen. So haben die Männer für die ersten 40 Züge 120 Minuten Zeit. Danach gibt es eine halbe Stunde für den Rest der Partie, ergänzt um einen Zuschlag von 30 Sekunden pro Zug, beginnend ab Zug 41. Die Frauen hingegen müssen die ersten 40 Züge in 90 Minuten absolvieren, danach erhalten sie weitere 30 Minuten bis zum Partieende. Allerdings bekommen sie einen Zuschlag von 30 Sekunden pro Zug bereits vom ersten Zug an. Warum Männer und Frauen sowohl beim Preisgeld als auch bei der Zeitnahme unterschiedlich behandelt werden, behält die FIDE für sich. Gegebenenfalls kann sich die Zuschauerin mit dieser Frage über den Livechat zu den Partien an den großartigen Kommentator Peter Svidler wenden. Der mittlerweile in Israel lebende Russe spricht nicht nur ein makelloses Oxfordenglisch, er ist auch bestens über alle Tiefen und Untiefen des modernen Schachs informiert und wird mit seinem Wissen nicht geizen.